DWS CIO View vom 08.07.2026
Das 34-Punkte-Reformprogramm der Bundesregierung könnte zum großen Wurf reifen, gerade weil es eine Vielzahl kleiner Baustellen adressiert. Geduld dürfte sich für Anleger auszahlen.
In Kürze
- Anfang Juli überrascht die Regierungskoalition die Märkte mit der Ankündigung eines umfangreichen Reformpakets, dessen Realisierungschancen wir für hoch erachten.
- Das Paket überzeugt weniger durch fiskalische Entlastungen der Bürger und Unternehmen als durch einen Maßnahmenmix gegen Bürokratie, Investitionsstau und angebotsseitige Hemmnisse.
- Die Kombination mit den bereits angestoßenen Investitionsprogrammen und der konjunkturellen Erholung bietet Anlegern sowohl am Aktienmarkt als auch im Infrastrukturbereich aus unserer Sicht langfristige Chancen.
Ein überraschend breites Maßnahmenpaket mit langfristigem Potential für Anleger
Die Regierungskoalition hat am 2. Juli ein beeindruckend breites Reformpaket vorgelegt, welches das Potential hat, die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. Zusammen mit anderen schon beschlossenen oder bereits umgesetzten Maßnahmen hat das Paket die Chance, ähnlich nachhaltig zu wirken wie die Agenda 2010. Vor dem Hintergrund der anziehenden Konjunktur kommt dieses Paket zur rechten Zeit.
Drei Tage in Folge haben deutsche Aktien nun schon ihre europäischen Konkurrenten hinter sich gelassen, als Folge des Donnerstagfrüh bekanntgegebenen Maßnahmenpaketes der Berliner Regierungskoalition. Wir rechnen damit, dass die Börse das Paket im Rahmen der gesetzgeberischen Fortschritte weiter honorieren dürfte. Ihren vollen Effekt in Wirtschaft und Börse können Reformen oft erst über Jahre gestreckt zeigen.
Natürlich spielen hier auch Faktoren wie die zyklischere Ausrichtung der deutschen Wirtschaft sowie die damals stark gestiegenen Exporte nach China eine große Rolle. Aber unserer Meinung nach konnten deutsche Unternehmen dank der Reformen stärker von dem globalen Aufschwung profitieren als andernfalls. Mit einem ähnlichen Muster rechnen wir auch diesmal. Die deutsche Wirtschaft befand sich, allen Unkenrufen zum Trotz, 2025 bereits auf gutem Wege, wurde aber von den Strafzöllen Donald Trumps und den Folgen des Irankriegs ausgebremst. Derzeit sehen wir sie erneut auf Expansionskurs, was sich etwa auch in den starken Auftragseingängen der Industrie vom Mai zeigt: plus 1,9 Prozent gegenüber dem Vormonat, und selbst ohne Großaufträge noch 1 Prozent. Die Kombination aus Strukturreformen und konjunktureller Aufhellung sollte ein positives Umfeld für den Kapitalmarkt darstellen. Umso mehr als Anleger derzeit nach Alternativen von den US- und asienlastigen, hochbewerteten KI-Sektoren suchen.
1 / Liebe auf den zweiten Blick – das Paket im Kontext und im Detail
1.1 Vielfältige Herausforderungen – vielfältige Lösungen
Strukturelle, historische und konjunkturelle Belastungen für Deutschlands Wirtschaft
Deutschland leidet seit Langem an drei grundsätzlich verschiedenen Problemen, die in der öffentlichen Debatte oft vermengt werden. 1. Strukturelle, angebotsseitige Probleme: zu hohe Steuer- und Abgabenlast, überbordende Bürokratie und rigide Vorschriften im Arbeitsrecht. 2. Jahrzehntelange Unterinvestitionen: Verteidigung, (Energie-)Infrastruktur und Wohnungsbau müssen notgedrungen in kurzer Zeit lange Perioden der Unterinvestitionen aufholen. 3. Externe, konjunkturelle Belastungen: hohe Energiepreise auch infolge zweier Kriege, schwache Nachfrage nach Industriegütern aufgrund der globalen Rezession im Verarbeitenden Gewerbe, US-Zölle oder der Wandel Chinas vom Kunden zum Konkurrenten. Auch wenn in der öffentlichen Debatte oft die strukturellen Schwächen für alle Probleme verantwortlich gemacht wurden, ist die Unterscheidung wichtig, denn wir erwarten jetzt Entlastung von allen drei Seiten.
