Medical Strategy News vom 12.08.2026
Nach Jahren des Biotech-Bärenmarktes sieht Thomas Vorlicky, Geschäftsführer von Medical Strategy, neue Chancen in der Branche, insbesondere in China. Die bayerische Boutique hat sich deshalb die Möglichkeit geschaffen, auch in chinesische A-Shares zu investieren. Vorlicky sieht dort eine zunehmend wichtige Quelle für Innovation.
Nach dem Corona-Hype herrschte jahrelang ein Biotech-Bärenmarkt. Das lag laut Thomas Vorlicky, Geschäftsführer von Medical Strategy, sicherlich daran, dass 2022 sehr stark steigende Zinsen zu beobachten waren. Hinzu kamen 2024 das Wahljahr in den USA und eine hohe Unsicherheit, gerade für den Gesundheitssektor, etwa bei Themen wie Arzneimittelpreisen. „2025 ist dann tatsächlich ein sehr schwieriges Jahr für den gesamten Gesundheitsmarkt geworden. Wir haben verschiedene Spezifika gesehen, etwa die DOGE-Initiative von Elon Musk sowie Kürzungen an verschiedenen Stellen, unter anderem bei Gesundheitsbehörden. Dann kam tatsächlich noch die Absenkung der Arzneimittelpreise bei vielen Blockbuster-Medikamenten hinzu“, erklärt Vorlicky im Gespräch mit Fundview und betont, dass dies dem gesamten Gesundheitsmarkt noch einmal einen deutlichen Schlag versetzt habe.
Wenn man auf die Biotechnologie schaue, sei sie ab April beziehungsweise Mai das einzige Subsegment gewesen, das wieder deutlich aufgeholt habe. Andere Bereiche des Healthcare-Marktes wie Medizintechnik, Versicherer oder Versorger litten Vorlicky zufolge nach wie vor stark unter dem regulatorischen Umfeld: „Die Biotechnologie hingegen hat sich deutlich besser entwickelt und war damit der Lichtblick im Gesundheitsmarkt. Das ist eine der großen Zukunftsbranchen unserer Zeit und gleichzeitig eine Branche mit enormer gesellschaftlicher Relevanz.“ Gleichzeitig würden die Therapien für Krankheiten, die bereits behandelbar seien, immer besser. Die Menschen würden älter und mehr, während Forscher gleichzeitig immer mehr über die molekularen Ursachen von Krankheiten verstünden; „das ist der übergeordnete Trend“.
Ein weiterer großer Katalysator sei künstliche Intelligenz. KI werde in den nächsten Jahren und Jahrzehnten enorm dabei helfen, Krankheiten zu bekämpfen, bei denen Forscher heute noch gar nicht verstünden, warum sie überhaupt entstünden. „Nehmen wir Alzheimer oder auch Parkinson: Hunderte Millionen Menschen sind betroffen, aber wir wissen heute teilweise noch nicht genau, warum diese Krankheiten überhaupt entstehen. Genau hier kann KI ein entscheidender Faktor werden“, so Vorlicky.
Der zweite große Katalysator sei China. „Die Chinesen haben sich in den vergangenen drei bis vier Jahren mit gigantischen Schritten von einem Nachahmer- oder Me-too-Produzenten hin zu einem Innovationsführer entwickelt. China hat im Bereich Biotechnologie mehr Forscher, als Österreich Einwohner hat. Jedes Jahr kommen weitere hochqualifizierte Wissenschaftler aus den Universitäten hinzu. Das haben natürlich auch die USA wahrgenommen, die seit Jahrzehnten die Nummer eins in der Arzneimittelforschung sind“, erklärt Vorlicky. Wenn man über Jahrzehnte die Nummer eins gewesen sei und dann sehe, dass jemand mit riesigen Schritten aufhole und einem möglicherweise den Rang ablaufe, entstehe natürlich ein entsprechender Fokus.
Die Dynamik finde aktuell ganz klar in China statt, so Vorlicky. Deshalb habe Medical Strategy regulatorisch genehmigen lassen, auch in Festland-China investieren zu dürfen. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Hongkong, sondern um sogenannte A-Shares, also Unternehmen, die in Shenzhen oder Peking gelistet seien. „Dort dürfen wir bis zu zehn Prozent des Fondsvermögens investieren. Wir gehen dorthin, wo Innovation stattfindet. Ob sie in den USA, China, Indien oder anderswo entsteht, ist uns letztlich egal. Bislang war sie überwiegend in den USA, aber wir schauen mit Argusaugen nach China“, so Vorlicky.
Daraus entstehe jetzt politischer Rückenwind für die Branche, denn es gehe darum, Zulassungsprozesse schneller zu machen und auch die Arzneimittelbehörden effizienter aufzustellen. Diese verschiedenen Faktoren hätten letztlich dazu geführt, dass die Biotechnologie innerhalb des insgesamt schwachen Healthcare-Marktes seit Mitte vergangenen Jahres so stark abgeschnitten habe. „Wir führen mittlerweile erste Gespräche mit großen Banken und Asset Managern in China, die uns dedizierte Bio-Pharma-Research-Teams zur Verfügung stellen können. Der Markt funktioniert dort anders, allein schon wegen der Sprache und der Marktstruktur. Deshalb brauchen wir starke lokale Partner. Sobald wir dieses Research etabliert haben, werden auch die ersten Investitionen folgen“, so Vorlicky.
Viele Investoren seien bei China aktuell allerdings zurückhaltend; das liege Vorlicky zufolge vor allem am politischen Risiko. Gleichzeitig sehe man aber in vielen Bereichen, dass China mit großen Schritten zur westlichen Industrie aufschließe oder sie bereits überhole, etwa bei Elektroautos oder eben Biotechnologie. „Wenn Innovation in China entsteht, dann ist es unsere Aufgabe als Biotechnologie-Investoren, genau diese Unternehmen zu identifizieren. Im Zweifel hat Innovation eine größere Strahlkraft als politische Risiken. Unsere Branche unterscheidet sich von vielen anderen Sektoren. Im Automobilbereich kann ich mich entscheiden, ob ich lieber in BMW investiere oder in einen chinesischen Hersteller. In der Biotechnologie funktioniert das nicht“, so Vorlicky. Wenn ein Unternehmen eine First-in-Class-Therapie entwickele und durch Patente geschützt sei, dann gebe es dafür keine Alternative. Dann müsse man sich dieses Unternehmen anschauen.
Regional sei Vorlicky heute noch klar in den USA positioniert und mehr als 80 Prozent des Fonds seien dort investiert. „Die USA sind nach wie vor das Mekka der Biotechnologie. China beobachten wir aber sehr genau und bauen dort Schritt für Schritt unsere Analysekapazitäten auf. Biotechnologie ist ein extrem Newsflow-getriebener Markt. Wir halten rund 80 Unternehmen im Portfolio und beobachten zusätzlich 800 bis 900 weitere Unternehmen. Deshalb nehmen wir regelmäßig Umschichtungen vor.“
Vor zwei Jahren sei Vorlicky stärker in der Krebsforschung investiert gewesen. Heute liege der Schwerpunkt stärker auf seltenen Erkrankungen. „Dort sehen wir einen enorm hohen medizinischen Bedarf und gleichzeitig vergleichsweise wenig Wettbewerb“, so Vorlicky abschließend.