Europa an einem Scheideweg

DPAM

Bericht zum DPAM L Equities Europe Defence vom 09.03.2026

Was geschieht, wenn Konflikte weit entfernt von Europa beginnen, europäische Bürger, Unternehmen und Lieferketten zu bedrohen? Die jüngste Eskalation im Golf deutet darauf hin, dass Europas wirtschaftliche Präsenz im Ausland zunehmend direkte sicherheitspolitische Folgen mit sich bringt. Während sich geopolitische Spannungen ausweiten, rückt die Verteidigung immer stärker in den Mittelpunkt der europäischen strategischen Agenda.

Die Eskalation am Golf

Die Eskalation am Golf ist in eine gefährlichere und systemischere Phase eingetreten. Nach der Operation Epic Fury von Präsident Trump und Israels Operation Lion’s Roar, die wichtige Ziele im gesamten Iran trafen, starteten iranisch-verbündete Gruppen koordinierte Angriffe auf US-Militärstützpunkte und diplomatische Einrichtungen in mehreren Golfstaaten. Zu den jüngsten Vorfällen gehören Raketen- und Drohnenangriffe in der Nähe von US-Einrichtungen im Irak und in Syrien, Attacken auf logistische Infrastrukturen, die mit Koalitionskräften in Jordanien verbunden sind, sowie versuchte Angriffe in der Nähe militärischer Einrichtungen im weiteren östlichen Mittelmeerraum, einschließlich Gebieten nahe der Türkei. Während die primären Ziele weiterhin die Vereinigten Staaten und Israel sind, reichen die Auswirkungen weit darüber hinaus.

Europa wurde nicht direkt ins Visier genommen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es von den Risiken ausgenommen ist. Zehntausende europäische Staatsbürger leben und arbeiten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und Oman – häufig in Regionen, die in unmittelbarer Nähe zu militärischer US-Infrastruktur liegen. Darüber hinaus unterhalten europäische Unternehmen umfangreiche Geschäftsaktivitäten in der Region, von Energieproduktion und Petrochemie über Luftfahrt und Logistik bis hin zu Finanzdienstleistungen. In vielen Fällen befinden sich diese wirtschaftlichen Zonen in der Nähe strategischer Anlagen, die im Zuge einer breiteren Eskalation zu potenziellen Zielen werden könnten.

Diese räumliche Nähe erhöht die Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigter Schäden im Falle von Angriffen. Phasen der Instabilität steigern zudem das Risiko von Evakuierungen, operativen Stilllegungen, Anpassungen der Versicherungsprämien sowie Unterbrechungen der Lieferketten. Für Europa sind die Implikationen glasklar: Seine sicherheitspolitische Präsenz muss seinen Bürgern, seinen Unternehmen und seinen Lieferketten überall dorthin folgen, wo sie tätig sind.

Europa rüstet nach

Die europäische Wiederaufrüstung begann in ernstzunehmendem Umfang nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Das derzeit laufende Aufrüstungsprogramm stellt den bedeutendsten Wandel der europäischen Verteidigungspolitik seit Jahrzehnten dar. Mit zunehmender geopolitischer Fragmentierung und erneuter Instabilität im Golf hat sich die Dringlichkeit, glaubwürdige Verteidigungsfähigkeiten aufrechtzuerhalten, weiter verschärft.

Im vergangenen Jahr jedoch begann sich das Bild zu verändern. Drei strukturelle Kräfte wirken nun zusammen.