Globale Konjunktur wieder auf stabilem Aufwärtspfad
Wir glauben, dass die Talsohle der globalen Industrierezession durchschritten ist. Es gibt global einen großen Nachholbedarf an Investitionen, die Gegenwinde werden schwächer (US-Zölle) und die Folgen des Irankrieges fallen deutlich geringer aus, als die meisten es befürchtet hatten. Der Ölpreis ist bereits wieder drastisch gesunken. In Deutschland legen die Auftragseingänge seit einigen Monaten kräftig zu und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich dies auch in einer steigenden Industrieproduktion niederschlägt.
Infrastruktur: Lange vernachlässigt, jetzt priorisiert
Die schwachen staatlichen Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur haben die Regierungsparteien bereits vor dem Antritt der neuen Regierung adressiert, indem sie die deutsche Schuldenbremse lockerten. So werden sich die deutschen Verteidigungsausgaben, die zum Großteil nicht mehr auf die Schuldenbremse angerechnet werden, bis zum Jahr 2028 gegenüber 2022 verdreifachen und die Bundesregierung hat mit dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität ein Investitionspaket im Gesamtvolumen von 500 Mrd. Euro (rund elf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt) auf den Weg gebracht, das über die nächsten zehn Jahre investiert werden soll.
Nun endlich Reformen auf der Angebotsseite
Das nun verabschiedete Reformpaket – wir rechnen in weiten Teilen mit der Gesetzesform bis Ende des Jahres - ist unseres Erachtens ähnlich weitreichend und potenziell wirtschaftsfördernd wie das letzte große Reformpaket, die 2003 eingeführte „Agenda 2010“. Unter ihr mauserte sich Deutschland vom „kranken Mann Europas“ zu Europas Musterschüler.
1.2 Die wichtigsten Punkte: geplante und bereits verabschiedete Reformen
Entbürokratisierung
- Abschaffung sämtlicher Berichts- und Dokumentationspflichten. Weiterhin erforderliche Pflichten müssen begründet und neu verabschiedet werden.
- Genehmigungsfiktion als Regelfall: Alle Anträge gelten als genehmigt, wenn die Behörde innerhalb von vier Monaten keinen besonderen Prüfbedarf anmeldet.
- Sollten diese beiden Punkte tatsächlich so verabschiedet und umgesetzt werden, wäre das eine komplette Wende in der Bürokratie.
- Ein Lackmustest für den ernsthaften Willen, etwas zu ändern, ist die beabsichtigte Streichung des Lieferkettengesetzes für rund 95 Prozent der Unternehmen.
- Insgesamt soll die Entbürokratisierung und die Digitalisierung der Behörden so weit gehen, dass generell acht Prozent Personal eingespart werden kann.
- Das bereits im Oktober 2024 in Kraft getretene Bürokratieabbaugesetz IV umfasst weitere Maßnahmen zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, insbesondere für Industrieanlagen und Infrastrukturprojekte.
Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und zur Erhöhung des Arbeitsangebotes
- Die Vorschläge der Alterssicherungskommission sollen vollumfänglich umgesetzt werden. Das gesetzliche Renteneintrittsalter soll angehoben werden – aber erst ab 2031 und nur um ein halbes Jahr verteilt auf ein Jahrzehnt. Das ist zu spät und zu zögerlich, um den Renteneintritt der Babyboomer, der jetzt gerade stattfindet, zu kompensieren. Allerdings zielen zahlreiche Maßnahmen darauf ab, den tatsächlichen Renteneintritt zu verzögern. Das kann das Arbeitskräfteangebot deutlich erhöhen, zumal schon seit Jahren ein Trend zu einem späteren Renteneintritt zu beobachten ist und die Partizipationsrate Älterer kontinuierlich zulegt.
- Auch die Vorschläge der Sozialstaatsreformkommission sollen umgesetzt werden. Dies würde die Arbeitsanreize für Geringverdiener weiter erhöhen – auch über die bereits in Kraft getretene Umwandlung des Bürgergelds in Grundsicherung hinaus.
