Flossbach von Storch Kommentar vom 25.06.2026
von Sven Ebert & Gunther Schnabl
Am 23. Juni 2016 haben die Briten für den Brexit gestimmt, am 31.12.2020 trat das Vereinigte Königreich schließlich aus der EU aus. Seither ist die wirtschaftliche und politische Lage nicht besser geworden, wie der jüngste Rücktritt von Premierminister Keir Starmer zeigt. Wie der Brexit zu bewerten ist, erfahren Sie in unserem Interview mit Dr. Sven Ebert und Prof. Dr. Gunther Schnabl, im dazugehörigen Kommentar oder im KI-generierten Podcast.
Zehn Jahre nach dem Brexit ist die Stimmung im Vereinigten Königreich schlecht. Es gibt bald den 7. Premierminister. Ist der Brexit gescheitert?
Gunther Schnabl: Nicht unbedingt. Viele Briten sind zwar enttäuscht, doch die Ursachen der Unzufriedenheit reichen weiter zurück als der Brexit. Schwaches Produktivitätswachstum, zu hohe Staatsausgaben, wuchernde Regulierung und Kaufkraftverluste bestanden bereits vor dem Brexit-Votum. Das Grundproblem ist – wie in anderen EU-Ländern auch – eine verfehlte Wirtschaftspolitik.
Hat der Brexit die Hoffnungen seiner Befürworter erfüllt?
Sven Ebert: Nur teilweise. Die Zuwanderung aus der EU ist deutlich zurückgegangen und die nationale Souveränität wurde gestärkt. Aber die Zuwanderung aus Drittstaaten ist stark angestiegen und die neu gewonnene Souveränität wurde nicht für nötige Reformen genutzt.
Welche wirtschaftlichen Nachteile brachte der Brexit mit sich?
Ebert: Vor allem der Handel mit der EU wurde durch zusätzliche Bürokratie erschwert. Besonders kleine und mittlere Unternehmen leiden unter höheren administrativen Kosten. Das hat den Warenexport in die EU belastet. Andererseits hat der Handel mit Drittländern das mehr als überkompensiert.
Gibt es auch positive Folgen des Brexits?
Schnabl: Ja. Der Finanzplatz London hat von weniger Regulierung profitiert und damit seine internationale Bedeutung behauptet. Die Exporte von Finanzdienstleistungen sind seit dem Brexit-Votum deutlich gestiegen. Es würde auch nicht verwundern, wenn hinter den Kulissen der Finanzsektor den Brexit mit vorangetrieben hat.
Ist das Vereinigte Königreich wirtschaftlich schlechter aufgestellt als die EU?
Ebert: Die Daten liefern kein eindeutiges Bild. Das Wachstum lag seit 2016 über dem von Deutschland, Frankreich und Italien. Gleichzeitig war aber die Inflation höher. Besonders schmerzt, dass die Zinsen auf Staatsanleihen höher als in Frankreich und Italien liegen, obwohl die Staatsverschuldung niedriger ist. Aber auch in der EU war das Vereinigte Königreich nicht im Euroclub.
Welche Lehre lässt sich aus zehn Jahren Brexit-Votum ziehen?
Schnabl: Der Brexit war eher eine Folge wirtschaftlicher und politischer Unzufriedenheit als deren Ursache. Ob das Vereinigte Königreich künftig erfolgreicher sein wird, hängt weniger vom EU-Austritt ab als von dem Willen und von der Fähigkeit, Reformen umzusetzen. Das könnte dank der neu gewonnenen Souveränität leichter als für EU-Länder sein, wenn man sich eines Tages doch noch zu Reformen entschließen sollte.