DWS CIO View - 03. Juni 2020

Marktüberblick

Dank eines fulminanten Endspurts haben die globalen Aktienmärkte sich im Mai einen weiteren großen Schritt von ihren Tiefstständen Mitte März entfernt. So legte der MSCI AC World Index vom 23. März bis Ende Mai um stolze 35 Prozent zu und bewegt sich damit auf dem gleichen Stand wie bereits im Oktober 2019. Auch andere Anlagen wie Unternehmens- und Schwellenländeranleihen schnitten im Mai gut ab. Mit Abstand das größte Plus kam jedoch vom Öl, wo sich die Sorte West Texas Intermediate (WTI) um fast 80 Prozent auf jetzt rund 33 Dollar das Fass verteuerte, was allerdings vielen Produzenten nach wie vor keine Gewinne bescheren dürfte.

Mit Blick auf die wirtschaftlichen und epidemiologischen Daten mutet diese Markteuphorie sicher verwunderlich an, ein Blick auf die staatlichen Hilfspakete und die Bilanzen der Zentralbanken erklärt jedoch einiges. Zunächst überraschten Frankreich und Deutschland mit einem gemeinsamen Vorstoß für ein europäisches Hilfspaket in Billionenhöhe, welche einige bereits als Kehrtwende deutscher Politik interpretierten, da die Ausgestaltung deutliche Züge einer Transferunion und Haftungsgemeinschaft aufweist. Allerdings wird dieses Vorhaben von einigen nordischen EU-Ländern und Österreich noch kritisch beäugt. Von Seiten der großen Zentralbanken erfolgten im Mai erneut zahlreiche Hinweise, dass es an Unterstützung weiterhin nicht fehlen werde. Die bisherigen Hilfen haben bereits deutliche Spuren hinterlassen. Die US-Federal Reserve (Fed) hat mittlerweile eine Bilanzsumme in Höhe von 7,1 Billionen Dollar, hochgeschnellt von 4,1 Billionen Dollar Anfang März. Zur Erinnerung: In der Bankenkrise Ende 2008 reagierte die Fed noch mit weniger als der Hälfte dieser Bilanzausweitung, selbst Ende 2010 lag man lediglich bei 2,5 Billionen Dollar. Zehn Jahre später, also Ende 2020, rechnen wir damit, dass die Bilanzsumme auf über zehn Billionen Dollar gestiegen sein wird. Die bisherige Erhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Rahmen der Krise von 4,7 auf 5,6 Billionen Euro nimmt sich da noch bescheiden aus, allerdings hatte die Bank ihre Bilanz seit 2015 bereits verdoppelt. Auch die Staatsverschuldung hat weltweit neue Rekordstände erreicht. In den USA dürfte sie allein dieses Jahr in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) um rund 20 Prozentpunkte und in Europa nach unseren Schätzungen um rund zehn Prozentpunkte zunehmen. Dass dieser Aufschwung solcherlei Impulse bedarf und daher recht wacklig ist, ist kein Geheimnis und spiegelt sich auch im Marktgeschehen wider. Denn auch wenn die Substanzwerte von ein paar starken Tagen profitieren konnten, wird auch diese Marktrally weiter von den Wachstumswerten getrieben. 6,5 Prozent warfen sie im Mai ab, die Substanzwerte hingegen nur 2,9 Prozent. Ein typischer Monat also, schließlich schafften es die Substanzwerte in den vergangenen zwei Jahre nur zwei Mal vorne zu liegen, und das jeweils auch nur minimal. Da Substanzwerte historisch aber immer erste Wahl waren, wenn ein neuer Aufschwung begann, zeigt sich in ihrem schwachen Abschneiden über die vergangenen Monate, dass die Märkte genau zu wissen scheinen, dass sie es hier mit einem sehr untypischen Konjunkturaufschwung zu tun haben.

