Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 17.04.2026
Die vergangenen Tage haben gezeigt, wie schwankungsanfällig die Nachrichtenlage zum Iran-Konflikt bleibt, nachdem die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran fürs Nächste ohne greifbare Lösungsansätze geblieben sind. Die Konfliktlinien „Nuklearprogramm“ und „Straße von Hormus“ bleiben bestehen. Da der Waffenstillstand aber formal hält und aus dem Wunschglauben heraus, dass der US-Präsident im Zweifel bei zu starkem Druck von Marktpreisen und Verbündeten de-eskalieren wird, blieben die Aktienmärkte vergleichsweise gelassen. Zwischenzeitlich konnte der amerikanische Leitindex S&P 500 sogar den Stand von vor Ausbruch des Iran-Krieges übertreffen. Der Ölpreis bewegte sich deutlich unter seine Höchststände.
Ein Signal der politischen Erleichterung kam dagegen in Europa aus Ungarn. Die Abwahl von Viktor Orbán nach 16 Jahren im Amt wird in Brüssel vielfach als Chance für eine konstruktivere Zusammenarbeit innerhalb der EU interpretiert. Auch wenn sich nicht alles über Nacht ändern lassen dürfte, reduziert das Ergebnis aus Investorensicht ein politisches Blockaderisiko, das schon lange als Makel der EU-Entscheidungsprozesse identifiziert wurde.
Vor diesem Hintergrund kann nun mit dem Start der Berichtssaison für das erste Quartal der politische Nachrichtenlärm etwas in den Hintergrund rücken. Anleger scheinen fast so etwas wie Vorfreude zu empfinden, sich endlich wieder mit der Analyse von Unternehmensgewinnen beschäftigen zu können. Diesen Optimismus aufgreifend gehen Anleger mit hohen Erwartungen in die Saison, allerdings traut man nur wenigen Segmenten wirkliche Gewinnsprünge zu. Für die USA wird gemäß Factset-Auswertungen ein Gewinnwachstum von rund 13 % gegenüber dem Vorjahr erwartet. Das wäre bereits das sechste Quartal in Folge mit zweistelligen Zuwachsraten. Bemerkenswert ist, dass - anders als in einem typischen Quartalsverlauf - die Gewinnschätzungen seit Jahresbeginn per Saldo angehoben wurden. Dies signalisiert eine anhaltend hohe Zuversicht der Analysten, gestützt durch eine überdurchschnittlich optimistische „Guidance“ der Unternehmen.
Dabei ist die positive Dynamik stark konzentriert auf wenige Sektoren und Industrien. Der Großteil der Aufwärtsrevisionen entfällt auf den Technologiesektor und dort insbesondere auf Halbleiter und Halbleiterausrüstung. Innerhalb der Technologie klafft eine deutliche Lücke: Während der Bereich Halbleiter nahezu dreistellige Gewinnwachstumsraten aufweist, bewegen sich Software und IT-Dienstleistungen in deutlich niedrigeren, teils einstelligen Zuwachsraten. Auf der Sektorebene wirkt das Bild insgesasmt breiter, als es tatsächlich ist – die Bedeutung der großen Ausrüster für Künstliche Intelligenz bleibt sehr hoch.
Auf der Sektorebene wirkt das Bild insgesamt breiter, als es tatsächlich ist – die Bedeutung der großen Ausrüster für Künstliche Intelligenz bleibt sehr hoch.
Neben dem Tech-Sektor hat der Energiesektor spürbar zu angehobenen Gewinnerwartungen beigetragen. Der augenscheinliche Grund sind im Quartalsverlauf massiv gestiegene Ölpreise. Der Markt hat diese Verbesserung bislang jedoch nur begrenzt in höhere Bewertungen übersetzt, was darauf hindeutet, dass Investoren an der Dauerhaftigkeit höherer Ölpreise zweifeln. Abseits dieser beiden Sektoren zeigt sich ein differenziertes Bild. Finanzwerte liefern solides, breit abgestütztes Gewinnwachstum und zählen zu den wenigen Bereichen mit positiven Revisionen. In konsumnahen Sektoren werden die Fragezeichen größer und im Gesundheitssektor bleiben die Entwicklungen sehr segmentspezifisch. In Europa fällt die Gewinnentwicklung insgesamt deutlich moderater aus. Dort tragen ebenfalls vor allem Energie und Finanzwerte, während die Breite der Erholung begrenzt bleibt.
Die Woche voraus
Neben den Unternehmensberichten stehen in der nächsten Woche hauptsächlich Sentiment- und Inflationsdaten im Datenkalender. Vor allem in der Eurozone werden die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (Do), das vorab berichtete Konsumentenvertrauen (Mi) sowie aus Deutschland ZEW (Di) und Ifo-Index (Fr) darüber Aufschluss geben, wie sich der Irankrieg und gestiegene Benzinpreise auf Geschäftsklima und Verbraucherstimmung ausgewirkt haben. Am Donnerstag werden aber auch für Japan, Großbritannien und die USA die Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. März-Inflationsdaten werden für Großbritannien (Mi) und Japan (Fr) berichtet. Je nach Entwicklung vor allem der Energiepreise könnten sich Schlussfolgerungen für die Geldpolitik der jeweiligen Zentralbanken ergeben. In den USA stehen die Einzelhandelsumsätze am Dienstag und die finalen Uni Michigan Verbrauchvertrauensdaten am Freitag im Fokus.
Die Kombination aus Gewinnoptimismus und kriegsbedingt gefallenen (oder zumindest nicht mehr gestiegenen) Aktienmärkten bedeutet eine schrittweise Normalisierung vorher erhöhter Bewertungsniveaus. Aus der aktuellen Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern lässt sich außerdem entnehmen, dass sich die Zuversicht bzgl. Wirtschaftswachstum und Zinssenkungen komplett verflüchtigt hat. Das Zutrauen der Anleger im Vorfeld der Berichtssaison hängt zuallererst am Technologiesektor. Vor allem dort dürfte sich die Marschroute der nächsten Wochen am Kapitalmarkt entscheiden.
Möge die Vorfreude auf die Berichtssaison nicht getrübt werden.
Das wünscht Ihnen
Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy