Ethenea Aktuelles vom 19.03.2026
Ein Nadelöhr im Nahen Osten bestimmt derzeit das Schicksal der europäischen Wirtschaft. Seit die Straße von Hormus in aller Munde ist, schießen die Energiepreise in die Höhe: Brent-Öl liegt bei rund 90 Dollar je Fass, europäisches Erdgas verteuerte sich um 60 Prozent.
Dieser exogene Schock trifft die Währungshüter zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt und erzwingt Stillstand: Bei der EZB-Sitzung am 19. März bleibt der Einlagensatz unverändert bei 2,0 Prozent– zum sechsten Mal in Folge. Die Unsicherheit ist zu groß, um jetzt zu handeln.
Noch im Februar feierte die EZB einen Etappensieg: Die Inflation war auf 1,9 Prozent gesunken, die Wirtschaft leicht im Plus. Doch dieser Erfolg ist bereits wieder Geschichte. Die blockierte Straße von Hormus prognostiziert einen möglichen Preissprung für 2026 auf rund 2,4 Prozent und drückt gleichzeitig das Wachstum. Dementsprechend rechnen wir erst 2027 mit einer Entspannung bei der Teuerung.
Entscheidend wird sein, wie lange die Energiepreise erhöht bleiben. Die Dienstleistungsinflation verharrt bei 3,4 Prozent, die Lohnkosten stiegen im vierten Quartal um 3,1 Prozent. Ein anhaltender Energieschock könnte diese Dynamik verstärken und Zweitrundeneffekte auslösen. Gleichzeitig droht der Wirtschaft eine deutliche Abkühlung: Ein Szenario der EZB aus dem Dezember 2023 zeigte bereits, dass eine Teilblockade der Straße von Hormus das Wachstum um 0,7 Prozentpunkte drücken würde. Bei einer vollständigen Blockade mit Rationierung wäre sogar eine Rezession denkbar.
Die Märkte preisen mittlerweile 1,8 Zinserhöhungen bis Jahresende 2026 ein – eine Erwartung, die an der wirtschaftlichen Realität vorbeigeht. Einige Ratsmitglieder wie Peter Kažimír deuteten zwar an, dass Zinserhöhungen „näher sind als viele denken", doch die Mehrheit betont Vorsicht. Ein anhaltender Energieschock würde die Eurozone nicht überhitzen, sondern abwürgen. Die Rezessionsrisiken sind erheblich: Ein vollständiges Hormus-Szenario könnte das Wachstum um zwei Prozentpunkte oder mehr drücken. In einem solchen Umfeld wären Zinserhöhungen kontraproduktiv. Die EZB wird voraussichtlich alternative Szenarien vorlegen, die diese Abwärtsrisiken verdeutlichen.
EZB-Chefin Christine Lagarde und die gesamte EZB wähnen sich in einer guten „Ausgangsposition". Sie müssen aber den schwierigsten Balanceakt seit der Energiekrise 2022 bewältigen. Ein falscher Schritt und aus der temporären Inflationsüberschreitungen könnte sich eine Rezession entwickeln. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich die Lage im Nahen Osten entspannt – oder ob die EZB vor deutlich schwierigere Entscheidungen gestellt wird.