Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 20.03.2026
Für Asien stellt die Sperrung der Straße von Hormus inzwischen eines der bedeutsamsten externen Risiken dar. Als unmittelbare Folge steigen die Öl- und Flüssiggaspreise an. Das wahre Problem liegt aber in der Frage, wie lange die Disruption bestehen bleibt.
Bei einer länger anhaltenden Unterbrechung der Lieferungen würden die asiatischen Länder vor allem über drei Kanäle in Mitleidenschaft gezogen: (1) Lieferrisiken; (2) Verschlechterung der Terms of Trade; und (3) Inflationsdruck.
1. Lieferunterbrechungen: kurzfristig das größte Risiko. Asien bezieht große Anteile seines Rohöl- und Flüssiggasbedarfs aus dem Nahen Osten. Die Philippinen und Indien sind wegen ihrer hohen Importabhängigkeit und begrenzten Lagerbestände besonders anfällig. In Singapur, Thailand und Taiwan bestehen die höchsten Risiken für die Stromerzeugung, weil diese Länder in beträchtlichem Umfang Flüssiggas für diesen Zweck nutzen. Sie verfügen zwar über diversifizierte Lieferquellen, aber eine längere Sperrung der Straße von Hormus würde trotzdem zu Knappheiten führen.
2. Terms of Trade: Defizitausweitung hätte negative Auswirkungen auf die Außenwirtschaftssalden. Thailand, Südkorea, Indien und Taiwan sind in dieser Hinsicht besonders anfällig, da die Handelsbilanzen dieser Länder bei Rohöl und Flüssiggas jeweils beträchtliche Defizite aufweisen (zwischen 3% und 5,5% des jeweiligen BIP). Indien ist angesichts seines Leistungsbilanzdefizits in Höhe von rund 1% des BIP besonderen Risiken ausgesetzt. Thailand ist ebenfalls anfällig, weil das Handelsbilanzdefizit bei Rohöl und Flüssiggas mit 5,5% des BIP sehr hoch und der Leistungsbilanzüberschuss mit 2 – 3% des BIP relativ moderat ist. Malaysia und Australien könnten dagegen möglicherweise von der Situation profitieren, weil ihre Nettohandelsbilanzüberschüsse bei Flüssiggas ausreichen, um die Defizite bei Rohöl auszugleichen.
3. Inflationsrisiko: steigender Kostendruck, uneinheitliche Transmission. Die Inflationssensitivität ist in Asien sehr unterschiedlich. Die Philippinen und Thailand reagieren besonders sensibel auf steigende Ölpreise: Dort könnte ein Anstieg der Rohölpreise um 10% die Verbraucherpreisindizes (VPIs) um 0,8 bzw. 0,5 Prozentpunkte nach oben treiben. Indonesien und Malaysia sind trotz der hohen Gewichtung von Energie in ihren VPI-Körben in dieser Hinsicht in einer günstigeren Situation, weil die Weitergabe der globalen Preisentwicklung an den Binnenmarkt durch Subventionen und administrierte Preise gedämpft wird.
Über alle drei Kanäle hinweg sind die asiatischen Länder in sehr unterschiedlichem Maße anfällig, sodass sich dementsprechend auch die möglichen Auswirkungen auf Wachstum, Devisen und politische Entscheidungen ganz anders gestalten. Vorerst bleiben wir für asiatische Aktien optimistisch, aber so lange vorsichtig, bis die Straße von Hormus wieder offen ist. Für asiatische Währungen und Rentenpapiere sind wir angesichts unserer strukturell pessimistischen US-Dollar-Prognose ebenfalls konstruktiv.
Aus dem langsameren Wachstum, der Inflationsbeschleunigung und dem Druck auf die Wechselkurse ergibt sich für die Zentralbanken in Asien ein kompliziertes Dilemma. Daher dürften die Zinsen in diesem Jahr voraussichtlich nur in China, den Philippinen und Indonesien gesenkt werden; die Zentralbanken der übrigen Länder dürften ihre Leitzinsen unverändert lassen oder anheben.
Unseres Erachtens kann Asien vorübergehende Volatilität an den Erdöl- und Erdgasmärkten verkraften. Die zentrale Frage lautet sowohl für die Lieferketten als auch für Inflation, Wechselkurse und Geldpolitik, wie lange die Straße von Hormus gesperrt bleibt. Mit einem kurzfristigen Schock könnten die Länder umgehen, ein längerer wäre ein Makroereignis.
Die Woche voraus
In der kommenden Woche stehen vor allem Stimmungsindikatoren und Arbeitsmarktdaten in den USA an. Des Weiteren werden Stimmungsindikatoren in Europa und Daten zur Verbraucherpreisinflation (VPI) Japan veröffentlicht.
In den USA stehen am Dienstag die März-Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor und am Freitag der Stimmungsindex der Universität Michigan im Kalender. Darüber hinaus gibt es am Dienstag Arbeitsmarktdaten, nämlich die korrigierten Daten zu Lohnstückkosten und Produktivität im vierten Quartal 2025. Außerdem werden am Donnerstag die aktuellen Zahlen zu den Erst- und Folgeanträgen auf Arbeitslosenunterstützung veröffentlicht.
Im Euroraum stehen am Montag Stimmungsindizes wie z. B. der Verbrauchervertrauensindex für März an. Am Dienstag werden die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor veröffentlicht.
In Japan steht am Dienstag der nationale Verbraucherpreisindex (VPI) für Februar im Kalender, anhand dessen die Marktteilnehmer abschätzen können, wie sich der Preisdruck in der Wirtschaft entwickelt hat. Außerdem wird am Mittwoch der korrigierte Frühindikator für Januar veröffentlicht.
Ich wünsche Ihnen allen in diesem turbulenten Marktumfeld gute Erträge.
Ihr
Christiaan Tuntono
Senior Economist, Asia Pacific