(1)Politische Verpflichtung 

Europäische Regierungen haben sich von bloßer rhetorischer Unterstützung hin zu einer nachhaltigen Erhöhung der Verteidigungsinvestitionen bewegt. Deutschland, Polen, die nordischen Länder, die baltischen Staaten sowie mehrere mittel- und osteuropäische Regierungen haben sich zu mehrjährigen Steigerungen der Verteidigungsausgaben verpflichtet. Viele Länder erreichen inzwischen das langjährige NATO‑Ziel von 2 % des BIP oder übertreffen es. Vor dem Hintergrund des erneuten Drucks aus Washington und eines sich verschlechternden Sicherheitsumfelds konzentrieren sich die Diskussionen innerhalb der NATO zunehmend darauf, den effektiven Zielwert in den kommenden zehn Jahren näher an 3 % oder darüber hinaus anzuheben. Einige Länder überschreiten dieses Niveau bereits heute – insbesondere in Osteuropa, wo die Bedrohungswahrnehmung am höchsten bleibt.

(2)Ausbau der industriellen Kapazitäten 

Europäische Rüstungsunternehmen fahren ihre Produktionskapazitäten rasant hoch. Fertigungslinien für Munition, Raketensysteme, Drohnen und Luftverteidigungsplattformen werden auf dem gesamten Kontinent ausgebaut. Zudem steigen die Investitionen in Radarsysteme, Cybersicherheit, Marinekapazitäten und KI‑gestützte militärische Technologien deutlich an.

Die Auftragsbestände der großen europäischen Verteidigungskonzerne haben Rekordniveaus erreicht – häufig gestützt durch mehrjährige Regierungsverträge, die eine außergewöhnlich hohe Visibilität in Bezug auf Umsatz- und Margenentwicklung bieten.

(3)Initiativen für strategische Autonomie 

Parallel zu den steigenden Verteidigungsausgaben arbeitet Europa daran, die Abhängigkeit von nicht‑europäischen Rüstungszulieferern zu verringern. Jüngste Konflikte haben die strategische Bedeutung widerstandsfähiger Verteidigungslieferketten hervorgehoben – insbesondere in dem sich rasant entwickelnden Bereich der Drohnenkriegsführung. Berichte aus dem Krieg in der Ukraine zeigen, dass selbst lokal montierte Drohnen in hohem Maße auf ausländische Komponenten angewiesen sind; chinesische Hersteller liefern einen großen Anteil zentraler Bauteile wie Batterien, Sensoren und Elektronik. Initiativen wie der Europäische Verteidigungsfonds, gemeinsame Beschaffungsprogramme sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen EU und NATO zielen darauf ab, die europäische industrielle Verteidigungsbasis zu stärken. Dies führt zunehmend dazu, dass ein größerer Teil der Beschaffungsbudgets an europäische Unternehmen fließt, die kritische Systeme liefern können.

Insgesamt deuten diese Entwicklungen auf einen strukturellen, politisch begünstigten Investitionszyklus mit langer Dauer und hoher Visibilität hin.

Das Eisen schmieden, solange es heiß ist

Jüngste geopolitische Schocks haben Europas Bewusstsein für Verwundbarkeiten in kritischer Infrastruktur und globalen Lieferwegen geschärft. Die Sabotage der Nord‑Stream‑Pipelines in der Ostsee, wiederholte Vorfälle mit Unterseekabeln und Energieleitungen in europäischen Gewässern sowie Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer haben bereits die Fragilität zentraler Systeme offengelegt, die den globalen Handel stützen. Die jüngste Eskalation im Golf erhöht das Risiko für maritime Energieflüsse und kommerzielle Vermögenswerte im Ausland zusätzlich. Europa ist stark abhängig von Seeimporten und Energiekorridoren, die durch den Nahen Osten verlaufen. Da diese Routen zunehmendem Druck ausgesetzt sind, wird der Bedarf an stärkeren maritimen Fähigkeiten immer deutlicher. Europäische Regierungen priorisieren zudem den Ausbau von Aufklärungs‑, Überwachungs‑ und Aufklärungskapazitäten, um Schiffsverkehr, Energieinfrastruktur und strategische Engpässe besser überwachen zu können.

