Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 10.07.2026
Die Einschätzung der Finanzmärkte zu den Inflationsfolgen des Konflikts zwischen den USA und Iran hat in den vergangenen Wochen bereits mehrere Phasen durchlaufen. Zunächst richtete sich der Blick vor allem auf die Auswirkungen steigender Energiepreise auf die Gesamtinflation sowie auf jene Zentralbanken, die besonders sensibel auf Abweichungen von ihrem Inflationsziel reagieren. Im Mittelpunkt stand dabei die Europäische Zentralbank (EZB). Die von der EZB veröffentlichten Szenarien wiesen auf erhebliche Aufwärtsrisiken für die Energiepreise und damit für die Gesamtinflation hin. Zudem bestand die Sorge, dass höhere Energiekosten mit zeitlicher Verzögerung auch auf die Kerninflation übergreifen könnten. Da die EZB signalisiert hatte, bereits bei einem Anstieg der Gesamtinflation zügig reagieren zu wollen, verstärkten sich an den Märkten die Erwartungen steigender Leitzinsen.
In einer zweiten Phase verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf die USA und den Wechsel an der Spitze der Federal Reserve (Fed). Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh überraschte die Märkte bei seinem Amtsantritt mit einem deutlich entschlosseneren Bekenntnis zur Preisstabilität als erwartet. Dies führte einerseits zu niedrigeren mittelfristigen Inflationserwartungen, andererseits aber zu höheren Erwartungen hinsichtlich kurzfristiger Zinserhöhungen. Warsh machte zudem deutlich, dass er einer sehr regelmäßigen und detaillierten Kommunikation des künftigen Zinskurses skeptisch gegenübersteht. In der Folge dürfte die Reaktion der Finanzmärkte auf neue Konjunktur- und Inflationsdaten künftig stärker ausfallen als in den vergangenen Jahren.
Inzwischen hat sich der Fokus erneut verschoben. Im Vordergrund stehen nun die Entwicklung der Kerninflation und die Frage, ob tatsächlich neue Inflationsimpulse entstehen. Seit dem zwischen den USA und Iran vermittelten Waffenstillstand haben sich die Energiepreise deutlich entspannt. Gleichzeitig fielen die Inflationsdaten im Euroraum für Juni überraschend schwach aus – sowohl bei der Gesamt- als auch bei der Kerninflation. Obwohl die EZB im Frühjahr in ihrem Basisszenario noch zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte in Aussicht gestellt hatte, sprechen die jüngsten Daten aus unserer Sicht gegen einen Zinsschritt auf der Juli-Sitzung. Wahrscheinlicher erscheint, dass die Währungshüter zunächst die weitere Entwicklung bis September beobachten werden.
Die Woche voraus
Wie bereits oben beschrieben, dürfte die Inflation auch in der kommenden Woche das beherrschende Thema an den Finanzmärkten bleiben. Im Mittelpunkt steht dabei die Veröffentlichung der US-Verbraucherpreisdaten für Juni. Am Markt wird erwartet, dass sich die Gesamtinflation von zuletzt 4,2% auf 3,8% gegenüber dem Vorjahr abschwächt. Für die Federal Reserve dürfte jedoch vor allem die Entwicklung der Kerninflation ausschlaggebend sein. Die bislang vorliegenden Indikatoren deuten darauf hin, dass diese weiterhin mit einer annualisierten Rate von rund 3,0% wächst und damit deutlich oberhalb des Inflationsziels verharrt.
Zusätzliche Hinweise auf die Preisentwicklung liefern im weiteren Wochenverlauf die US-Erzeugerpreise, die auch für die Berechnung des von der Fed bevorzugten Inflationsmaßes – des Preisindex für die privaten Konsumausgaben (PCE) – von Bedeutung sind. Darüber hinaus stehen die Einzelhandelsumsätze, die Philadelphia-Fed-Umfrage, Daten vom Immobilienmarkt sowie das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan auf der Agenda.
Im Euroraum wird die endgültige Veröffentlichung des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für Juni im Fokus stehen. Die bisherigen Daten deuten auf eine Gesamtinflation von 2,8% sowie eine Kerninflation von 2,4% hin. Damit würde sich die jüngste Abschwächung des Preisdrucks bestätigen. Ergänzend werden Zahlen zur Industrieproduktion sowie zum Außenhandel veröffentlicht und weitere Hinweise auf die konjunkturelle Entwicklung liefern.
In China richtet sich der Blick auf die Veröffentlichung des Bruttoinlandsprodukts für das zweite Quartal. Die Konsensschätzungen gehen von einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf 4,5% gegenüber dem Vorjahr aus. Daneben stehen Daten zur Industrieproduktion, zu den Einzelhandelsumsätzen sowie zum Außenhandel auf dem Programm. Vor allem die Entwicklung des privaten Konsums dürfte aufmerksam verfolgt werden.
Im Vereinigten Königreich stehen die monatlichen BIP-Daten sowie die Entwicklung des Dienstleistungs- und Industriesektors im Mittelpunkt. Nachdem die Wirtschaftsleistung im April rückläufig war, wird auch für Mai nur eine verhaltene Entwicklung erwartet. Die politische Unruhe und die daraus resultierende Unsicherheit könnten die Stimmung der Unternehmen zuletzt belastet haben.
In Japan konzentriert sich die Datenagenda auf die Industrieproduktion und die Auftragseingänge für Maschinen. Zusätzlich wird der Reuters-Tankan-Index für den Dienstleistungssektor veröffentlicht, der wichtige Hinweise auf das Vertrauen der Unternehmen und die Dynamik der Binnenwirtschaft liefern dürfte.
Während viele Sommerurlauber die Gezeiten beobachten, lohnt sich derzeit auch ein Blick auf die Entwicklung der Inflation.
Sean Shepley
Senior Economist