Amundi Artikel vom 19.05.2026
Spätestens mit der Intervention der USA im Iran steht die Autonomie des Alten Kontinents ganz oben auf der politischen Agenda der EU. Einen Blick auf den Stand dieser Bestrebungen zu mehr Unabhängigkeit warf Prof. Dr. Moritz Schularick, Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel), auf der Amundi Investment Konferenz Kompakt am 7. Mai. Seine wichtigsten Thesen und Analysen lesen Sie hier im ausführlichen Interview:
Herr Prof. Schularick, was bedeutet der hohe Ölpreis für die Wirtschaft und die Energiepolitik in Europa?
Ganz klar, das ist eine Riesenherausforderung. Wir müssen damit rechnen, dass sowohl Konjunktur als auch die Inflationsentwicklung in Europa Schaden nehmen könnten. Deutschland hat hier gewisse Vorteile wegen des Sondervermögens für Verteidigung und Infrastruktur, das den Haushalt etwas stabilisiert. Eine Rezession ist zwar nicht das Hauptszenario, aber die Lage ist durchaus ernst. Wir Volkswirte haben eine Faustregel, nach der pro 10 US-Dollar mehr für das Barrel Rohöl das Wachstum um 0,1% zurückgeht. Wenn man beispielsweise von den 0,8% BIP-Wachstum ausgeht, mit dem die großen Wirtschaftsforschungsinstitute für Deutschland gerechnet haben, ist sozusagen die „Null“ nicht mehr allzu weit.
Die von Donald Trump angekündigten höheren Zölle auf die Automobilwirtschaft belasten uns zusätzlich?
Letztlich sogar mehr als das, was letztes Jahr zum Liberation Day auf den Tisch gelegt wurde: Denn diese neuen Zölle beträfen nur Europa, was im Welthandel ein relativer Nachteil wäre. Für Europa könnte das weitere 0,2% – 0,3% Wachstumseinbußen bedeuten. Zwar haben wir als EU diesmal auch ein paar gute Möglichkeiten diese Tarife zu „kontern“ und man muss erst einmal abwarten, was davon in der Realität umgesetzt wird – aber wenn sich die Folgen des Irankriegs und Zölle aufaddieren, könnten wir im schlechteren Fall auch unter der Null landen.
Europa hat starke Bestrebungen in diesem geopolitisch fordernden Umfeld autonomer zu werden. Wie steht es dabei?
Klar, ein bisschen etwas ist schon passiert, etwa bei der Rohstoffsicherheit oder den Handelsabkommen mit Lateinamerika, Indien und Kanada. Aber eine große strategische Antwort auf die Feststellung, dass wir als EU sozusagen das erste Mal seit Gründung alleine sind, steht weiter aus. Europa muss aufpassen, nicht zwischen den USA und China zerdrückt zu werden.
Was sollte Ihrer Meinung nach jetzt geschehen?
Ein Beispiel: Wir müssen auch anerkennen, dass wir unsere ökonomischen Interessen, Sicherheit und Macht global nur glaubhaft vertreten können, wenn wir auch militärisch auf eigenen Beinen stehen. Trotz immenser Rüstungsausgaben von 500 Mrd. Euro – und damit dem zweitgrößten Militärhaushalt der Welt – haben wir aber nur einen Bruchteil der Fähigkeiten der USA. Allerdings geht es nun nicht darum, auf die Technologien des letzten Jahrhunderts zu setzen, etwa Panzer. Vielmehr sollten wir die teilweise groteske Ineffizienz im Verteidigungssektor beenden und nicht mehr alles quasi „mal 27“ machen. Wir müssen jetzt als Europäer gemeinsam in militärische Weltraumfähigkeiten, autonome Systeme oder Robotik investieren. Dann werden wir zukunftsfähig – und eine gemeinsame Lösung ist für den europäischen Steuerzahler auch günstiger.
Sehen Sie in Sachen Autonomie und Energiepolitik sowie gerade beim Thema Erneuerbare Energien Opportunitäten für Europa?
Auch wenn es mich schmerzt, sehe ich hier keinen expliziten technologischen Vorteil mehr. An die Chancen von Clean-Tech glaube ich sehr wohl, doch wenn es dann um Skalierung und Kosten geht, ist China mittlerweile die Supermacht. Im Vergleich mit den USA ist nicht so sehr die Industriepolitik das Entscheidende, sondern die unglaubliche Innovationskultur und -geschwindigkeit, gerade im Tech-Bereich. Da verliert Europa vor allem wegen seiner Überregulierung gerade den Anschluss. Insofern setze ich auf Europas Sicherheitsagenda als Spielfeld dafür, im Bereich Hochtechnologie wieder das Potenzial des Alten Kontinents einzulösen. Wie gesagt müssen wir dafür aber die vorhandenen Finanzmittel für echte Zukunftstechnologien einsetzen, um zur Weltspitze aufzuschließen.
Der große Draghi-Report hat vor rund zwei Jahren eine Reihe von Reformvorschlägen für Europa lanciert. Was ist davon umgsetzt?
Wir haben leider immer noch große Handelshemmnisse, gerade im Dienstleistungsbereich. Die Vollendung des Binnenmarktes kommt wenig voran, wir haben schlicht noch zu viele Hindernisse, die eine höhere Dynamik, die wir in Europa sicher haben könnten, verhindern. Deregulierung und Bürokratie bleiben somit sowohl auf europäischer wie auch nationaler Ebene weiterhin die zentralen Aufgaben.
Wie sehen Sie das Thema Kapitalmarktunion?
Ich denke, mittlerweile ist allen Akteuren klar, dass Europa nun alleine steht in der Welt. Auf diesem Druck von außen, der Europa immer geformt hat, liegen die Hoffnungen. Es gibt strukturelle Argumente, warum wir als Europa finanziell unabhängiger werden müssen, gerade von den US-amerikanischen Kapitalmärkten. Dabei hilft uns ein gemeinsamer, großer und liquider Anleihemarkt in Europa ungemein. Ein gemeinsamer EU-Kapitalmarkt ist ein strategisches Asset.