Gleichzeitig benötigen Häfen, Raffinerien und logistische Knotenpunkte einen stärkeren Schutz vor Cyberangriffen, da digitale Verwundbarkeiten zunehmend zu einem zentralen Sicherheitsrisiko werden. Die Verbreitung von Drohnen- und Raketentechnologien erhöht zusätzlich die Nachfrage nach modernen Abfangsystemen, die sowohl militärische Einrichtungen als auch zivile Infrastruktur schützen können. Diese Anforderungen erstrecken sich auch auf die Lieferketten selbst. Mehr Autonomie in Produktion, Logistik und verteidigungsrelevanten Technologien ist zu einer strategischen Priorität geworden.

Die zunehmende Präsenz europäischer Bürger und Unternehmen im Ausland verstärkt diese Dynamik zusätzlich.

Regierungen stehen zunehmend unter Druck, ihre Fähigkeiten zum Schutz ausländischer Vermögenswerte auszubauen, schnellere Krisenreaktionsmechanismen zu entwickeln und besser auf geopolitische Schocks oder Bedrohungen zu reagieren, die sich auf europäische Interessen weltweit auswirken können.

Diversifiziertes Sicherheitsökosystem

Das Portfolio umfasst sowohl traditionelle Verteidigungsunternehmen als auch spezialisierte Technologieanbieter. Dazu zählen Firmen, die Sensoren, Halbleiter, Satellitentechnologien, Cybersicherheitslösungen, Systeme für Grenzmanagement sowie sichere Kommunikationsnetze herstellen.

Resilienz in wirtschaftlichen Abschwungphasen

Die Verteidigungsausgaben folgen in der Regel politischen Prioritäten und weniger dem konjunkturellen Zyklus. Staatliche Budgets, die der nationalen Sicherheit gewidmet sind, bleiben selbst in Phasen geringeren Wachstums meist stabil und bieten damit eine robustere Planbarkeit als viele andere Sektoren.

Mehrjährige Visibilität

Rekordhohe Auftragsbestände in der europäischen Verteidigungsindustrie schaffen eine starke Vorwärtsvisibilität. Viele Verträge erstrecken sich über mehrere Jahre und umfassen lange Lieferzyklen, was zu gut prognostizierbaren Einnahmeströmen führt. Dies ermöglicht es Unternehmen, Kapazitätserweiterungen mit höherer Sicherheit zu planen.

Ausrichtung auf Europas Agenda für strategische Autonomie

Mit der zunehmenden Reduzierung der Abhängigkeit von externen Rüstungszulieferern bevorzugen europäische Beschaffungsprogramme immer stärker heimische Anbieter. Europäische Unternehmen können daher einen wachsenden Anteil der Verteidigungsausgaben auf sich vereinen, da Regierungen verstärkt auf lokale industrielle Kapazitäten setzen.

Der Beginn einer neuen europäischen Verteidigungsära

Die jüngsten Feindseligkeiten im Golf, einschließlich der von Iran unterstützten Angriffe auf US‑militärische und diplomatische Einrichtungen, unterstreichen eine grundlegende Realität:
Europas globale wirtschaftliche Präsenz macht den Kontinent unmittelbar verwundbar gegenüber geopolitischen Risiken. Europäische Bürger, Unternehmen und Infrastrukturen im Ausland sind zunehmend von Instabilität in Regionen betroffen, die geografisch weit von Europa entfernt liegen.

Gleichzeitig ist Europa in eine neue Phase seiner sicherheitspolitischen Ausrichtung eingetreten.
Verteidigungsausgaben werden nicht länger als temporäre Reaktion auf einzelne Krisen betrachtet, sondern als strukturelle Priorität. Regierungen in ganz Europa bauen nach Jahrzehnten der Unterinvestition ihre militärischen Fähigkeiten wieder auf – unterstützt durch langfristige politische Verpflichtungen und den Ausbau industrieller Kapazitäten.

In ihrer Gesamtheit deuten diese Entwicklungen auf den Beginn eines anhaltenden europäischen Wiederaufrüstungszyklus hin, der von dauerhaftem politischem Rückhalt und einem stabilen Investitionsmomentum getragen wird.

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