Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 06.02.2026
Wir leben in bewegten Zeiten. Während sich die Weltpolitik nach Einflusszonen neu sortiert, schauen die Märkte durch die geopolitischen Entwicklungen (Stichworte: „Iran“ und „Grönland“) hindurch auf Konjunkturdaten, Unternehmensgewinne und die Renditetreiber von morgen. So war der Jahresauftakt an den Aktienmärkten ein weitestgehend guter Monat, nach einem ohnehin schon famosen Jahr 2025. Die Rohstoffe, und hier besonders Gold und Silber, legten im Januar weiter zu – bis dann Unruhe aufkam. Bei den Anleihemärkten war das Bild heterogener. Während europäische Staatsanleihen zulegten, verloren britische und US-amerikanische an Boden.
An den Devisenmärkten prägten die Schwäche des US-Dollars und des japanischen Yens das Bild. Dahinter stecken zum Teil sehr unterschiedliche Entwicklungen. Zwar hat die Bank of Japan (BoJ) mit Zinsanhebungen begonnen, bleibt aber insgesamt sehr zögerlich und vorsichtig. Sie hat es nicht einfach, setzt doch die Regierung unter Premierministerin Sanae Takaichi ihren expansiven, fiskalpolitischen Kurs fort, während die BoJ sich gleichzeitig aus einer Politik der Deflationsbekämpfung freistrampeln muss, die sie über Jahrzehnte führte. Zur Bestätigung ihrer Fiskalpolitik, und zum Ausbau ihrer politischen Mehrheit, hat die Premierministerin vorgezogene Neuwahlen Anfang Februar ausgerufen. Derweil machen sich die steigenden Inflationssorgen vor allem in den längeren Laufzeiten der JGBs, der japanischen Staatsanleihen, bemerkbar. Das aber könnte Repatriierungen zur Folge haben, die dann über Dollar-Verkäufe den Yen wiederum stärken, gleichzeitig aber die Renditen anderer Länder, namentlich der USA, unter Druck bringen. Sogenannte „Carry-Trades“, welche die Zinsdifferenzen arbitrieren, würden aufgelöst. Diese vertrauen darauf, dass der Yen immer schwach und JGBs unattraktiv bleiben.
Derweil sorgt der US-Dollar ebenfalls für Nachdenklichkeit.
Die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) tat bei der letzten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses, das, was sie im Kontext von Dollar-Schwäche und Konjunktur- und Preisdaten, am besten tun kann: Nichts. Eine Zinssenkung blieb wie erwartet aus. Ein klares Signal auch dafür, dass sie ihre Unabhängigkeit zu bewahren weiß, während der neue Fed Chef Kevin Warsh von Präsident Trump nominiert wurde. Gewinner in diesem Wechselspiel ist der Euro, wobei sich langsam die Frage in die Diskussionen schleicht, ob die Europäische Zentralbank (EZB) nicht gut beraten wäre, der Euro-Stärke entgegenzuwirken – durch eine Zinssenkung. Das Gute nur: Fed wie EZB haben keinen Handlungsdruck. Das Wirtschaftswachstum im Euroraum ist solide und liegt nahe an der Trendrate, die Arbeitslosigkeit ist niedrig und stabil, die Inflation nahe am Zielwert. Für die USA ergibt sich ein recht ähnliches Bild, wie deren Fed-Chef Jerome Powell zuletzt bestätigte.
Für Bewegung in geradezu rasanter Weise sorgt auch das aufbrechende „Intelligenz Zeitalter“ (Sam Altman), das von seiner Dynamik an eine neue, lange Welle des Wachstums nach dem russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff erinnert. Es ist eine nicht zu unterschätzende Stütze der USamerikanischen Konjunktur, wirft aber immer wieder die Frage auf, ob hier nicht Anklänge an die TechnologieBlase zu Beginn des neuen Jahrtausends zu sehen sind. Verständlich bei den vorherrschenden Bewertungen, aber das wäre zu einfach. Die Künstliche Intelligenz (KI), als dahinter liegende Technologie, macht sich bereits real in veränderten Geschäftsmodellen und -prozessen bemerkbar. Die Erwartungen an Gewinne, Umsätze und Gewinnmargen sind hoch. Gegen eine „Blase“ spricht jedoch, dass Knappheiten spürbar sind. Die Nachfrage nach Rechenkapazitäten übersteigt in vielen Bereichen das Angebot. Engpässe reichen von Bauteilen, Netzwerktechnik bis zur Frage ob genügend Strom für den Betrieb der Datencenter vorhanden ist. Noch wird ein großer Teil des Kapazitätsausbaus aus den hohen Barmittelüberschüssen der größten Technologiekonzerne finanziert.
Sind die in den Bewertungen abdiskontierten Erwartungen an die Zukunft also gerechtfertigt? Da kommt es gerade richtig, dass die Bilanzsaison durchstartete. Umso mehr, als die zum Teil sehr hohen Bewertungen besonders im Techsegment (die KI-Phantasie lässt grüßen) nur durch zukünftige Gewinne gestützt werden können. Wie immer preschen die US-amerikanischen Werte vor. Was sie über den Januar hinweg vorlegten, ließ sich sehen. Dreiviertel der Firmen, die ihre Ergebnisse bereits veröffentlichten, übertrafen die Erwartungen. Das alleine ist nicht weiter ungewöhnlich. Was aber auffiel war, dass vor allem die Techwerte fast durch die Bank (darunter viele der großen Namen) besser abschnitten als die Analysten erwarteten. Beim STOXX 600 war das Bild noch verhaltener, hier ist aber die Gewinnberichtssaison zum Redaktionsschluss noch nicht in Fahrt gekommen.
