Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 09.01.2026
Mit dem Jahreswechsel kommen sie wieder: die guten Vorsätze. Mehr Bewegung, weniger Kalorien, insgesamt bewusster leben. Was für unsere Gesundheit gilt, lässt sich auch auf den Kapitalmarkt übertragen. Wer 2026 erfolgreich investieren will, sollte nicht auf kurzfristige Impulse und Trends setzen, sondern auf einen disziplinierten und breit diversifizierten Ansatz.
Ein disziplinierter Blick auf die globale konjunkturelle Großwetterlage lässt Weltwirtschaftswachstum in der Nähe der Normalauslastung (des Potentials) erkennen. Dies gilt insbesondere auch für die dominierende Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten. Für die Eurozone und Japan besteht die Hoffnung auf Wachstum etwas über Potential, vor allem getrieben durch expansive Fiskalpolitik. China dürfte den Trend einer schrittweise geringeren Wachstumsdynamik fortsetzen, auch wenn zu Jahresbeginn wieder eine etwas stärkere Stimulierung der Wirtschaft verglichen mit den letzten Monaten erwartbar ist.
Diese Großwetterlage könnte für Anleger die Basis für positives Gewinnwachstum bei den Unternehmen und für das Ernten der Risikoprämien auch im gerade begonnenen Jahr legen. Anleger haben sich in den letzten Jahren an ein höheres Unsicherheitsniveau gewöhnen müssen. Auch wenn weiter ein hohes Level an politischer Unsicherheit besteht, besteht Hoffnung, dass sich Unsicherheiten in der Zoll- und Handelspolitik und der Geopolitik zurückbilden könnten, auch wenn die Situation in Venezuela zum Jahresanfang zunächst nicht darauf hindeutet. Bis auf die „Mid-term“- Wahlen in den USA Anfang November 2026 stehen zumindest planmäßig keine bedeutenden Wahlen in den wichtigsten Industrieländern auf dem Kalender. Im europäischen Kontext könnten einige deutsche Landtagswahlen Beachtung finden.
Natürlich darf ein disziplinierender Blick auf die Auf- und Abwärtsrisiken nicht fehlen. Vor allem in den USA fächert sich das Spektrum der möglichen Pfade weit auf. In einem günstigen Szenario könnten die getätigten Investitionen zeitnah die Produktivität erhöhen, was robustes Wachstum mit rückläufiger Inflation vereinbar machen würde. Auch möglich ist, dass eine expansivere Geldpolitik die Wirtschaft und die Aktienkurse vor den Zwischenwahlen zunächst anfeuert, dann wäre allerdings auch mit anhaltend hoher Inflationsdynamik zu rechnen. In einem ungünstigen Szenario kühlt sich der Arbeitsmarkt stärker ab und es kommt zu Entlassungen. Dies dürfte dann auch den Konsum drosseln und in einen Wirtschaftsabschwung münden. In Europa könnte das deutsche Fiskalpaket die sprichwörtliche Nadel bewegen. Es gilt: Je mehr wirklich zusätzliche Investitionen, je stringenter die Umsetzung, je mehr Wachstumsimpuls. Das gilt auch umkehrt. Die Erwartungen sind inzwischen gedämpft.
Bei so vielen Unwägbarkeiten sticht der Trumpf der Diversifikation. Mit der Streuung auf verschiedene Vermögensklassen kann ein Portfolio mit unterschiedlichsten Szenarien zurechtkommen. Aktien dürften im Basisszenario ausreichenden Wachstums und in günstigen Szenarien besonders stark performen, Staatsanleihen könnten im Abwärtsszenario das Portfolio stabilisieren und Rohstoffe wie Gold und Kupfer dürften bei überraschend hoher Inflation weiter gefragt sein.
Bleibt der Themenkomplex Künstliche Intelligenz, der auch im Jahr 2026 entscheidend auf die Kapitalmärkte einwirken dürfte. Gerade in diesem wahrscheinlichen Epizentrum der Kapitalmarktdynamik dürfte sich die Kombination aus Disziplin und Diversifikation bewähren. Es bedarf andauernder Disziplin, die Argumente für und wider eine Überhitzung des Sektors fortwährend gegeneinander abzuwägen. Langfristig dürfte es sich als kostspielig erweisen, das Ertragspotential nur unzureichend auszuschöpfen. Allerdings besteht ein reales Konzentrationsrisiko. Die Chancen breiten sich auf das Feld der Anwendungen aus, die die Nachfrage nach Rechenleistung, Energie und Basistechnologien weiter ankurbeln dürfte. Dies erfordert einen diversifizierten Ansatz: über verschiedene Segmente und Stoßrichtungen der Künstlichen Intelligenz, Regionen und angrenzende Innovationsthemen wie Energieversorgung und Infrastruktur hinweg.