- Erhoffte Maßnahmen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit wurden allerdings auf den Herbst vertagt.
- Das bereits Anfang des Jahres in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz II soll den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt weiter erleichtern. In die gleiche Richtung stoßen die Einführung der "Chancenkarte 2.0" (ein digitalisiertes, punktebasiertes System für Zuwanderer) und die schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse durch Zentralisierung der zuständigen Stellen.
Steuerreformen
- Die Vorschläge zur Reform der Einkommensteuer sind recht überschaubar.
- Wir versprechen uns deutlich mehr von der bereits verabschiedeten Senkung der Unternehmensbesteuerung auf 25 Prozent, die allerdings erst ab 2028 eingeführt wird und dann auch nur schrittweise über fünf Jahre gestreckt.
- Bis dahin gibt es bereits eine degressive Sonderabschreibungsmöglichkeit für Investitionen von 30 Prozent.
Verbot der Verstaatlichung von Wohneigentum
- Hier existiert jedoch ein Konflikt zwischen Bundes- und Landesrecht
Zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen
- Beschleunigter Ausbau von Strom-Verteilernetzen. Die Dauer der Realisierung neuer Netzprojekte soll halbiert werden.
- Die überfällige Digitalisierung der Netze soll beschleunigt werden. Bis Ende 2030 sollen 90 Prozent der Messstellen über einen Smart Meter verfügen.
- Beide Maßnahmen sind dringend erforderlich, um die Energiewende voranzutreiben.
Maßnahmen zur Stärkung des Kapitalmarktes
- Wie ebenfalls von der Rentenkommission vorgeschlagen, sollen die erste Säule (gesetzliche Rente) wie auch die dritte Säule der Altersvorsorge (private Altersvorsorge) Elemente der Kapitaldeckung enthalten. Wenn es damit gelingt, den Aktienbesitz in Deutschland kräftig zu erhöhen, kann man das auch als angebotsseitige Reform werten, weil sich empirisch zeigen lässt, dass tiefe Kapitalmärkte die Wachstumskräfte eines Landes nachhaltig stärken.
- Hinzu kommt das im Februar 2026 beschlossene Startup-Nation-Gesetz, ein Paket zur Stärkung des Wagniskapitalstandorts Deutschland.
- Steuerliche Erleichterungen für Investoren (Venture Capital).
1.3 Vom Programm zum Gesetz ist es ein weiter Weg
Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind bisher auch nur das. Sie müssen noch in Gesetzesform gegossen, zwischen den Ressorts abgestimmt, durchs Kabinett gebracht und vom Bundestag und vielfach auch vom Bundesrat verabschiedet werden. Das sind viele Schritte, die bis Ende des Jahres erfolgen sollen. (Die meisten Gesetze sollen bereits zum 1.1.2027 in Kraft treten.) Auf dem Weg dorthin kann noch einiges schief gehen. Dennoch sprechen aus unserer Sicht zahlreiche Gründe dafür, dass die angestrebten Reformen tatsächlich umgesetzt werden:
- Das Programm wird von der gesamten Regierungskoalition getragen: der CDU, der CSU und beiden Flügeln der SPD.
- In Deutschland gibt es eine überwältigende (stille) Übereinkunft, dass sich etwas ändern muss. Dieses Gefühl teilen auch die Koalitionäre.
- Gleichwohl wird es zahlreiche Proteste von verschiedensten Seiten geben. Das könnte man sogar als gutes Zeichen bewerten, da ausbleibende Proteste einem Zeichen der Bedeutungslosigkeit der Maßnahmen gleichkämen. Die Maßnahmen sind aber so zahlreich und treffen so viele verschiedene Interessengruppen auf so unterschiedliche Weise, dass wir uns durchaus vorstellen können, dass es, anders als 2003 bei der Verabschiedung der „Agenda 2010“, keine Protestbewegung geben wird, hinter der sich alle versammeln können.
Werden die Maßnahmen jedoch umgesetzt, ist die Grundlage für eine anhaltende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in Deutschland gelegt. Strukturmaßnahmen schaffen für sich keinen konjunkturellen Aufschwung, aber sie legen die Basis dafür, dass die Wirtschaft die nächste konjunkturelle Belebung auch in Wachstum umsetzen kann.
