Die Sache mit der Messlatte

Allianz Global Investors

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 17.07.2026

Stabhochspringer wissen: die zu überspringende Latte fällt bereits bei leichter Berührung herunter. Während der Gewinnberichtssaison zum zweiten Quartal könnten Unternehmen und Anleger eine ähnliche Erfahrung machen. Trotz gutem Sprung könnte hier und da die Latte fallen, falls sie ein kleines Stück zu hoch hängt.

Ein erster Anhaltspunkt dafür, dass an manchen Stellen die Latte hoch hängt, ist das Verhalten der Analysten während des Berichtsquartals. Im Normalfall nehmen Analysten die Schätzungen während eines Berichtsquartals herunter. Nicht so für das gerade abgelaufene zweite Quartal 2026. Seit 31. März haben Analysten die Q2-Gewinnschätzungen für die Bestandsunternehmen des US-amerikanischen Leitindex S&P 500 derart angehoben, dass sich der geschätzte Indexgewinn um 3,4% erhöht hat. Dies stellt die stärkste Erhöhung seit 2021 dar. Ein beträchtlicher Anteil der erhöhten Schätzungen geht auf das Konto des Energiesektors. Dieser konnte von den zwischenzeitlich stark gestiegenen Ölpreisen profitieren. Aber auch für den Technologiesektor bleibt der Optimismus hoch.

Die Vorlage für die Erhöhung der Schätzungen dürften die Unternehmen selbst gegeben haben. So gab es in den USA eine rekordhohe Anzahl positiver Vorabankündigungen (sogenannte „preannouncements“). Diese stammten zum überwiegenden Teil aus dem Technologiesektor. Dieser erlebt gerade in Teilbereichen einen Boom, hervorgerufen durch die immensen Investitionen rund um künstliche Intelligenz (KI).

Ganz generell profitieren die US-Unternehmen von robust steigenden Umsätzen bei rekordverdächtigen Gewinnmargen. So dürfte der Indexgewinn für den S&P 500 im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um deutlich über 20% steigen. Von solchen Wachstumsraten ist Europa um Einiges entfernt. Vor allem ein deutlich geringeres Umsatzwachstum, aber auch im Verhältnis zu den USA geringere Gewinnmargen stehen höherem Wachstum im Weg. Allerdings sollen auch in Europa die Gewinne für den Stoxx 600 um ca. 14% gegenüber dem Vorjahr steigen, gemessen an den letzten Quartalen ist das ein hoher Wert. Auch in Europa gibt der Energiesektor Rückenwind.

Mit Abstand die dynamischsten Wachstumsraten sollten jedoch in Asien verzeichnet werden, wenn auch nur für eine Handvoll Unternehmen. Für koreanische und taiwanesische KI-Ausrüster dürften sich die Gewinne selbst im Quartalsvergleich vervielfachen.

Bei so viel Optimismus in einigen Sektoren könnten selbst kleinere Verfehlungen hart bestraft werden. Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf dürften Anleger für die nächsten Wochen gewappnet sein. Von Seiten der Makrodaten ist der Optimismus nicht unbegründet: Stimmungs- und Konjunkturindikatoren konnten zuletzt auf der positiven Seite überraschen. Auch das robuste Wachstum im Welthandel konnte in Vergangenheit als Signal für dynamisches Gewinnwachstum herhalten.

Die Woche voraus

In der kommenden Woche steht die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag und die Flash-Schätzungen der Einkaufsmanagerindizes am Freitag im Mittelpunkt.

Gerade vor dem Hintergrund zuletzt schwankender Energiepreise und anderer Unsicherheiten dürfte die Kommunikation der EZB genau verfolgt werden, eine Zinsänderung erscheint aber unwahrscheinlich. Geldpolitisch wird sich der Fokus des Marktes vermutlich immer mehr in Richtung der US-Notenbank Federal Reserve verschieben, hier liegt eine Zinserhöhung Ende Juli zumindest im Bereich des Möglichen.

Hinsichtlich der Einkaufsmanagerindizes steht die Frage im Raum, ob und wenn ja, wie stark sie sich vor dem Hintergrund des wieder aufflammenden Konflikts im mittleren Osten befestigen können.

Außerdem werden berichtet: Die deutschen ZEW-Konjunkturerwartungen und britische Arbeitsmarktzahlen (Dienstag), Inflationsdaten aus dem Vereinigten Königreich (Mittwoch), das vorläufige Juli-Verbrauchervertrauen für den Euroraum (Donnerstag) und japanische Inflationsdaten am Freitag.

Falls in den nächsten Wochen Ferien oder Urlaub anstehen, legen Sie Ihre Messlatte nicht zu hoch an.

Das wünscht Ihnen

Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist Global Economics & Strategy

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