Auf in die zweite Halbzeit

Allianz Global Investors

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 03.07.2026

Sowohl für die Fußball-Weltmeisterschaft als auch für das Kalenderjahr 2026 ist die zweite Halbzeit angebrochen. Während Mitte Juli der neue Weltmeister gekürt wird, sollten Anleger den Blick etwas weiter nach vorne richten. Welche Abwägungen, Trends und Ereignisse dürften das zweite Halbjahr an den Kapitalmärkten prägen?

Die erste große Abwägung für Anleger betrifft die Auseinandersetzung zwischen dem Iran und den USA. Schaut man auf die zuletzt deutlich gesunkenen Ölpreise, die insgesamt robusten Aktienmärkte und die etwas zurückgekommenen Anleiherenditen scheinen Investoren die sich ergebenden Abwärtsrisiken rund um den Konflikt weitestgehend aus ihrem Kalkül verbannt zu haben. Der Beweis eines wieder annähernd normalisierten Schiffsverkehrs in der Meerenge von Hormus muss allerdings erst noch erbracht werden. Bis zu einer dauerhaften Befriedung des Mittleren Ostens liegt vermutlich noch ein langer Weg vor uns, für die Kapitalmärkte dürfte aber die Hoffnung ausreichend sein, dass sich der Sand im Getriebe globaler Lieferketten allmählich verflüchtigt.

Die Entwicklung von Ölpreisen und anderer Handelsgüter dürften auch die Notenbanken im zweiten Halbjahr sehr genau verfolgen. Bisher haben die Zentralbanken besonnen auf die kriegsbedingten Aufwärtsrisiken bei Inflation und die Abwärtsrisiken beim Wachstum reagiert. Unter den Top-4 Notenbanken haben bisher nur die Europäische Zentralbank (EZB) und die japanische Zentralbank (BoJ) ihren Leitzins erhöht, während die amerikanische Federal Reserve (Fed) und die Bank of England (BoE) vorerst in einer abwartenden Haltung verblieben sind. Vor allem die Politik der Fed unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh dürfte im zweiten Halbjahr in den Fokus der Anleger geraten. Die Kombination aus einer nun schon mehrere Jahre anhaltenden Überschreitung des Inflationsziels und der beiden Inflationstreiber Iran-Krieg und KI-Investitions-Boom lassen es zunehmend unwahrscheinlicher werden, dass die Fed in den nächsten Monaten ohne Zinserhöhungen auskommen wird. Nachdem die USGeldmärkte in den vergangenen Wochen den Eindruck gewinnen mussten, dass Kevin Warsh zur Inflationsbekämpfung entschlossene ist, haben sie für den weiteren Jahresverlauf mindestens einen Zinsschritt (von 25 Basispunkten) eingepreist. Solch ein Kurswechsel der Fed könnte auch auf andere Zentralbanken den Druck erhöhen, ihre Zinsen anzuheben, vor allem in Asien.

Steigende Leitzinsen könnten wiederum auf die Konjunktur wirken, wenn auch mit Verzögerung. Bisher hat sich das Konjunktur-Szenario „Biegen, aber nicht brechen“ als passend herausgestellt. Während in den USA der Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) und ein durch Steuerrückerstattungen unterstützter Konsument als Stoßdämpfer fungieren können, fällt diese Rolle in Europa und Japan einer stimulierenden Fiskalpolitik zu. Ein erstes Augenmerk für Anleger im zweiten Halbjahr dürfte sein, ob fallende Energiepreisen eine Erholung der Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten herbeiführen werden können. Die ersten Indikationen deuten in diese Richtung, wenn auch zaghaft.

Verbleibt der politische Kalender. Hier dürften die Zwischenwahlen in den USA („Midterms“) den zentralen Fixpunkt darstellen. Ihr Ausgang entscheidet, ob Präsident Trump weiterhin auf eine Kongressmehrheit bauen kann oder ein sogenannter gespaltener Kongress politische Blockaden erlaubt. Anleger müssen mit beiden Szenarien zurechtkommen: Ein geteilter Kongress bremst radikale Vorhaben bei Steuern, Ausgaben und Regulierung aus, könnte aber beispielsweise die Intensität fiskalischer Konflikte vergrößern. Interessant könnte in diesem Zusammenhang werden, ob sich eine Debatte über die Schuldentragfähigkeit der Vereinigten Staaten entzünden wird oder (noch) nicht.

In Europa stehen in der zeiten „Halbzeit“ die Parlamentswahlen in Schweden sowie in Deutschland Landtagswahlen in einigen ostdeutschen Bundesländern auf dem Kalender. Die Implikationen für die Kapitalmärkte dürften sich vermutlich kurzfristig in Grenzen halten.

