Abkühlung

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 13.10.2023

Auf der Nordhalbkugel sind die Tage bereits merklich kürzer geworden, und auf einen langen Spätsommer folgt jetzt die Abkühlung. Eine Entwicklung, die für Konjunktur und Kapitalmärkte nicht ganz unähnlich ist. Der September machte auf jeden Fall seinem Namen wieder alle Ehre. Wenn es heißt „Sell in May and go away,“ so müsste sich diese Börsenweisheit, fortsetzen mit „and remember: come back end of September“1; ist dieser Monat doch, zumindest gemessen am DAX, der durchschnittlich schwächste Börsenmonat.

Auch in die ersten Tage des Oktobers hinein wollte sich die Stimmung nicht so richtig aufhellen. Die Jobzuwächse am US-Arbeitsmarkt fielen in der Vorwoche so stark aus, dass es den Zins-Tauben, welche in schnellen Zinssenkungen der großen Zentralbanken das Heil der Kapitalmarktwelt sehen, die Stimmung verhagelte. Gleichzeit brandet mit dem Angriff auf Israel der Konflikt im Mittleren Osten wieder auf, mit ungewissem Ausgang, aber latent steigenden Ölpreisen und erhöhten Unsicherheiten bzgl. des weiteren Verlaufs. Spannend wird es auch mit der Quartalsberichtssaison der Unternehmen. Traditionell haben die großen US-Banken den Reigen wieder eröffnet.

US-Arbeitsmarkt hin oder her, unser proprietärer Makro-Breitenindikator („Macro Breadth Index“) zeigt, dass sich die globalen Wirtschaftsdaten im September den dritten Monat in Folge leicht verschlechtert haben, wobei die wichtigsten Industrieländer, darunter die bisher widerstandsfähigen Vereinigten Staaten und Japan, Anzeichen einer Abkühlung erkennen lassen. Sowohl die Stimmung der Unternehmen als auch der Verbraucher hat sich im vergangenen Monat weiter verschlechtert, was auf einen anhaltenden Verlust der wirtschaftlichen Dynamik zum Jahresende hin hindeutet. Positiv zu vermerken ist, dass sich die Schwellenländer erholten, was durch die zum ersten Mal seit fünf Monaten verbesserten Daten aus China belegt wird. Mehrere Faktoren, die in der Vergangenheit einem Wirtschaftsabschwung vorausgingen, sind bereits am Wirken, darunter positive Produktionslücken, schrumpfende Gewinnspannen, ein negatives Geldmengenwachstum und invertierte Zinskurven.

Die weltweite Disinflationsdynamik zeigte im September einige Anzeichen eines Nachlassens, was durch den ersten Anstieg unseres „Macro Breadth Inflation Index“ seit vierzehn Monaten deutlich wird. Obwohl sich die globale Kerninflation im August weiter verlangsamte, verzeichnete der Verbraucherpreisindex seinen stärksten monatlichen Anstieg seit Januar. Die leichtere Phase der Disinflation könnte nun zu Ende gehen, da die günstigen Basiseffekte nachlassen und die höheren Energiepreise wieder auftauchen.

Ergo: Eine längere Phase straffer Geldpolitik, bei einem unterhalb des Potenzials liegenden Bruttoinlandsproduktwachstum, könnte notwendig sein, um die zyklische Inflation nachhaltig auf das Zielniveau der Zentralbanken zurückzuführen.

Die Woche voraus

In der kommenden Woche stehen am Dienstag die ZEWKonjunkturerwartungen für die Länder der Eurozone, der Empire-State-Index für New York sowie die Einzelhandelsumsätze und Industrieproduktion jeweils für die USA an. Am Mittwoch dürften die Verbraucherpreise für die Eurozone und das Vereinigte Königreich im Mittelpunkt des Interesses stehen. Zu fortgeschrittener Stunde kommt dann noch das „Beige Book“ der Federal Reserve Bank. Der Konsumklimaindex für Belgien, der am Donnerstag ansteht, sollte Indikatorfunktion für den gesamten Euroraum haben. Am selben Tag stehen auch die Erst- und Folgeanträge auf Arbeitslosenunterstützung und der Philly-Fed-Index für das verarbeitende Gewerbe (jeweils für die USA) an. Den Abschluss bilden am Freitag die Erzeugerpreise für Deutschland und Großbritannien.

Das Augenmerkt dürfte dabei darauf liegen, inwieweit der Disinflationierungstrend gestoppt wurde und sich ggf. wieder verkehrt. Das wären negative Signale für die Zentralbanken.

Die technische Lage erscheint derweil so unübersichtlich wie die geopolitische: An den großen Märkten wurden wichtige Widerstandslinien nach unten durchbrochen, die Relative-Stärke-Indizes zeigen allerdings eine entspannte, tendenziell überverkaufte, Lage an, was nicht auf einen unmittelbaren Abgabedruck schließen lässt. Durch die zuletzt wieder gestiegene Volatilität zeigt unser „Schwerelosigkeitsindikator“, der das Kurs-GewinnVerhältnis in Relation zur Volatilität als Maß für die Risikoneigung setzt, Bodenhaftung an. Die von Sentix erhobene Anlegerstimmung zeigt sich als sehr heterogen (vgl. Grafik der Woche). Ist sie für den US-amerikanischen Aktienmarkt noch robust, lässt sie für Asien merklich nach, und bewegt sich für Europa und besonders Deutschland in bedenklich negativem Terrain. Fast schon ein Kontraindikator.

Alles in allem sieht es nicht danach aus, als würden sich an den Kapitalmärkten in der kommenden Woche wieder sommerlichere Temperaturen einstellen – aber zumindest mit Blick auf den Klimawandel ist mehr Normalität ja auch nicht nur schlecht.

Verkühlen Sie sich nicht,

Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research

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1 Die Börsenweisheit ist hier im internationalen Sprachgebrauch nicht ganz eindeutig. Von der britischen Herkunft lautet Teil 2 „don’t come back until St. Leger’s Day“ (Mitte September). Im Deutschen heißt es „come back in September“, was, gemessen an den historischen Renditen, zu früh wäre.

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