Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 05.06.2026
Die Entwicklung an den Kapitalmärkten zeigt, dass altbekannte Börsenregeln wie „Sell in May and go away” doch keine in Stein gemeißelte Gültigkeit haben. Im Gegenteil. Trotz einiger Spannungsfelder, wie dem Hin- und Her um eine Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA, einem äußerst volatilen Ölpreis und einem latenten Inflationsdruck, zeigten sich die meisten Marktsegmente als positiv. Die breiten Aktienmarktindizes legten zu. Auch die Unternehmensanleihen gewannen. Bei den Staatsanleihen konnten, im Vormonatsvergleich, die meisten Märkte ebenfalls zulegen. Die Renditen zeigten sich als recht robust in Anbetracht einer wechselhaften Gemütslage mit Blick auf Ölpreis und Inflation. Obwohl die geopolitische Lage zu Beginn des Monats Juni immer noch ungeklärt ist, hält sich hartnäckig an den Märkten die Hoffnung, dass es bald zu einer dauerhaften Lösung beim Iran-Krieg kommt. Damit verbunden wäre eine Öffnung der Straße von Hormus, jenem Seeweg, durch den 20% des weltweiten Ölangebots verschifft wird.
Die Hoffnung an den Märkten setzt sich in den, ebenso hoffnungsvollen, makroökonomischen Erwartungen der Bank of America Befragung unter den globalen Fondsmanagern fort. Die optimistische Grundlage ist zuletzt sogar weiter gestiegen.
Dass der Grundtenor an den Märkten nicht ohne reale Fakten ist, dürfte sich auch darin zeigen, dass der Ölpreis einen Teil seines Schreckens verloren hat. Im Vergleich zu den beiden Ölpreisschocks in den 70er Jahren ist die Energieintensität der Volkswirtschaften der Industriestaaten auf 30 bis 40% gefallen. D.h. es wird deutlich weniger Energie – und damit auch Öl – benötigt für die gleiche Menge an Wertschöpfung wie damals.
Ja, es gibt stark belastete Länder, vornehmlich in Asien. Dass der Transportweg von Öl durch die wohl berühmteste „Straße“ über Nacht fast gänzlich zusammengebrochen ist, trifft sie hart und wirkt sich weltweit aus. Das Gute ist nur: Die dadurch entstandene Angebotslücke von ca. 20 Mio. Barrel Öl am Tag kann durch andere Maßnahmen zumindest teilweise geschlossen werden, z.B. durch die Umgehung der Straße von Hormus mittels bestehender Pipelines. Aber eben nur zum Teil. Beispiel: In normalen Zeiten fließen 8,2 Mio. Barrel pro Tag nach China und Indien ab. Allein diese Größenordnung wäre nur zu erreichen, wenn die Blockade sowohl von Seiten der USA als auch des Irans aufgehoben würde.
Neben der weiteren geopolitischen Entwicklung – Fortgang ungewiss – stehen im Juni eine ganze Serie an Zentralbankratssitzungen an. Den Beginn macht die Europäische Zentralbank (EZB), auf welche die Bank of Japan (BoJ) folgt. Mitte des Monats tagt der geldpolitische Ausschuss des Federal Reserve Boards (Fed), zum ersten Mal mit ihrem neuen Chef Kevin Warsh. Den Abschluss bildet die Bank of England (BoE). Bedingt durch den Iran-Krieg, und den Ölpreis bedingten Inflationsimpuls, hat sich der geldpolitische Zyklus der meisten Zentralbanken in Richtung „tightening“ (Verschärfung) verschoben, was auch die Geldmarktsätze bereits vorwegnehmen.
Die ersten Inflationssignale aus der Eurozone deuteten zuletzt auf etwas Entspannung hin: In Belgien waren die Verbraucherpreise im Mai leicht gefallen, was für den Währungsraum insgesamt auf eine geringere Teuerung hindeuten könnte. Für Anleger ist jedoch wichtiger, was daraus für die EZB folgt. Die Verlautbarungen, die aus dem Euro-Tower kommen, sind noch nicht ganz eindeutig. Während Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel weiterhin einen strafferen Kurs befürwortet und eine Zinserhöhung im Juni als wahrscheinlich erscheinen lässt, zeigt sich ihr Kollege Philip Lane etwas vorsichtiger. Dennoch spricht vieles dafür, dass die Notenbank am 11. Juni den Leitzins um 25 Basispunkte anhebt. Auch ein weiterer Schritt im September bleibt möglich, falls Ölpreise und Inflation hoch bleiben. Schwächere Konjunkturdaten oder eine rasche Entspannung bei den Energiepreisen könnten die EZB später bremsen. Unterm Strich bleibt der Kurs vorerst: wachsam und eher restriktiv.
