Raiffeisen Capital Management "Märkte unter uns" August 2026
Nach einem volatilen ersten Halbjahr am Kapitalmarkt hätte man sich bis zum Ausgang der US-Zwischenwahlen im Herbst eine ruhigere geopolitische Phase erhofft. Gekommen ist es anders, denn der ohnehin brüchige Waffenstillstand in der Golfregion wurde Anfang Juli mit dem Aufflammen neuer Kampfhandlungen de facto aufgekündigt. Der für die Weltwirtschaft entscheidende Ölpreis ist infolge der weiteren Eskalationswelle wieder merklich angezogen, zumal die globalen Rohöllagerbestände schon signifikant gesunken sind. Sofern die Blockade der Wasserstraße von Hormus weiter anhält, werden sich die höheren Energiepreise neuerlich in steigenden Inflationsraten niederschlagen, was wiederum die Notenbanken zu Leitzinsanhebungen bewegen dürfte, die am Rentenmarkt über entsprechend höhere Anleiherenditen auch bereits vorweggenommen werden. Neben den geopolitischen Belastungen für die Weltwirtschaft stehen weiterhin die Rentabilität und Nachhaltigkeit der enormen KI-Infrastruktur-Investitionen im Anlegerfokus. Zum einen haben die Aktien der asiatischen Speicherchip-Hersteller nach einer massiven Kursrallye im Frühjahr in den letzten Wochen stark korrigiert und damit auch den gesamten Emerging-Markets-Index in Mitleidenschaft gezogen, wie auch den amerikanischen Halbleitersektor. Zum anderen wird mit dem Bekanntwerden chinesischer KI-Anbieter die Bewertung der entsprechenden US-Pendants immer wieder aufs Neue hinterfragt. Generell war „sell on good news“ im Zuge der Veröffentlichung der ersten – durchwegs sehr guten – Unternehmensergebnisse zu Beginn der aktuellen Berichtssaison insbesondere bei jenen Aktien vermehrt zu beobachten, die zwischen März und Juni besonders stark gestiegen sind. Dass der globale Aktienmarkt im Juli weder von positiven Unternehmensnachrichten noch von vereinzelt positiven Meldungen vom Konflikt
am Persischen Golf profitieren konnte, ist ein Indiz dafür, dass zuvor schon viel an Zuversicht eingepreist war. Die zahlreichen Sektorrotationen, die erhöhte Marktbreite und damit eine ausgewogenere Gesamtkonstellation haben jedoch dazu geführt, dass die entwickelten Aktienmärkte auf hohem Niveau bei überschaubarer Volatilität nur konsolidiert haben - trotz der deutlichen Korrektur im Technologiesektor. Basierend auf unseren Marktindikatoren bleiben wir taktisch bei einer leichten Übergewichtung von globalen Aktien gegen Euro-Staatsanleihen.
Marktumfeld – Anleihemärkte
Anleihekurse im Juli durchgehend tiefer
Das neuerliche Aufflammen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran trieb im Juli nicht nur den Ölpreis, sondern damit auch die Leitzinserwartungen wieder nach oben. Sowohl für die Eurozone als auch die USA preiste der Markt mit Ende Juli bereits zwei weitere Leitzinsanhebungen.
Entsprechend stiegen Anleiherenditen im Juli quer über alle Laufzeiten (im zehnjährigen Laufzeitenbereich z. B. um rund 0,3 Prozentpunkte). Entsprechend tiefrot war die Monatsperformance bei praktisch allen Anleiheklassen.
So gaben Euro-Staatsanleihen um mehr als 1 % nach, und bei US-Dollar-Anleihen wurde die Monatsperformance durch die rund 1 % Abwertung des US-Dollar für Euro-Investoren noch einmal reduziert. Damit sind allerdings die aktuellen Renditeniveaus (und damit das zukünftige Ertragspotenzial) recht hoch: Zehnjährige deutsche Staatsanleihen rentierten Ende Juli mit 3,2 % mehr als am Leitzinshöhepunkt (bei 4 % Leitzins) Mitte 2023!
Und zehnjährige US-Staatsanleihen haben mit 4,7 % schon fast ihre Renditespitze von 2023 erreicht.
Seit Jahresbeginn ist damit die Performance von Euro-Staatsanleihen leicht negativ, während es bei Unternehmensanleihen und Schwellenlandanleihen nach wie vor für ein Plus reicht – bei High-Yield Anleihen und Emerging-Markets-Lokalwährungsanleihen sogar für ein deutliches Plus!
Marktumfeld – Aktienmärkte
Im Juli galt: Je weniger KI desto besser!