2 / Wie könnten Anleger von dem Paket profitieren?
2.1 Nach relativ schwachem Jahr könnten deutsche Aktien wieder anziehen
Dax auf Rekordhoch, doch mit schwächerer Jahresperformance als andere Indizes
Der Verabschiedung des Reformpakets folgte unmittelbar am selben Tag noch ein neues historisches Hoch im Dax. Im globalen Vergleich konnte er damit zumindest etwas von seinem Rückstand aufholen, den er seit rund zwölf Monaten etwa im Vergleich zu Europa aufgebaut hatte. Grund dafür waren eine überdurchschnittliche Belastung der deutschen Wirtschaft durch die Strafzölle Trumps sowie die (weitere) Erhöhung der Energiepreise als Folge des Irankriegs.
Dazu kam das starke Abschneiden der großen globalen Technologiewerte. Gerade letztere erleben derzeit aber auch turbulente Zeiten an der Börse. So brachte die KI-Welle zunächst Opfer unter den Softwaretiteln hervor und später unter den eigentlichen KI-Zugpferden, den Hyperscalern. Auf ihre Kosten haben die Halbleiterwerte ein unglaublich starkes zweites Quartal hingelegt. Allerdings glauben wir, dass damit die Bewertungsstände in diesem Sektor Niveaus erreicht haben, die ihn anfällig auch schon für kleine Enttäuschungen machen – etwa weniger aggressive Investitionspläne der Hyperscaler. Europäische und deutsche Aktien könnten von dieser Skepsis als relative Profiteure hervorgehen, da sie in diesem Bereich nicht zu den Pionieren gehören. Deutsche und europäische Aktien handeln mit einem (auch historisch gesehen) großen Abschlag auf US-Aktien, der sich zuletzt jedoch im Rahmen der Sektorrotation etwas eingeengt hat. Zudem dürften sich die positiven Effekte aus der Wiedereröffnung der Straße von Hormus besonders positiv auf Europas Wirtschaft auswirken, genauso, wie Europa zuvor überdurchschnittlich unter der Verknappung des Energieangebots gelitten hat.
Wir glauben nicht, dass das angekündigte Reformpaket das Interesse ausländischer Investoren am deutschen Aktienmarkt ähnlich schnell entfachen kann, wie es vergangenes Jahr die Ankündigung deutlich höherer Militär- und Infrastrukturausgaben getan hat. Es dürfte sich vielmehr um ein „show-me“-Phänomen handeln, also ein Ereignis, bei dem das Vertrauen der Anleger erst mit dem Sichtbarwerden der Reformen wächst.
Als größte Nutznießer des Reformpakets sehen wir stark im Heimatmarkt verbundene Sektoren, ob Bau, Immobilien, Einzelhandel, Banken oder auch Dienstleister. Als Marktsegment sollten vor allem die Nebenwerte von den Reformen profitieren.
2.2 Anleihen und Währungen
Wir rechnen mit überschaubaren Auswirkungen auf Bundesanleihen und Euro
Die Auswirkungen des Reformpakets auf deutsche Anleihen dürften mittelfristig überschaubar bleiben. Der Rentenmarkt ist ohnehin von steigenden Verschuldungsquoten des deutschen Staats ausgegangen, sieht das Land aber im europäischen Kontext immer noch als überdurchschnittlich solvent an. Daran dürfte das Reformpaket insgesamt wenig ändern.
Wir glauben, dass der Währungsmarkt eher spät und zögerlich auf das Paket reagieren könnte. Erstens dürften internationale Anleger angesichts der erwartbar langsamen Umsetzung der Reformen zunächst skeptisch bleiben und auf sichtbare Resultate warten. Zweitens hängt der Euro natürlich nicht nur an Deutschland. Derzeit setzt ihm etwa auch die politische und wirtschaftliche Lage in Frankreich negativ zu.