Anleger gehen mit Zuversicht, aber nicht mit überbordendem Optimismus in die zweite Jahreshälfte. Für den gesamten Aktienmarkt sind Anleger gemäß Positionierungsdaten weitestgehend neutral positioniert, die Zuflüsse in Aktienfonds zeigen sich bisher insgesamt robust, auch wenn die Ausschläge bei Zu- und Abflüssen im Technologiesektor zuletzt im Zuge gestiegener Volatilität bei Einzeltiteln größer wurden. Die meisten Indizes gehen in guter charttechnischer Verfassung ins zweite Halbjahr.

Folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen liegt für die zweite Halbzeit des Jahres 2026 nahe:

  • Die konjunkturelle Großwetterlage mit widerstandsfähigem Wachstum und bemerkenswerter Gewinnentwicklung spricht immer noch für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien. Dabei werden die USA weiter stark durch den Technologiesektor angetrieben, während europäische und asiatische Märkte in stärkerem Maße von geo- und geldpolitischen Entwicklungen abhängen.
  • Thematisch werden die Aktienmärkte weiter stark von den Entwicklungen rund um KI geprägt. Ohne den KIBoom und dazugehörige Technologie-Lieferketten sähe das Wirtschafts- und Gewinnwachstum in den USA aber auch in Asien und bei ausgewählten europäischen Zulieferern deutlich schwächer aus. Die stärkeren Kursschwankungen rund um dieses Thema in den letzten Wochen zeigen jedoch: Die Differenz zwischen echten langfristigen Gewinnern und Unternehmen, die lediglich auf einer Welle der Begeisterung mitschwimmen, ist groß – und dürfte weiter wachsen. Die Perspektiven der KI-Ausrüster erscheinen zunächst klarer als die der KI- Anwender, es empfiehlt sich ein zunehmend selektiveres Vorgehen.
  • Zudem lohnt es sich für Aktienanleger zunehmend, sich in Hinsicht auf Themen und Stile breiter aufzustellen: Value-Aktien dürften für Diversifizierung sorgen, zudem könnten sie von einem reflationären Umfeld mit steigenden Zinsen und hohem Nominalwachstum profitieren. Auch Nebenwerte haben sich zuletzt besser behauptet und können für ein weniger konzentriertes Portfolio sorgen.
  • Das Rendite/Risikoprofil von Staatsanleihen erscheint neutral. Sie könnten weiterhin sowohl von stärker werdenden Wachstumssorgen als auch von rückläufigen Inflationssorgen profitieren. Falls die Fed und andere Zentralbanken jedoch in einen überraschend anhaltenden Zinserhöhungszyklus gezwungen werden, bestehen Rückschlagsrisiken.
  • Bei Unternehmensanleihen sind die Zinsaufschläge zu Staatsanleihen historisch weiter gering, sie bieten also eine geringe Risikoprämie für Ausfälle. Dies spiegelt das insgesamt weiter robuste Umfeld wider.
  • Sollte sich die Fed zu Zinserhöhungen durchringen, dürfte dies den US-Dollar taktisch beflügeln. Auf längere Sicht dürfte er aber weiter unter strukturellen Belastungen wie hoher Budgetdefizite und politischer Unsicherheit leiden.

Investmentthema: Longevity – länger Geld für ein längeres Leben

  • Die Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten und dürfte weiter zunehmen. Auf die eigene Biografie bezogen heißt die Formel: Wer länger lebt, lebt auch immer länger. Die Lebenserwartung steigt, weil Sterbewahrscheinlichkeiten überlebt wurden.
  • Gleichzeitig sinkt in vielen Industrieländern die Zahl der Erwerbstätigen relativ zur Zahl der Rentner. Umlagefinanzierte Rentensysteme geraten dadurch unter Druck.
  • Erwerbsbiografien werden flexibler. Teilzeit, berufliche Auszeiten und sogenannte „Micro-Retirements“ gewinnen an Bedeutung. Wer sich diese Freiräume leisten möchte, benötigt zusätzliche Einkommensquellen.
  • Longevity ist weit mehr als ein Gesundheitstrend. Es ist ein struktureller Wandel mit weitreichenden Folgen für die private Altersvorsorge. Wer länger lebt, braucht länger Einkommen.
  • Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons dürfte deshalb für viele Anleger zu einer zentralen Säule der finanziellen Freiheit werden.
  • Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons kann dabei als „zweites Gehalt“ fungieren. Es schafft finanzielle Unabhängigkeit von der eigenen Arbeitskraft und kann Einkommenslücken schließen.

Eine erfolgreiche zweite Halbzeit wünscht Ihnen,

Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist Global Economics & Strategy

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