Womit wir bei den Konjunkturdaten wären. Sie blieben in vielen Bereichen rekordschwach im Mai, wobei einige Daten aber auch Verbesserungen gegenüber dem April gezeigt haben. Stellvertretend kann man hierfür die Einkaufsmanagerindizes nehmen, die sich auf niedrigem Niveau im Mai stabilisiert und teilweise verbessert haben. Da Pandemieverlauf, Mobilitätsdaten und Konsum sehr stark korrelieren, wundert es nicht, dass hier vielfach der Tiefpunkt im April lag, vor allem in Europa. In den USA brach der Konsum im April mit ganzen 13,6 Prozent ein, der Mai dürfte ersten Anzeichen nach besser gelaufen sein. In Deutschland wiederum lag das Minus nur bei 6,5 Prozent im April, eventuell gestützt von einer Steigerung der Bruttoverdienste in Höhe von 2,5 Prozent gegenüber Vorjahr. Andere Daten, wie etwa die Arbeitslosenzahlen, tendieren wiederum weiter negativ. In den USA dürfte die Arbeitslosenquote per Ende Mai nahe an die 20 Prozent-Marke heranreichen. Auch werden die globalen Wachstumsprognosen für 2020 weiterhin im Schnitt nach unten revidiert. Noch zum Monatsende verwies EZB-Präsidentin Christine Lagarde darauf, dass sie für die Eurozone in diesem Jahr mit einem Minus der Wirtschaftsleistung eher am unteren Ende der EZB-Erwartungen von -8 bis -12 Prozent rechne. In China verbesserten sich die Einkaufsmanagerindizes zwar leicht und liegen damit weiter über 50, doch der Subindikator für Neuaufträge aus dem Ausland lag bei lediglich 35,3 Punkten. Es dürfte also, wie in vielen Teilen der Welt derzeit, mehr produziert als verkauft werden, und sich die Lager damit füllen.  

Dass es noch etwas dauern wird, bis die globalen Prozessketten von Produktion bis Konsum wie gewohnt laufen, ist auch auf den global zeitversetzten Pandemieverlauf zurückzuführen – noch entstehen immer neue Brandherde. Im Mai gesellte sich Südamerika zu den USA als Zentrum der Pandemie hinzu. In den USA liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen nach wie vor bei über 20.000, während sie in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland per Ende Mai kombiniert erstmals unter 1000 gefallen sind, trotz immer größerer Lockerungsmaßnahmen. Weltweit ist im Laufe des Monats Mai die Anzahl der Neuinfektionen von rund 80.000 auf 100.000 gestiegen.

Inmitten der Pandemie reißen jedoch alte, und tun sich neue Gräben auf. Für die Märkte am meisten beunruhigend dürfte der wieder aufkeimende Handelskonflikt zwischen den USA und China sein. Hier führen die USA nun auch die Proteste in Hongkong und die daraus resultierenden härteren Gesetze ins Feld, und erhöhen gleichzeitig den Druck auf den chinesischen Technologiesektor. Mittlerweile finden jedoch auch in den USA gewaltsame Proteste auf so vielen Straßen der USA wie seit 1968 nicht mehr statt. Dies lässt Donald Trump mit dem Gedanken spielen, die Nationalgarde in jene Städte zu entsenden, in denen sich Bürgermister und Gouverneure seiner Meinung nach gegenüber den Protestierenden nicht hart genug zeigen. An den Märkten hinterlässt dieser Konflikt noch wenig Spuren.

Ausblick und Änderungen

Da wir Ende Mai wieder unsere vierteljährliche Strategiesitzung abgehalten haben, werden wir nun sowohl auf unsere strategischen wie auch taktischen Einschätzungen eingehen. Mit Blick auf den gerade angelaufenen Monat dürften unseres Erachtens drei Themen die Märkte dominieren: 1. der chinesisch-amerikanische Handelskonflikt, 2. der weitere Pandemieverlauf im Zuge der Lockerung und die Reaktion der Verbraucher und 3. die Fortschritte beim europäischen Hilfspaket. Hinzu kommt noch der Brexit, da London nur noch diesen Monat einseitig eine Verlängerung der Übergangsfrist erwirken kann. Inmitten der vergleichsweise chaotischen Reaktion auf die Pandemie und den innerparteilichen Streitereien über den weiteren Umgang mit Boris Johnsons wichtigstem Berater, Dominic Cummings (welcher sich nicht an die Lockdown-Regeln gehalten hatte), ist es schwieriger denn je einzuschätzen, wie weit London und Brüssel es in dieser Verhandlungsrunde mit taktischen Spielchen treiben wollen. Auch ein ungewolltes Schlittern in einen No-Deal Brexit bleibt ein mögliches Szenario. Für die globalen Märkte dürfte dies aber weniger von Gewicht sein.

Was die längere Sicht angeht, so lassen sich die Ergebnisse der Strategiesitzung wie folgt zusammenfassen: Nach dem starken Einbruch in der ersten Jahreshälfte erwarten wir eine moderate Erholung, die erst Ende 2022 zu einem Wiedererreichen des Leistungsniveaus von Ende 2019 führen sollte. Wir erwarten das Aufkommen weiterer Covid-Infektionsherde, aber keinen Lockdown in dem Ausmaß wie wir ihn im März / April gesehen haben. Wir gehen davon aus, dass Zentralbanken weitere Unterstützungsmaßnahmen liefern, was wiederum einem Zinsanstieg der Staatsanleiherenditen im Wege stehen sollte. Unternehmensanleihen sehen wir unterstützt, auch im Hochzinssegment, trotz erwarteter höherer Ausfallraten bei letzteren. Beim Dollar sehen wir nach wie vor noch keine aufkommende Schwächephase. Bei Aktien erwarten wir nach den jüngsten Anstiegen nur noch geringes Kurspotenzial, ohne geographische Präferenz.

