Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 19.06.2026
In den Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft machen sich die Fans derzeit wieder bereit für die berühmte La-Ola-Welle. Aktienanleger dagegen sind gerade mit einer anderen Welle beschäftigt, nämlich einer Welle großvolumiger Neuemissionen. Es stellt sich die Frage: Können die Märkte diese Emissionsflut aufnehmen, ohne aus dem Tritt zu geraten? Was bedeutet dies für das Marktumfeld?
Betrachtet man die Ausgangslage bei Angebot und Nachfrage für Aktien ergab sich in den letzten Jahren ein günstiges Bild. Wenig Neuemissionen standen großvolumige Aktienrückkäufe gegenüber. Dieses Verhältnis wird sich zumindest in den nächsten Wochen verschieben. Zuletzt ist eine rekordverdächtige Welle von Neuemissionen ins Rollen gekommen, zudem denken auch bereits notierte Unternehmen über große Kapitalerhöhungen nach oder haben sie bereits durchgeführt. Das Angebot an Aktien steigt also. Auf der Nachfrageseite wird gleichzeitig das Wachstum von Aktienrückkäufen durch die enormen Investitionen in die Tech-Infrastruktur zumindest etwas gebremst. Ein weiterer wichtiger Faktor auf der Nachfrageseite sind die Zuflüsse in Aktienfonds. Diese waren vor allem in den USA in den letzten Quartalen üppig, gerade auch in Technologieaktien. Insgesamt gilt: Sofern die Nachfrage, also die Zuflüsse in US-Aktien plötzlich nicht massiv abebbt, sollten die Neuemissionen vom Markt gut verdaut werden können.
Für den Gesamtmarkt bedeutet eine Welle von Neuemissionen zunächst, dass das Marktumfeld freundlich ist und bei Anlegern Risikoappetit vorhanden ist. Andernfalls wäre es wenig attraktiv für neue Unternehmen an der Börse zu debütieren. Schaut man auf die vergangenen Jahrzehnte zeigen sich keine systematischen Effekte großer Börsengänge auf die zukünftigen Erträge der aufnehmenden Indizes. Maßgeblich bleiben Konjunktur, Bewertung und Positionierung der Investoren. Und selbst wenn vorherige Emissionswellen nachfolgend schwächeren Marktphasen vorangegangen sind (beispielsweise 1999, 2021), sollte man diese eher als ein Symptom erhöhter Bewertungen und risikotoleranter Stimmung auffassen, als einen originären Treiber schwächerer Erträge.
Innerhalb des US-Aktienmarktes (und der bekannten Indizes) kann die IPO-Welle zu Umschichtungen führen, hauptsächlich über diese beiden Kanäle:
- Indexbedingte Umschichtungen: Großvolumige Neulinge verdrängen bestehende Titel in Benchmarks und Indexfonds. Diese Verdrängungseffekte dürften insgesamt überschaubar bleiben, unter anderem weil die Neulinge zu verschiedenen Zeitpunkten in verschiedene Indizes (Nasdaq, MSCI, S&P 500) aufgenommen werden und nicht ihre gesamte Marktkapitalisierung als Streubesitz angesehen werden wird (auch wenn bestehende Regeln zugunsten der Neulinge angepasst wurden).
- Umschichtungen aus „Stellvertreter-Aktien“: Solange direkte Anlagemöglichkeiten im Bereich KI-Entwicklung fehlten, dienten Chip-Zulieferer, Kunden oder thematisch nahestehende Unternehmen aus der KI-Wertschöpfungskette als Stellvertreter („Proxies“) der großen Entwickler von Large Language Models. Mit der Notierung der „Originale“ dürften sich gewisse Bewertungsaufschläge bei den Stellvertretern abbauen. Insgesamt dürften etablierte Titel im Bereich KI und Weltraum künftig stärker mit den Neulingen um Kapital, Research-Kapazität und Investorenaufmerksamkeit konkurrieren.
Die Woche voraus
Neben der Welle von Neuemissionen haben sich die Anleger in der vergangenen Woche auch mit einer Welle von Zentralbankmeetings beschäftigt. Beispielsweise hat die japanische Zentralbank ihren Leitzins auf 1% erhöht, immerhin der höchste japanische Leitzinssatz seit mehr als 30 Jahren.
In der neuen Woche richtet sich der Blick vor allem auf Stimmungsindikatoren zur wirtschaftlichen Aktivität. Sie bieten vielleicht einen ersten Fingerzeig, ob sich rückläufige Ölpreise und eine gewisse Beruhigung der Situation im Mittleren Osten bereits positiv auf die Stimmung von Unternehmen und Konsumenten auswirken konnten oder ob die Verunsicherung weiter hoch bleibt. So wird am Montag das vorläufige Juni-Verbrauchervertrauen der EU-Kommission für den Euroraum veröffentlicht. Der Dienstag steht im Zeichen der vorläufigen („Flash“)-Einkaufsmanagerindizes und somit der Stimmung bei den Unternehmen, z. B. für die Eurozone, Japan und die USA. Am Mittwoch wird dann das Stimmungsbild durch den deutschen ifo-Geschäftsklimaindex für Juni abgerundet. Am Donnerstag liegt dann der Schwerpunkt auf den USA. Hier werden mit dem PCE-Preisindex für Mai („Personal Consumption Expenditures“ – persönliche Konsumausgaben) sowie dem Kern-PCE-Preisindex zentrale Inflationsindikatoren veröffentlicht, die von der US-Notenbank Federal Reserve besonders beachtet werden. Es folgen zudem Daten zu den Auftragseingängen langlebiger Güter für Mai, diese bieten Hinweise, wie sich die zuletzt robuste Investitionstätigkeit in den USA weiterentwickelt. Zum Wochenausklang stehen am Freitag Inflationsdaten aus Japan im Mittelpunkt.
Finden Sie in der nächsten Woche ihre „perfekte Welle“!
Das wünscht Ihnen,
Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy