Flossbach von Storch Marktkommentar vom 2. Quartal 2026
Die Börse hat ihre neuen Stars: die Aktien der Chiphersteller. Was das über den Boom um Künstliche Intelligenz (KI) aussagt – und für Anleger bedeutet.
Die KI-Rally läuft weiter, das wahnsinnige Investitionstempo der Hyperscaler definiert das Schicksal der gesamten KI-Wertschöpfungskette. Am meisten profitieren derzeit die Hersteller von Chips, insbesondere von Speicherchips.
Doch auch ein Superzyklus bleibt ein Zyklus. Und zwar mit allem, was dazugehört: Explodierende Preise, Umsätze und Gewinne – Dominanz der Lieferanten, Ohnmacht der Kunden. Datencenter werden immer teurer, der Aufwand für jedes Gigawatt Rechenleistung wächst, bis es sich irgendwann nicht mehr lohnt.
Die hohe Nachfrage vor allem nach High-Bandwidth- Memory-Chips (einer speziellen DRAM-Kategorie) trifft auf ein begrenztes Angebot, das sich nicht über Nacht ausweiten lässt. Die Preise haben sich in etwa verfünffacht, die Gewinne verzwanzigfacht.
Die Chip-Knappheit dürfte zwar anhalten, aber die Vorstellung, es handele sich um eine nachhaltige Entwicklung, ist naiv. Die Chiphersteller beginnen auf Druck ihrer Kunden und getrieben von staatlichen Investitionsprogrammen (vor allem in Südkorea), ihre Kapazitäten massiv auszubauen. So plant SK Hynix, einer der weltgrößten Speicherchiphersteller, seine Fertigungskapazität binnen fünf Jahren zu verdoppeln. Andere Unternehmen ziehen nach.
Bis es sich irgendwann nicht mehr lohnt …
Der „Schweinezyklus“ ist Wesensmerkmal der (Speicher-) Chip-Branche und hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wilden Auf und Ab der Gewinne und Aktienkurse geführt. Der Aktienkurs des heutigen Speicherchipgiganten Micron Technology hat vom Hoch im Jahr 2000 bis zum Tief acht Jahre später rund 99 Prozent verloren. 2024 wurde der alte Höchstkurs erstmals wieder überschritten, und heute ist das Unternehmen mit 1,2 Billionen US-Dollar Marktwert der weltweit wertvollste Hersteller von Speicherchips.
Der hohe Marktwert basiert auf der Annahme, dass der Schweinezyklus diesmal wesentlich moderater ausfällt. Micron und andere Chiphersteller versuchen das Risiko von Überkapazitäten und fallenden Preisen durch längerfristige Lieferverträge zu begrenzen. Damit lässt sich der nächste Abschwung zwar abfedern, das ändert jedoch nichts an der inhärent zyklischen Natur der Branche.
So trägt der aktuelle Boom bereits den Keim des nächsten Busts in sich, wenngleich es vermessen wäre, das Ende des KI-Investitionsbooms punktgenau timen zu wollen.
Einige Faktoren sprechen aber zumindest für eine deutliche Abkühlung, etwa der Umstand, dass immer mehr Investoren auf den Zug aufspringen, ohne dabei die fundamentalen Unternehmensdaten zu berücksichtigen; stattdessen zählt allein der Kursverlauf.
Warnende Stimmen von erfahrenen Investoren kommen oft verfrüht. Anleger, die dagegen unbelastet von widrigen Erfahrungen der Vergangenheit agieren, reiten die Welle unbeirrt weiter. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Ihr Selbstvertrauen wächst bis zum Gefühl der Unfehlbarkeit.
Übliche Bewertungsmethoden werden zunehmend verdrängt. In der Dotcom-Blase waren es Klicks statt Umsatz. In der Finanzkrise toxische Produkte und flüchtige Eigenkapitalrenditen. Jetzt sind es schwer greifbare Umsatzpotenziale einer neuen Technologie, die zu einem historisch einmaligen Investitionsboom führen sollen. Das speist die optimistischen Erwartungen der Analysten für das Umsatz- und Gewinnpotenzial der KI-Profiteure. Das Enttäuschungspotenzial ist hoch.
Und die Volatilität steigt: Im Juni lagen die Tagesschwankungen des Halbleiterindex (Philadelphia Semiconductor Index) mit durchschnittlich 4,3 Prozent fast doppelt so hoch wie in den ersten vier Monaten des Jahres ...
Das Enttäuschungspotenzial ist hoch
Investitionen und Spekulation saugen Geld aus anderen Sektoren ab: Alles, was nicht vom KI-Boom profitiert, wird links liegen gelassen. In der Realwirtschaft wie an den Finanzmärkten verschärft sich der Wettbewerb um knappes Kapital. Unternehmen außerhalb der favorisierten Sektoren müssen höhere Zinsen akzeptieren und tun sich schwerer, Eigenkapital einzuwerben.
Die Folgen eines abklingenden Investitionsbooms wären gravierend. Die Unternehmen der Halbleiterbranche wären am stärksten betroffen, doch auch andere Ausrüster von Datencentern würde es treffen. Wegen ihres hohen Börsenwerts und ihrer hohen Indexgewichtung würde sich dies auch stark auf die allgemeine Börsenentwicklung niederschlagen.
Hinzu kommt, dass ein Abschwung des Investitionsbooms auch andere Branchen oder Unternehmen, die auf den ersten Blick nur wenig mit der Technologiebranche zu tun haben, empfindlich treffen würde. Ein Beispiel ist Caterpillar, das Diesel-Notstromaggregate und Erdgas-Generatoren für Datencenter liefert und dessen hohe Bewertung (Kurs-Gewinn-Verhältnis von 40) primär aus dem erhofften Potenzial des Datencentergeschäfts resultiert.
Schließlich würde auch die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen – nicht nur wegen ausbleibender Investitionen, sondern auch wegen erheblicher Kursverluste an den Aktienmärkten. Es gäbe also viele Verlierer, und deshalb werden die Stakeholder des Investitionsbooms alles daransetzen, dass dieser so lange wie möglich weiterläuft und das Narrativ vom KI-Goldrausch am Leben halten.
Es herrscht Zweckoptimismus
Die Hyperscaler, deren Wachstumsstory auf KI basiert, die KI-Modellanbieter, die ihren Börsengang planen, die Investmentbanken, die daran verdienen wollen, Gläubiger, die den Bau der Datencenter finanzieren, der US-Präsident, der eine starke US-Wirtschaft als Gradmesser seines Erfolgs braucht und zig Millionen US-Amerikaner, die direkt oder indirekt über ihre Pensionspläne in KI-Aktien investiert sind. Sie alle wünschen sich, dass der Investitionsboom kein Ende nimmt. Es steht also viel auf dem Spiel.
Deshalb sind die Erwartungen der Finanzmärkte, dass der Boom bis in die dreißiger Jahre anhält und sich sogar noch beschleunigen könnte, eher als Zweckoptimismus denn als rationale Erwartungshaltung zu verstehen. Die Entwicklung der KI wird weiter fortschreiten, so wie es beim Internet nach dem Platzen der Dotcom-Blase der Fall war. Dies bedeutet aber nicht, dass der Superzyklus bei den Investitionen unvermindert anhält.