Für die Aktienmärkte brachte der Juli ein gemischtes Bild: Die Schlagzeilen dominierte die heftige Korrektur bei zuvor recht heiß gelaufenen Halbleiter-Aktien und einigen anderen KI-Aktien, weil am Markt (wieder einmal) Zweifel an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der exorbitanten Investitionen in KI-Rechenzentren aufkamen, gemischt mit einer Prise Angst vor günstigerer KI-Konkurrenz aus China. Bei Aktienindizes mit hohem Anteil von KI und Halbleiteraktien, wie NASDAQ und Emerging Markets bzw. Asien, war diese Korrektur auch durchwegs sichtbar (Emerging-Markets-Aktienindizes werden inzwischen von KI-Hardware-Firmen in Ostasien dominiert). Für den breiten US-Aktienmarkt (S&P 500) war das aber im Wesentlichen nur eine Sektorrotation. Das Monatsminus betrug dort gerade einmal 1 %. Und Aktienmärkte ohne relevante KI-Fantasie erreichten sogar neue Allzeithochs (ATX, DAX) bzw. eine schöne Monatsperformance von über 4 % (Lateinamerika, UK). Der chinesische Markt schwang nach einem starken Rückgang im Vormonat im Juli sogar mehr als 8 % ins Plus!
In Summe konnten sich Aktien damit trotz KI-/Technologie-Korrektur und trotz steigendem Ölpreis sowie steigender Anleihezinsen in Summe recht gut behaupten. Entsprechend sind die seit Jahresbeginn teilweise gewaltigen Kursanstiege nach wie vor intakt: Mehr als 20 % bisherige Jahresperformance bei Schwellenländern, Asien, Japan und dem ATX sowie immer noch sehr gute mehr als 10 % bei den meisten anderen Börsenplätzen.
Marktumfeld – Rohstoffe und Währungen
Ölpreis mit neuem Anlauf nach oben
Das neuerliche Aufflammen des Irankriegs hat natürlich auch die Energiepreise im Juli wieder nach oben gebracht – bisher allerdings deutlich weniger als beim ursprünglichen Kriegsausbruch im März. Das reichte aber, um Energie im Juli zur stärksten Rohstoffkategorie zu machen. Wir gehen nach wie vor nicht davon aus, dass der Ölpreis diese erhöhten Niveaus halten kann, da insbesondere die US-Regierung (Parlamentswahlen Anfang November) ein starkes Interesse an einer baldigen Einigung (und damit Öffnung der Straße von Hormus für Energietransporte) haben sollte - und auch der Iran von einer solchen profitieren würde.
Industriemetalle konnten sich in dieser Phase recht gut halten. Und selbst der Goldpreis kam nicht weiter unter Druck, sondern konnte sich bei rund 4.000 US-Dollar stabilisieren (bemerkenswert, weil der letzte Ölpreisanstieg, verbunden mit gestiegenen Erwartungen höherer Leitzinsen, den Goldpreis noch stark unter Druck gebracht hatte).
Auf den Devisenmärkten wertete der US-Dollar im Juli knapp 1 % zum Euro ab. Weitspektakulärer war die Bewegung beim japanischen Yen, wo es nach einem zuvor erreichten neuen 40-Jahrestief gegenüber dem US-Dollar Ende Juli zu gemeinsamen Währungsinterventionen Japans und der USA kam – und damit zu einer scharfen Aufwertung des japanischen Yen.
Ausblick – Globale Wirtschaft
Konjunktur erfreulich robust
Trotz der ab März bedenklich hohen Ölpreise konnte sich die Konjunktur in den großen Volkswirtschaften im zweiten Quartal erfreulich gut behaupten: Die US-Wirtschaft wuchs zwar „nur“ um annualisiert 1,5 %, das lag aber an einigen
Sondereffekten (Lagerabbau, Rückgang Staatsausgaben), während die private Endnachfrage sogar überdurchschnittlich zulegte. In der Eurozone betrug das BIP-Wachstum sogar überdurchschnittliche 1,6 % annualisiert.
Wie geht es weiter? Der jüngste Ölpreisanstieg war (bisher) nicht hoch genug, um das Wachstum zu gefährden, und wir sind hier nach wie vor zuversichtlich, dass eine Einigung zu den Energieexporten aus dem persischen Golf die Energiepreise im zweiten Halbjahr sogar noch deutlich tiefer drücken wird. Selbst in der aktuellen Situation signalisieren die Konjunkturvorlaufindikatoren (PMIs) einen robusten Wachstumsausblick mit (mindestens) Durchschnittswachstum für alle drei großen globalen Volkswirtschaften (in den USA sogar darüber).
Wobei in China selbst während der hohen Energiepreise keine Wachstumsverlangsamung erkennbar war (der Exportmotor brummt) und die USA nach wie vor vom anhaltenden KI-Investitionsboom unterstützt werden.
In Summe ein Konjunkturbild, in dem die Weltwirtschaft und China heuer nahe dem langfristigen Durchschnitt wächst, die USA dank KI-Investitionen sogar darüber, und Europa im Jahresschnitt etwas darunter.
Ausblick – Inflation und Notenbanken
Ölpreis hält Inflation (leicht) erhöht - Zinsen steigen?
Die Inflationsraten sind weiterhin ein Spielball der volatilen Energiepreise – mit dem Ölpreisanstieg im Juli ist auch die Euro-Inflation wieder leicht auf 2,9 % gestiegen (Österreich erfreulicherweise „nur“ 2,7 %). Mit tieferen Ölpreisen im zweiten Halbjahr im Rahmen einer Einigung zur Straße von Hormus gehen wir unverändert von einem
(weiteren) Rückgang der Inflation im zweiten Halbjahr aus – in der Eurozone auf knapp über 2 %. Das größte Fragezeichen ist, wieweit dann auch die „Kerninflation“ (Inflation ohne Energiepreise) von derzeit hartnäckigen 2,5 % wieder nach unten gehen wird. Für ein Abflauen der Kerninflation spricht, dass die Wirtschaft nicht annähernd so überhitzt ist wie nach den Corona-Hilfen 2021 (was Preis- und Lohnerhöhungen auf breiter Front schwieriger macht). Zudem fehlen die preistreibenden Kapazitäts- und Lieferengpässe wie nach Corona.
Der Zinsmarkt preist aktuell trotzdem zwei weitere Leitzinsanhebung der Europäischen Zentralbank (EZB) (von 2,25 % auf 2,75 %) bis Anfang 2027. Wir sind hier optimistischer und denken nicht, dass die Zinsen so stark steigen werden; etwaige Zinsanhebungen würden im Verlauf von 2027 wohl bereits wieder zurückgenommen.
Auch in den USA preist der Markt derzeit zwei Zinsanhebungen auf knapp über 4 % – aus unserer Sicht ebenfalls zu viel.
Ausblick – Anleihemärkte
Anleiheportfolio bleibt konservativ ausgerichtet
Innerhalb unseres Anleiheportfolios gibt es gegenüber dem Vormonat nur wenige Änderungen.
Bonitätsschwächere Emittenten, insbesondere US-Dollar-High-Yield-Unternehmensanleihen (im Euro auch Unternehmensanleihen generell) und staatliche Emittenten aus Schwellenländern (Emerging-Markets-Staatsanleihen in
Hartwährung), bleiben untergewichtet – die im historischen Vergleich inzwischen wieder sehr tiefen Risikoaufschläge der Anleihen solcher Emittenten lassen vergleichsweise wenig Potenzial für eine weitere substanzielle Verringerung der Renditeaufschläge dieser Anleihen (und damit für Kursanstiege).
Übergewichtet sind wir im Gegenzug in Emittenten mit sehr hoher Bonität, konkret Staatsanleihen aus Frankreich und Australien, untergewichtet hingegen in US-Staatsanleihen. Die Übergewichtung in deutschen Staatsanleihen wurde
geschlossen.
In Summe bleiben wir damit innerhalb unseres Anleiheportfolios defensiv aufgestellt.
Ausblick – Aktienmärkte global
Positive Faktoren überwiegen
Nach wie vor beeindruckt die Widerstandsfähigkeit des Aktienmarktes: Trotz neuerlichem Ölpreisanstieg dank Blockade der Straße von Hormus notieren die meisten Aktienmärkte Anfang August deutlich höher als vor Ausbruch des Irankriegs. Und auch die heftige Preiskorrektur von KI-Aktien im Juli war im Wesentlichen „nur“ eine Umschichtung von einem (zuletzt bereits recht heiß gelaufenem) Aktienthema in andere Aktien(märkte).
Ein wesentlicher Grund dafür ist sicher, dass die großen Volkswirtschaften die höheren Ölpreise bisher sehr gut wegsteckten - und die Vorlaufindikatoren deuten weltweit auf weiterhin solides Wachstum hin. Die ölpreisbedingt erhöhte Inflation hat zwar im Euroraum bereits zu einer ersten Zinsanhebung geführt (und weitere, auch für die USA) werden vom Markt bereits fix erwartet. Wir denken aber, dass die Notenbanken mittelfristig ohne weitere drastische Zinsanhebungen auskommen werden, was von dieser Seite keinen weiteren Druck auf Aktien brächte. Größte Unterstützung kommt aber von der ausgezeichneten Entwicklung der Unternehmensgewinne: In den USA zuletzt sogar rund +30 % (!) im Jahresvergleich! Und auch für 2027 erwarten die Analysten ein Gewinnwachstum von über 10 % für Europa und sogar rund 20 % für USA und Schwellenländer! Eine Dynamik, die üblicherweise auch von (weiter) steigenden Aktienmärkten begleitet wird. Entsprechend bleiben wir bei unserer moderaten Aktienübergewichtung. Und die deutliche Korrektur bei KI-Titeln im Juli bietet aus unserer Sicht eine interessante Chance für Zukäufe, insbesondere bei ausgewählten KI-Hardware Zulieferern. Größtes kurzfristiges Risiko bleibt wohl ein zusätzlicher Ölpreisschock > USD 100 im Rahmen einer Iran-Eskalation – vor den US-Wahlen Anfang November bleibt der politische Druck aber aus unserer Sicht hoch genug, um das zu verhindern.