Aus taktischer Sicht haben wir bei Aktien kleine Änderungen vorgenommen. Auch wenn wir uns der Fragilität des Aufschwungs bewusst sind, gehen wir davon aus, dass einige zyklische Sektoren, die zuvor besonders stark gelitten haben, wieder etwas Boden gut machen könnten. Wir haben daher den Grundstoffsektor auf Neutral hochgestuft. Insbesondere für den Bergbausektor sehen wir aufgrund der wieder anziehenden Nachfrage bei gleichzeitiger Angebotspreismacht durch die oligopolistischen Strukturen eine deutliche Erholung für möglich. Auch im Industriesektor erwarten wir speziell im Segment Maschinenbau durch Nachholeffekte deutlich bessere Geschäftszahlen. Den Immobiliensektor hingegen stufen wir auf Untergewichten herunter. Ansonsten behalten wir unsere Präferenz für den Technologie- und Gesundheitssektor.

Im Anleihesegment bleiben wir auch aus taktischer Sicht weiterhin selektiv optimistisch bei Unternehmens- und Schwellenländeranleihen. Im Vergleich zum Vormonat haben wir US-Unternehmensanleihen im Investmentgradebereich jetzt auch wieder auf "Positiv" gestellt. Dass die Fed hier zum Kauf bereitsteht, sorgt für deutliche Unterstützung. Bei starker Nachfrage, auch von privater Seite, sollte jedoch etwas weniger Druck von der Angebotsseite kommen. Hier lag die Kapitalaufnahme in Höhe von über einer Billionen Dollar auf fast dem doppelten Stand der Vorjahresperiode.
Bei Staatsanleihen sind wir weitgehend neutral positioniert. Zwar könnten Fortschritte beim europäischen Hilfsfonds (Merkel-Macron Initiative) perspektivisch zu höheren Bundrenditen und geringeren Aufschlägen der Peripherieländer führen, doch haben die Märkte dies in weiten Teilen bereits vorweggenommen.
Bei Währungen sehen wir das Euro-Dollar Paar zunächst weiter seitwärts handeln, während wir mit weiterem Druck auf den Renminbi und das britische Pfund rechnen.

Die Multi-Asset-Perspektive

Aus Portfoliosicht muss man derzeit zwei verschiedene Welten unter einen Hut bringen. Auf der einen Seite das fundamentale Umfeld – ein wirtschaftlicher Aufschwung, der, von einer kurzfristigen Aufholbewegung abgesehen, sich noch in qualvolle Länge hinziehen könnte. Dazu addieren sich die wieder aufkeimenden politischen Risiken. Ceteris paribus haben die Märkte vor diesem Hintergrund sich zu schnell und deutlich erholt. Demgegenüber stehen die rekordhohen Hilfspakete der Regierungen und Zentralbanken. Insbesondere wenn man Liquiditätsspritzen mit weiter niedrigen Zinsaussichten paart, scheint kein Weg an Aktien vorbeizuführen. Auch Unternehmensanleihen sehen aus dieser Sicht, zumal sie immer noch mit deutlichem Abschlag gegenüber der Vorkrisenzeit notieren, noch interessant aus. Gleichzeitig hat die Vergangenheit gezeigt, dass gerade die Maßnahmen der Zentralbanken früh, also bei Ankündigung, eskomptiert werden. Zeigen sich dann bei der Umsetzung die Probleme oder geringere Wirksamkeit auf die Realwirtschaft als gedacht, kann Ernüchterung einsetzen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: eine bessere als gedachte wirtschaftliche Erholung. Warum ist dies ein Risiko? Weil das dazu führen könnte, dass die rekordhohen Hilfspakete zurückgestutzt werden. Im Sommer spricht das dafür, sich wieder etwas defensiver aufzustellen.


RECHTLICHER HINWEIS
Prognosen basieren auf Annahmen, Schätzungen, Ansichten und hypothetischen Modellen oder Analysen, die sich als nicht zutreffend oder nicht korrekt herausstellen können. DWS hat nicht die Absicht, bei den anstehenden Wahlen für ein bestimmtes Ergebnis zu werben. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.
Quelle: DWS Investment GmbH