Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 29.05.2026
Vor dem Hintergrund des sprunghaften Anstiegs der Aktienrenditen und der rasch steigenden Investitionsausgaben (Capex) zur Finanzierung des Ausbaus der Datencenter stellen sich zahlreiche wichtige Fragen, welche längerfristigen Konsequenzen Künstliche Intelligenz (KI) für die Gesamtwirtschaft haben dürfte. Allgemein herrscht Optimismus hinsichtlich des Potenzials der KI, die Produktivität zu erhöhen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Der Aufwärtsdruck auf die Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen weckt jedoch Befürchtungen, dass der Weg zu höherer Produktivität für einige äußerst disruptiv ausfallen und es anderen erschweren könnte, in den Arbeitsmarkt einzutreten.
Um das zu untersuchen nutzen wir eine berufsbasierte Klassifikation von Tätigkeiten, die sich für eine Umsetzung mit KI eignen und die Edward Felten1 und Kollegen in ihrer Studie zu sektoralen Maßzahlen der KIExposition aggregieren. Wir bringen die Sektor-Werte in eine Rangfolge und wenden sie auf Daten an, die vom US Bureau of Labour Statistics sowie von Unternehmen des S&P 500 veröffentlicht werden. So können wir einige allgemeine Merkmale herausarbeiten, wie sich der KI-exponierte Teil der Wirtschaft entwickelt.
Konzentriert man sich auf jene 30% der Sektoren mit der höchsten KI-Exposition, so haben diese im letzten Jahrzehnt stetig an Bedeutung für die US-Wirtschaft gewonnen. Die Unternehmen in diesen Sektoren machen mittlerweile knapp 60% aller Betriebsstätten in den USA aus – mit einer auffälligen Beschleunigung ihres Anteils seit der Coronapandemie.
Es handelt sich eindeutig um einen dynamischen Teil der Wirtschaft, der eine Reihe neuer Marktteilnehmer anziehen dürfte. Betriebsstätten in diesen Sektoren beschäftigen tendenziell weniger Mitarbeiter als Unternehmen in der übrigen Wirtschaft. So haben Betriebsstätten in den 30% der am stärksten KI-exponierten Sektoren seit dem ersten Quartal 2022 ihre Mitarbeiterzahl im Durchschnitt um über 8% verringert, während die durchschnittliche Mitarbeiterzahl pro Betriebsstätte in der übrigen Wirtschaft stabil geblieben ist.
Es ist hinlänglich bekannt, dass die Unternehmen aus diesem Bereich bei den Kapitalinvestitionen („CAPEX“) sehr aktiv sind. Konzentriert man sich jedoch ausschließlich auf Unternehmen des S&P 500, so zeigt sich eine deutliche Spreizung zwischen den Unternehmen in den 10% der am stärksten exponierten Sektoren und dem Rest. Der Anteil der Unternehmen in den oberen 10% der KI-exponierten Sektoren am gesamten Capex ist seit dem ersten Quartal 2022 um einen Prozentpunkt gestiegen, während der Anteil der Unternehmen in den nächsten 20% der KI-exponierten Sektoren im selben Zeitraum um vier Prozentpunkte zurückgegangen ist.
Dies zeigt eindeutig: Zwischen KI-Exposition und der Funktionsweise von Unternehmen besteht kein einfacher linearer Zusammenhang. Kombiniert man die Daten zusätzlich mit den durchschnittlich gezahlten Löhnen, so zeigt sich eine ähnliche Spreizung zwischen den oberen 10% und den nächsten 20% wie bei den Investitionsausgaben; die Divergenz hat sich in den letzten zwei Jahren sogar besonders deutlich akzentuiert. Die Schlussfolgerung lautet wohl: Die Unternehmen gehen davon aus, dass die KI-Gewinne ungleich verteilt sein werden und dass nur eine kleine Zahl von Akteuren den Markt dominieren wird. Dies entspricht nicht der typischen Erfahrung bei einer Technologie, die sich allgemein durchsetzt, und unterstreicht das Potenzial der KI, die Erwartungen auch weiterhin zu durchkreuzen, selbst wenn ihr Einfluss wächst.
Die Woche voraus
In den USA steht der Arbeitsmarktbericht für Mai im Mittelpunkt; der Beschäftigungsaufbau dürfte sich weiter ausweiten. Die Schwäche bei der Stellenschaffung zeigt sich vor allem im Rückspiegel, aber die Arbeitslosenquote dürfte etwas anziehen. Dies deutet darauf hin, dass der Stabilisierungsprozess noch im Gange ist und es der USNotenbank Federal Reserve (Fed) ermöglicht, trotz hoher Inflation geduldig zu bleiben. Der Durchschnittsverdienst wird entscheidend für die Einschätzung des Lohndrucks sein, doch die jüngsten Daten geben kaum Anlass zur Sorge. Die Institute for Supply Management (ISM)-Umfrage zum Dienstleistungssektor findet üblicherweise weniger Beachtung als jene zum verarbeitenden Gewerbe; angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten und der Anzeichen einer Abschwächung in der Purchasing Managers‘ Index (PMI) -Umfrage wird sie in diesem Monat aber gleich in zweifacher Hinsicht beachtenswert sein: ob das Wachstum noch trägt und ob der Kostendruck weiter zunimmt.
Im Euroraum richtet sich der Fokus auf die Schnellschätzung des Verbraucherpreisindex (VPI) für Mai, insbesondere auf die Kerninflation. Der Markt erwartet, dass die Gesamtteuerung weiter zulegt. Die Kerninflation war zuletzt trotz des Energiepreisschocks gedämpft und dürfte nun wieder anziehen. Die Revisionen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das erste Quartal, die Arbeitslosenzahlen für April sowie die Geldmengendaten der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Blick auf die Kreditvergabe runden das konjunkturelle Bild ab.
Im Vereinigten Königreich dürften die Datenveröffentlichungen diese Woche weniger marktbewegend ausfallen. Kreditwachstum, Hauspreise und breite Geldmenge dürften die Schwäche der wirtschaftlichen Aktivität allesamt bestätigen.
Auch aus Japan kommen relativ wenige Daten. Unternehmensinvestitionen und private Konsumausgaben werden Aufschluss über den inländischen Konjunkturzyklus geben, während die Geldmengendaten im Kontext der schrittweisen geldpolitischen Normalisierung beobachtet werden.
Auf positive Makro-Effekte für uns alle hofft
Sean Shepley
Senior Economist