Ethenea Marktkommentar vom 06.05.2026
Der Ölpreisschock infolge des Nahost-Konflikts dominierte die Märkte auch im April. Dies lässt die Inflationserwartungen erneut ansteigen und beeinflusst das makroökonomische Geschehen maßgeblich. Der IWF senkte seine globale Wachstumsprognose für 2026 auf 3,1 Prozent und hob die globale Inflationsprojektion auf 4,4 Prozent an. EZB und Fed werden nicht Müde zu betonten, dass sich das Risikobild klar verschoben hat: nach unten für das Wachstum, nach oben für die Inflation – besonders im Falle einer länger andauernden oder geografisch ausgeweiteten Eskalation. Für Europa ist das besonders relevant, weil höhere Importpreise, schwächere reale Einkommen und eine vorsichtigere Unternehmensstimmung die ohnehin fragile Industriekonjunktur belasten.
Die wirtschaftliche Situation in den USA ist überaus robust und vor allen Dingen noch sehr resilient gegenüber den geopolitischen Verwerfungen. Die in den Vormonaten zu beobachtende starke Erholung bei den Frühindikatoren wurde überraschenderweise nicht korrigiert. Der Verbraucherpreisindex sprang im Jahresvergleich auf 3,3 Prozent, getrieben vor allem von Energie. Die Veränderung des Kernindexes fiel mit 2,6 Prozent deutlich moderater aus.
Der US-Arbeitsmarkt verharrte zuletzt in einem „no hire, no fire“-Modus: Die Firmen stellten kaum ein, entließen aber auch nur wenige Mitarbeiter. In der Konsequenz blieb die Arbeitslosenquote bei 4,3 Prozent. Genau darin liegt das Dilemma der Fed. Der Arbeitsmarkt ist zu robust für schnelle Zinssenkungen, aber zu wenig dynamisch, um bei einem Konjunkturabschwung zuverlässig als Puffer zu dienen. Solange der Inflationsdruck durch die Energiepreise anhält, kann die Notenbank schwerlich präventiv lockern, ohne ihre Glaubwürdigkeit in Bezug auf das Inflationsziel aufs Spiel zu setzen.
Im Euroraum verschärfte sich zuletzt die Spannung zwischen Inflation und Wachstum. Die Teuerung zog laut Eurostat vor allem wegen höherer Energiepreise in der Flash-Schätzung für April sogar auf 3,0 Prozent an. Gleichzeitig blieb das Wachstum schwach: Erste Berichte verwiesen für das erste Quartal nur auf ein sehr moderates Plus, während sich die Belastung durch den Energieschock bereits in der Stimmung und in der Nachfrage bemerkbar machte. Der Arbeitsmarkt zeigte sich dagegen bislang erstaunlich robust. Die Arbeitslosenquote sank im März auf 6,2 Prozent und blieb damit nahe ihrem Tief, was den privaten Konsum zunächst stützt und eine abrupte Abschwächung verhindert. Allerdings signalisierten schwache Frühindikatoren eine Eintrübung. Die deutlich gestiegene Unsicherheit lässt erwarten, dass die reale Wirtschaftsaktivität im zweiten Quartal unter Druck bleibt. Die EZB betonte, dass sie erst anhand der kommenden Daten beurteilen werde, ob der energiegetriebene Inflationsschub temporär bleibt oder sich breiter festsetzt.
Trotz dieses Gegenwinds bleibt unsere positive Wachstumsannahme nicht nur von fiskalischer Unterstützung und Produktivitätsgewinnen durch KI getragen, sondern auch von weiterhin hohen Investitionsausgaben. Die Hyperscaler haben für 2026 ihre diesbezüglichen Pläne nochmals deutlich erhöht. Gleichzeitig verweisen hohe Auftragsbestände darauf, dass die Nachfrage nach Cloud- und KI-Infrastruktur sehr robust bleibt. Die große Dimension dieser Investitionswelle spricht dafür, dass der Ausbau von Rechenzentren und Netzwerkinfrastruktur die globale Industriekonjunktur und die Zulieferketten weiter stützen kann. Für uns ist das ein zentrales Argument, weil dieser Zyklus nicht nur kurzfristige Nachfrage erzeugt, sondern mittel- bis langfristig auch das Produktivitätspotenzial erhöht.
