DPAM Kommentar von Bruno Lamoral vom 27.05.2026
Zur Jahresmitte wird wohl nichts so gewiss sein wie die weltpolitische Ungewissheit. In einem solchen Umfeld wird die Portfoliozusammenstellung auf eine harte Probe gestellt und hängt ganz besonders von Korrelation zwischen verschiedenen Anlageklassen und damit den möglichen Diversifizierungsvorteilen ab. Auf das besondere Verhältnis von Aktien und Anleihen blickt Bruno Lamoral, Portfoliomanager für institutionelle Mandate bei DPAM:
Seit der Jahrtausendwende korrelierten die beiden überwiegend negativ, d. h. eine 60/40-Allokation erzielte attraktive Renditen. In den 2020er Jahren kehrte sich das um, zunächst nach der Corona-Pandemie, als sich die Nachfrage rasch erholte, die globalen Lieferketten aber noch eingeschränkt waren. Es folgte der Ukrainekrieg, der den Druck auf die Energie- und Lebensmittelpreise weiter verstärkte. In der Folge stoppten US-Zölle die Normalisierung und der jüngste Energieschock belebte die Sorgen über eine mögliche zweite Inflationswelle.
Die Preisentwicklung spielt eine zentrale Rolle bei der Korrelation zwischen Aktien und Anleihen. In einem disinflationären Umfeld schneiden Anleihen besser ab, weil es Spielraum für Zinssenkungen gibt. Sie eignen sich daher bei Wachstumsschocks besser zur Diversifizierung. Steigen dagegen die Preise, kann eine Reduzierung der Anleihengewichtung zugunsten eines Energieanteils die Diversifizierung verbessern. Energieaktien haben während eines Wachstumsschocks wie der globalen Finanzkrise allerdings keinen Schutz geboten. Man muss das vorherrschende Umfeld eben richtig einschätzen.
Ein wirksames Diversifikationsinstrument waren in der Vergangenheit die Edelmetalle, insbesondere Gold, das allerdings während der Eskalation im Iran keinen Schutz bot. Die Blockade der Straße von Hormus löste eine Welle von Gewinnmitnahmen aus. Zudem gab es Anzeichen dafür, dass die Zentralbanken netto weniger Gold kauften. Dennoch sollte deren Nachfrage intakt bleiben – der jüngste Preisrückgang könnte daher einen taktischen Einstiegspunkt bieten.
Die Inflation dürfte kurzfristig von der Dauer des Nahostkonflikts und den verursachten Schäden abhängen. Auf längere Sicht lautet die Frage aber eher, ob das inflationäre Umfeld der vergangenen Jahre einen strukturellen Wandel widerspiegelt. Die Weltordnung wandelt sich von einer unipolaren zu einer fragmentierteren, multipolaren Welt, mit höheren Verteidigungsausgaben, Rückverlagerungen von Produktionsstätten und Reibungen auf der Angebotsseite. Gleichzeitig schränkt die gestiegene Staatsverschuldung die Zentralbanken dabei ein, restriktive Maßnahmen über längere Zeiträume aufrechtzuerhalten. Zusammengenommen dürfte die Inflation daher strukturell höher sein.
Indikatoren zeigen jedoch, dass die Märkte höhere Inflation als weitgehend vorübergehend betrachten. Die KI dürfte im Laufe der Zeit einen Abwärtsdruck auf die Inflation ausüben, wenn auch mit Verzögerung. Zu beobachten wird sein, wie die Zentralbanken reagieren angesichts der zunehmenden Debatte um ihre Unabhängigkeit. Jede wahrgenommene Verschiebung der politischen Prioritäten birgt das Risiko, die Inflationserwartungen mittel- und langfristig zu untergraben.
Wird der US-Dollar in einer multipolaren Welt seinen Status als globale Reservewährung behalten? Derzeit drängt sich keine Alternative auf. Die europäischen Kapitalmärkte sind nach wie vor zu fragmentiert, als dass sich der Euro als globale Reservewährung etablieren könnte, während China seinen Kapitalverkehr vollständig öffnen müsste, um den Renminbi voranzubringen. Wahrscheinlich wird der Dollar – wie vor ihm das Pfund Sterling – seine Reservefunktionen langsam und schrittweise verlieren, während zahlreiche andere Währungen an Bedeutung gewinnen.
Vor allem in einer seiner drei Kernfunktionen als Reservewährung verliert der Dollar an Boden: Sein Anteil als Wertspeicher in den globalen Devisenreserven ist von rund 70 % zu Beginn des Jahrhunderts auf etwa 40 % gesunken. Dieser Rückgang hat sich beschleunigt, seit die USA ihre Währung nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine als Waffe eingesetzt haben. Bei der Abwicklung internationaler Transaktionen und der grenzüberschreitenden Finanzierung bleibt die Dominanz des Dollars weitgehend intakt. Würde das Petrodollar-System zu Ende gehen, wäre dies ein weiterer Schlag für den Dollar, doch macht Öl mittlerweile nur noch rund 10 % des weltweiten Handels aus, deutlich weniger als früher. Die zunehmende Anzahl bilateraler Währungsvereinbarungen mindert die Abhängigkeit vom Greenback zusätzlich – und dieser Trend dürfte anhalten.
In diesem Umfeld besteht die Herausforderung für Anleger nicht nur darin, die Richtung einzelner Anlageklassen einzuschätzen, sondern zu verstehen, wie sich deren Wechselwirkungen unter verschiedenen Umfeldern verändern. Korrelationen sind nicht statisch, ebenso wenig wie die Diversifizierungsvorteile, die sie implizieren. Heute wandelt sich das Umfeld nicht mehr abrupt als Folge von Schocks wie Kriegen oder tiefen Rezessionen. Übergänge bauen sich oft schrittweise auf, angetrieben von sich langsam verändernden Fundamentaldaten wie Verschuldung, Demografie, Produktivitätstrends und institutionellem Verfall, und sie enden abrupt, sobald kritische Schwellenwerte überschritten werden. Allokationen müssen daher dynamisch erfolgen und das jeweilige Inflationsumfeld berücksichtigen.