Ausblick – Aktienmärkte regional
Regionale Über- und Untergewichtungen
Kurzfristig (taktisch):
Unsere regionale Gewichtung bleibt von der Richtung her unverändert: Eine Übergewichtung der Aktienmärkte in Nordamerika und den Schwellenländern (EM), versus eine Untergewichtung von Europa und dem pazifischen Raum.
Allerdings reduzieren wir die Untergewichtung in Europa und unsere Übergewichtung in Nordamerika. Japan gewichten wir in diesem Monat neutral.
Aktuell haben wir keine Sektorpositionen (Branchen-Über-/Untergewichtungen).
Das Risiko entspricht in etwa dem des Vormonats.
Diese Positionierung würde entsprechend profitieren von einer relativen Outperformance von Schwellenländern vs. entwickelten Märkten, bzw. von einer Underperformance von Value-Aktien sowie Small Caps gegenüber dem Gesamtmarkt.
Taktische Asset Allocation August
Die Taktische Asset Allocation steuert ausgewählte marktorientierte Portfolios der Raiffeisen KAG auf kurze bis mittlere Sicht. Die Positionierungen des Fondsmanagements können sich von anderen Kapitalmarktanalysen (z. B. Raiffeisen RESEARCH GmbH) unterscheiden.
Wirtschaft:
- Wirtschaftsdaten, Surprises und Prognosen zeigen weiter Wachstum an
- Rezessionsgefahr bleibt gering trotz jüngster Eskalation im Nahen Osten
- Fed: „hawkish“ ohne zu agieren; weitere EZB-Zinsanhebung wahrscheinlich
Unternehmen:
- US-Earnings extrem stark, Surprises und Revisionen weiterhin sehr positiv
- Gute Unternehmensgewinne auch in Europa und in den Emerging Markets
- Keine Abschwächung der Gewinndynamik bzw. KI-Investitionen absehbar
Stimmung:
- Sentiment und Positionierungen mahnen weiter zur Vorsicht
- Markttechnik etwas angeschlagen nach Korrektur im Tech-Bereich
- Europa-Aktienmärkte im Juli mit neuem Hoch, global: Konsolidierung
Positionierung:
- Globale Aktien +1 Schritt (gegenüber Euro-Staatsanleihen)
Strategische Asset Allocation
Unter der Strategischen Asset Allocation verstehen wir die langfristige Beurteilung der verschiedenen Anlageklassen.
Aktien
Anfang Dezember haben wir Emerging-Markets Aktien (insbesondere chinesische Aktien) nach einem deutlichen Bewertungsanstieg reduziert. Modellgetrieben haben wir Anfang Mai unsere Gewichtung in europäischen Aktien leicht reduziert.
Wir halten Positionen in europäischen Aktien, Emerging-Markets-Aktien und japanischen Aktien. US-Aktien sind aus Bewertungsüberlegungen weiterhin unattraktiv.
Staatsanleihen
Wir haben bei Staatsanleihen in den letzten Jahren aufgrund der deutlich attraktiveren Ertragsaussichten markant zugekauft.
Ende Jänner haben wir US-Zinsrisiko leicht reduziert und bei australischen Staatsanleihen aufgestockt. Im Mai haben wir bei UK-Staatsanleihen aufgestockt.
Unternehmens- & EM-Anleihen
Nach den nochmaligen Spreadeinengungen haben wir Anfang Februar unsere Gewichtungen in diesem Bereich nochmals reduziert. Wir haben Euro-Unternehmensanleihen (IG) deutlich reduziert und Emerging-Markets-Anleihen in Hartwährung vollkommen aus dem Portfolio verkauft. Neben einer kleinen Position in Unternehmensanleihen (IG) halten wir nun nur mehr französische Staatsanleihen und Emerging-Markets-Währungen.
Reale Assets
Nach einer nochmaligen Preisbeschleunigung haben wir Ende Jänner die Gewichtung in Edelmetallen (Derivate auf einen Rohstoffindex) reduziert. Im März haben wir die starken Preisanstiege bei Energierohstoffen (Derivate auf einen Rohstoffindex) für eine schrittweise Reduktion genutzt. Auch inflationsgeschützte Anleihen haben wir etwas reduziert.