In diesen bewegten Zeiten liegt folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
- Die konjunkturelle Großwetterlage spricht weiter für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien.
- Gerade für internationale Investoren bleibt dabei die Entwicklung des US-Dollars wichtig. Dieser dürfte seine Schwächeneigung nicht so schnell beenden. Zwar ist er unverändert die Leitwährung der Welt, diese ist aber angeknackst. Bei einem Haushaltsdefizit, welches auf 6% des Bruttoinlandsproduktes zuläuft, erscheinen Sorgen um die US-Verschuldung als berechtigt. Gleichzeitig erinnert die geopolitische Großwetterlage daran, dass einige Zentralbanken die Motivation haben vom US-Dollar weg zu diversifizieren.
- Die Dollarschwäche lässt europäische Aktien als attraktiver erscheinen und kann Mittelzuflüsse anziehen. Diese weisen einen Bewertungsabschlag auf und verfügen über zum Teil stabilere Wachstumspfade, wozu die Bestrebungen zu einer europäischen Autonomie, nicht nur in der Verteidigung, ihr übriges beitragen.
- Auch würde eine stärkere Gewichtung z. B. europäischer Aktien dazu beitragen, dass global ausgerichtete Portfolien insgesamt weniger stark von US-Titeln dominiert werden. Wer in den MSCI-Welt investiert, der investiert (gemessen an der Marktkapitalisierung) zu knapp 75% in den US-amerikanischen Markt.
- Die Aktienmärkte der Schwellenländer vereinen eine solide Konjunkturdynamik (vor allem außerhalb Chinas) mit günstigen finanziellen und monetären Bedingungen, sich verbessernden Gewinnrevisionen und einer akzeptablen Bewertung. Anleger sind in diesem Segment weiter unterinvestiert. Märkte wie Südkorea und Taiwan profitieren vom Technologie-Boom, Märkte wie Indien warten weiter mit guten Fundamentaldaten auf, Lateinamerika dürfte mehr und mehr von steigenden Metallpreisen profitieren.
- Die Divergenz an den globalen Anleihemärkten spricht für ein aktives Management bei den Laufzeiten. In den USA besteht das Risiko, dass in Folge steigender Inflationserwartungen und der Dollar-Schwäche die längeren Laufzeiten Terrain verlieren, was für eine Bevorzugung der kürzeren Laufzeiten spricht.
- Für längerfristige Engagements könnten sich Staatsanleihen aus Schwellenländern eignen, wo die Realzinsen hoch sind und die Zentralbanken noch Spielraum für Zinssenkungen haben.
Warum nicht insgesamt für etwas weniger Bewegung zumindest im Portfolio sorgen? Dividenden entwickeln sich meist sehr zuverlässig und sorgen, wie unsere Berechnungen zeigen, für einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtrendite.
Investmentthema: Kapitaleinkommen aus Dividenden
- 454 Mrd. Euro Ausschüttungen sind für 2026 von den im Euro STOXX 600 enthaltenen Firmen zu erwarten. Das wäre eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 4%.
- Allein die im STOXX Europe 600 enthaltenen deutschen Unternehmen könnten 2026 rund 58 Mrd. Euro an Dividenden zahlen, eine leichte Steigerung von 3 % gegenüber dem Vorjahr (56 Mrd. Euro).
- Damit setzt sich die Tendenz steigender Dividendenauszahlungen (in Europa) weiter fort.
- Dividenden haben einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtrendite einer Aktienanlage. Über den gesamten Zeitraum der letzten 40 Jahre wurde die annualisierte Gesamtrendite der Aktienanlage für den MSCI Europe zu knapp 39 % durch den PerformanceBeitrag der Dividenden getragen. In Nordamerika (MSCI Nordamerika) bzw. Asien-Pazifik (MSCI Pazifik) wurde die Gesamtperformance zu knapp 21 % bzw. etwas mehr als 49 % durch die Dividende bestimmt.
- Dabei zeigen unsere Analysen, dass Dividenden mehr Ruhe ins Portfolio bringen. Dazu trägt nicht nur die Politik der „ruhigen Hand“ bei den Unternehmen bei, sondern auch, dass Portfolien, die aus Unternehmen mit höheren Ausschüttungsquoten gebildet werden, in der Vergangenheit weniger Schwankungen auswiesen als Portfolien mit Unternehmen, die relativ zu ihren Gewinnen weniger ausschütten.
- Tatsächlich, so zeigt unsere Studie Jahr für Jahr aus Neuem, kürzen die Firmen ihre Dividenden nur in selteneren Fällen. Bevorzugt heben sie diese an oder behalten sie zumindest von ihrer Höhe bei.
- Damit liefern Dividenden einen Grundstock für Kapitaleinkommen.
Bleiben Sie in Bewegung,
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research