Die US-Notenbank beließ, während ihrer letzten Sitzung im April, den Leitzins zwar wie erwartet unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent, doch der Ton war restriktiver als vom Markt erhofft. Der scheidende Fed-Chef Jay Powell verwies auf anhaltend erhöhte Inflation, steigende Energiepreise und ein hohes Maß an Unsicherheit. Zugleich zeigte sich die US-Konjunktur robust, der Arbeitsmarkt stabil. Es spricht vieles dafür, dass die Fed in den kommenden Monaten abwartet und an ihrem Kurs festhält. Die geldpolitische Botschaft aus dem April lautet: Geduld statt Lockerung. Jetzt wird es spannend zu sehen, ob es dabei auch bleibt.
Die geldpolitischen Weichenstellungen von EZB und Fed kommen dabei in eine Zeit, in der sich die Konjunkturdaten der beiden Regionen latent etwas auseinanderentwickeln, wie es sich z.B. beim Einkaufsmanagerindex für die USA und die Eurozone zeigt, der für den gemeinsamen Währungsraum zurückging. Die Stimmung im Euroraum bleibt auf einem schwachen Niveau. Dienstleistungen und Verbrauchervertrauen konnten zuletzt etwas zulegen, während Industrie, Handel und Bau weiter nachgaben. Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien verzeichneten eine leichte Erholung. Insgesamt gilt der Iran-Schock inzwischen als „eingepreist“. Im Vergleich zum Energiepreisschock als Folge des Angriffs auf die Ukraine 2022 scheinen die Auswirkungen auf Wachstum und Inflation bislang geringer auszufallen.
Im gegenwärtigen Spannungsfeld zwischen Geo- und Geldpolitik liegt folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
- Die konjunkturelle Großwetterlage mit widerstandsfähigem Wachstum und bemerkenswerter Gewinnentwicklung spricht immer noch für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien, auch wenn sich die Risikoeinschätzung wie dargestellt jederzeit verschlechtern könnte.
- Die Aktienmärkte werden weiter stark durch den Technologiesektor dominiert. Ohne Künstliche Intelligenz und dazugehörige Technologie-Lieferketten sähe das Wirtschafts- und Gewinnwachstum in den USA aber auch in Asien und bei ausgewählten europäischen Zulieferern deutlich schwächer aus. Spannend werden die nächsten Wochen durch eine Reihe an IPOs.
- Regional scheint am US-Aktienmarkt derzeit kein Vorbeikommen zu sein. Schwellenländer-Aktien bleiben aus verschiedenen Gründen attraktiv: Im Index stark repräsentierte asiatische Märkte wie Korea und Taiwan profitieren vom KI-Boom, einige lateinamerikanische Märkte durch Öl- und Rohstoffexporte und Osteuropa durch eine starke Entwicklung in Polen und Verbesserungspotential nach der Wahl in Ungarn. Europa ist stärker als andere Regionen vom Iran-Krieg belastet, es bestehen aber weiterhin positive Optionalitäten in Bezug auf Strukturreformen und Fiskalstimulus.
- Nach dem Anstieg der Renditen durch Inflationssorgen erscheint das Rendite/Risikoprofil von Anleihen wieder ausgewogener. Sie könnten sowohl von stärker werdenden Wachstumssorgen als auch von rückläufigen Inflationssorgen profitieren. Im Fall weiter steigender Energiepreise könnten die Renditen allerdings kurzfristig noch weiter ansteigen.
- Bei Unternehmensanleihen sind die Zinsaufschläge zu Staatsanleihen historisch gering, sie preisen also nur geringe Abschwungrisiken ein.
- Gerade falls sich die Energiekrise entspannen sollte, dürfte der US-Dollar auf Sicht der nächsten Quartale weiter unter strukturellen Belastungen wie hoher Budgetdefizite und politischer Unsicherheit leiden.
Investmentthema: → Longevity – länger Geld für ein längeres Leben
- Die Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten und dürfte weiter zunehmen. Auf die eigene Biographie bezogen heißt die Formel: Wer länger lebt, lebt auch immer länger. Die Lebenserwartung steigt, weil Sterbewahrscheinlichkeiten überlebt wurden.
- Gleichzeitig sinkt in vielen Industrieländern die Zahl der Erwerbstätigen relativ zur Zahl der Rentner. Umlagefinanzierte Rentensysteme geraten dadurch unter Druck.
- Erwerbsbiografien werden flexibler. Teilzeit, berufliche Auszeiten und sogenannte „Micro-Retirements“ gewinnen an Bedeutung. Wer sich diese Freiräume leisten möchte, benötigt zusätzliche Einkommensquellen.
- Longevity ist weit mehr als ein Gesundheitstrend. Es ist ein struktureller Wandel mit weitreichenden Folgen für die private Altersvorsorge. Wer länger lebt, braucht länger Einkommen.
- Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons dürfte deshalb für viele Anleger zu einer zentralen Säule der finanziellen Freiheit werden.
- Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons kann dabei als „zweites Gehalt“ fungieren. Es schafft finanzielle Unabhängigkeit von der eigenen Arbeitskraft und kann Einkommenslücken schließen.
Ernst Bloch entwickelt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ die Idee, dass Hoffnung keine Illusion, sondern eine reale gesellschaftliche Kraft ist.
Hören wir also nicht auf zu hoffen,
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research