Zum Jahresbeginn liegt folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
- Die konjunkturelle Großwetterlage spricht für eine breit regional und sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien.
- Die möglichen Pfade, die der amerikanische Aktienmarkt im Jahr 2026 einschlagen könnte, liegen weit auseinander. Von einer Stimulierung der Wirtschaft durch die Geldpolitik bis zu einer Konjunkturdelle als Nachwehe einer erratischen Wirtschaftspolitik ist vieles denkbar. In Verbindung mit der hohen Bewertung ergeben sich woanders womöglich bessere Chance/Risikoverhältnisse. Dennoch bleibt ein Engagement im weltweit dominierenden Aktienmarkt angeraten, solange sich Risiken nicht klar manifestieren.
- Der Ausblick für europäische Aktien erscheint im Vergleich weniger schwankungsanfällig. Auch wenn man kein Wachstumsfeuerwerk erwarten darf, dürften sich genug Chancen ergeben, vor allem getrieben durch das Streben nach politischer und digitaler Souveränität. Die Erwartungen an den deutschen Konjunkturstimulus haben sich zurückgebildet, die Schwelle für positive Überraschungen liegt also niedrig.
- Die Aktienmärkte der Schwellenländer vereinen eine solide Konjunkturdynamik (vor allem außerhalb Chinas) mit günstigen finanziellen und monetären Bedingungen, sich verbessernden Gewinnrevisionen und einer akzeptablen Bewertung. Anleger sind in diesem Segment weiter unterinvestiert. Märkte wie Südkorea und Taiwan profitieren vom Technologie-Boom, Märkte wie Indien warten weiter mit guten Fundamentaldaten auf, Lateinamerika dürfte mehr und mehr von steigenden Metallpreisen profitieren. Kurzfristig ist die Situation hier nach den Ereignissen in Venezuela allerdings unübersichtlich.
- Die Anleihemärkte bleiben bewegt und handeln weiter stark politisch beeinflusst. In Japan haben die zehnjährigen Renditen die 2%-Marke durchbrochen, nachdem eine auf Stimulus ausgerichtete Politik verkündet wurde. Dies könnte mittelfristig dazu führen, dass weniger Kapital aus Japan in andere Anleihemärkte fließt. Auch in Europa bleiben Renditelevel auf Sicht der letzten Jahre auf hohem Niveau, während die Fed-Zinssenkungen zu moderat fallenden US-Renditen geführt haben. Staatsanleihenmärkte bleiben insgesamt anfällig, sie könnten aber in negativen Konjunkturszenarien zu einer Stabilisierung von Portfolios beitragen. Sie bieten zudem wieder weitestgehend positive Realrenditen.
- Schwellenländer-Anleihen (in lokaler Währung) sollten von hohen Realzinsen, Währungsaufwertungen und starken Fiskalpositionen profitieren. Für Investoren mit Risikobudget können Hartwährungsanleihen aus den Emerging Markets eine Ergänzung darstellen.
- Der US-Dollar dürfte im Jahresverlauf weiter abwerten. Die bald anstehende Auswahl des Chairman für das Board der US-Notenbank Federal Reserve könnte der nächste große Einflussfaktor für die Weltreservewährung werden.
- Auf der Rohstoffseite sollte ein Fokus auf Metalle gelegt werden. Edelmetalle dürften mittelfristig gefragt bleiben. Kupfer wartet mit einer besonders attraktiven Mischung aus Angebot und Nachfrage auf.
Investmentthema: Europäische Autonomie
- Europa stärkt seine strategische Autonomie, wodurch Kapital verstärkt in Zukunftssektoren fließt.
- Die geopolitische Neuausrichtung sorgt für kräftige staatliche Investitionen, etwa durch Programme wie „Preparation 2030“ und den „Green Deal“.
- Die Kombination der Programme mobilisiert gezielt Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und grüne Technologien.
- Diese Förderung des europäischen Innovationsökosystems sollte dazu betragen das Wachstumspotenzial zu steigern und die europäischen Firmen zu fördern.
- Technologische Katalysatoren – v. a. innovative Small- und Mid-Caps – treiben Fortschritt in Energie, Infrastruktur, Biotechnologie und Cybersecurity voran.
- Europäische Autonomie als Anlagethema kann global allokierenden Investoren auch helfen, das Konzentrationsrisiko, das sie bei einer globalen Benchmark durch den hohen Anteil von US-Aktien (und hier vor allem Technologiewerten) an der Marktkapitalisierung haben, zu verringern.
Ein erfolgreiches Anlagejahr 2026 wünscht Ihnen
Stefan Rondorf