2.3 Alternative Anlagen
Immobilien gleich mehrfach betroffen
Am unmittelbarsten hat die Aussage Friedrich Merz‘, wonach es keine Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften1 geben würde, die Anleger wohl beeindruckt. Auch wenn die Gesetzeslage, besser gesagt, das Machtverhältnis von Bund und Ländern, hier noch für Komplikationen sorgen könnte, hat der Markt dies erst einmal als positiven Richtungsentscheid gewertet. Strukturell wichtiger könnte der Plan sein, den erst 2022 eingeführten additiven nationalen Eigenkapitalpuffer für Wohnimmobilienkredite (der bereits im Mai 2025 von zwei auf ein Prozent der Kreditsumme gesenkt wurde) ab Anfang 2027 ganz abzuschaffen. Dies würde zusätzliche Mittel für die Finanzierung von neuem Wohnraum freisetzen.
Ein weiterer Impuls für die Immobilienwirtschaft, insbesondere für sozialverträglichen Wohnraum, könnte aus dem Deutschlandfonds erwachsen, der potenziell zur Finanzierung neuen Wohnraums genutzt werden könnte. Grundsätzlich jedoch sollte sich jede Maßnahme, die Restriktionen auf der Angebotsseite abbaut – etwa Bürokratie, behördliche Auflagen oder lange Wartezeiten – positiv auf einen Markt auswirken, der von einem deutlichen Nachfrageüberhang geprägt ist.
Im Abschnitt „Wachstum und Gerechtigkeit“ verspricht die Koalition die Stärkung von Zukunftstechnologien. Dazu zählt sie Automobilsektor, die chemische und pharmazeutische Industrie, Clean Tech, die Kreislaufwirtschaft, den Maschinenbau, die Batteriezellen- und Halbleiterproduktion sowie den gesamten Bereich der Künstlichen Intelligenz. Dies könnte unseres Erachtens positive Auswirkungen auf die Gewerbeimmobilien (Büros und Logistik) in den Ballungsgebieten wie München/ Süddeutschland, Berlin, Hamburg oder Rhein-Ruhr haben.
3 / Fazit: Deutschland als Lackmustest für die Wiederentdeckung Europas
Das Reformpaket allein wird Deutschlands Wachstumsschwäche nicht über Nacht beheben. Zusammen mit höheren Investitionen, einer sich aufhellenden Industriekonjunktur und Maßnahmen gegen Bürokratie, Arbeitskräftemangel und angebotsseitige Hemmnisse könnte es jedoch die Grundlage für eine spürbare Verbesserung der Wachstumsperspektiven legen. Für Anleger dürfte daher weniger die einzelne Maßnahme zählen als das Zusammenspiel aus Reformwillen, Umsetzung und konjunkturellem Rückenwind.
Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft. Gelingt es hier, Reformen umzusetzen und Investitionen in Gang zu bringen, könnte dies positiv auf Gesamteuropa ausstrahlen. Da bei vielen Anlegern jedoch Skepsis gegenüber Europas Reformfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit vorherrschen dürfte, sehen wir die Chancen des Reformpakets weniger in einer kurzfristigen Marktreaktion als in einer schrittweisen Vertrauensbildung. Sichtbare Fortschritte bei Umsetzung, Investitionsdynamik und Bürokratieabbau sollten mittelfristig dazu beitragen, den Blick internationaler Anleger auf deutsche und europäische Vermögenswerte zu verbessern.
Aus unserer Sicht dürfte das Paket vor allem deutsche Aktien unterstützen, insbesondere binnenwirtschaftlich ausgerichtete Sektoren wie Bau, Immobilien, Einzelhandel, Banken und unternehmensnahe Dienstleistungen. Kleine und mittelgroße Unternehmen könnten dabei am stärksten von weniger Bürokratie, höheren Investitionen und einem sich verbessernden konjunkturellen Umfeld profitieren. Bei den alternativen Anlagen könnte der Immobiliensektor von geringeren politischen Risiken, zusätzlicher Finanzierungskapazität und Unterstützung für bezahlbaren Wohnraum gestützt werden, während infrastrukturbezogene Anlagen Rückenwind von höheren öffentlichen Investitionen und schnelleren Genehmigungsverfahren erhalten könnten. Demgegenüber dürfte der erwartete Einfluss auf Bundesanleihen und den Euro begrenzter und gradueller ausfallen, da die Anleihemärkte eine höhere öffentliche Verschuldung bereits eingepreist haben und Währungsinvestoren möglicherweise zunächst sichtbare Belege für die Umsetzung der Reformen abwarten.