Realzinsen setzen Märkte unter Druck
Interessanterweise drehten die Risikomärkte exakt zum Monatsbeginn. Was anfangs wie ein Bounce nach einem Abverkauf aussah, entwickelte sich relativ zügig zu einer einmonatigen Risk-On-Bewegung, die im Resultat fast die gesamten Vormonatsverluste egalisierte, beziehungsweise sogar in Gewinne ummünzte. Begründet werden kann dieser Stimmungswandel durch den Waffenstillstand im Nahen Osten und noch vielmehr durch die sehr überzeugende Berichtssaison.
Anleihen/Renditen
Im Anleihen-Segment konnte die beschriebene Trendumkehr ebenfalls beobachtet werden. Dies gilt jedoch nur für die Spreads zu den Staatsanleihen, die jetzt wieder auf den Tiefstständen vor dem Iran-Krieg notieren. Aufgrund der anhaltenden Inflationssorgen gab es von der Zinsfront keine Entlastung. Die Rendite 10‑jähriger US‑Staatsanleihen stieg leicht von 4,32 % auf 4,37 %. Der Markt erwartet aufgrund der Inflationserwartungen aktuell keine Zinsschritte der Fed für das Jahr 2026. Auch wenn die Ausgangslage mit stabilem Arbeitsmarkt und nicht unerheblichen Inflationsrisiken für den neuen Fed-Chair kompliziert erscheint, erwarten wir entgegen dem Konsens weiterhin einen Lockerungskurs der Fed. Im Investment‑Grade‑Segment sanken die Spreads von 89 auf 82 Basispunkte. Die Risikoaufschläge im High-Yield-Bereich fielen von 317 auf 268 Basispunkte.
Auch die Rendite der 10‑jährigen Bundesanleihen verharrte auf erhöhtem Niveau. Sie stieg leicht von 3,00 % auf 3,04 %. Der Markt preist weiterhin ganze drei Zinssenkungen der EZB ein. Falls sich die Notenbank aufgrund ihres einseitig auf Preisstabilität ausgerichtetem Mandat dazu hinreißen lassen sollte, wäre das aus unserer Sicht ein klarer Politikfehler. Risikoaufschläge der Unternehmensanleihen fielen im Gleichschritt mit ihren amerikanischen Pendants in die Nähe ihre Allzeit-Tiefststände. EUR-IG-Spreads fielen von 98 auf 82 Basispunkte. EUR‑High‑Yield‑Spreads fielen von 332 auf 282 Basispunkten.
Fazit
Die defensiv-qualitätsorientierte Ausrichtung ist ein wesentlicher Grund dafür, dass wir grundsätzlich keinen Anpassungsbedarf sehen. Zwar führt die lange Duration unserer Anleihen im Umfeld der aktuellen Zinsbewegung zu temporären Marktwertverlusten, doch wir gehen weiterhin davon aus, dass wir auf beiden Seiten des Atlantiks eher stabile bis rückläufige Renditen am langen Ende sehen werden. Die kurzfristigen Inflationssorgen werden aus unserer Sicht überzeichnet; für die langfristige Renditeentwicklung sind sie nur begrenzt relevant, sodass der jüngste Anstieg am Markt unserer Einschätzung nach eher eine kurzfristige Übertreibung darstellt. Vor diesem Hintergrund nutzen wir das zusammenlaufende Zinsdifferential, um weitere US-Titel zugunsten europäischer Emissionen hoher Bonität umzuschichten.
Aktien
Die Berichtssaison fiel insgesamt sehr stark aus und bestätigte vor allem im US-Technologiesektor die weiterhin dominante Rolle der großen Plattform- und Halbleiterwerte. Die Ergebnisse lagen deutlich über den Erwartungen: Der S&P 500 erreicht für das erste Quartal mit Hilfe der hochkapitalisierten Technologiewerte nun ein Gewinnwachstum von fast 30 % bei einem Umsatzwachstum von über 10 %. Die Vergleichswerte des Stoxx 600 liegen bei ca. 11 % und 1 %. Neben der stärkeren Abhängigkeit von der Straße von Hormuz erklärt genau diese Diskrepanz, warum US-amerikanische Indizes bereits im April neue Höchststände markierten, während ihre europäischen Pendants diese Marke bislang nicht zurückgewinnen konnten. Interessanterweise führte dieser Gewinnsprung auch zu tieferen Bewertungsmultiples trotz höheren Indexniveaus. Innerhalb des Marktes blieben Halbleiter und Energie wichtige Treiber, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Halbleiterwerte zogen weiterhin Nutzen aus der robusten KI-Nachfrage und den Investitionsprogrammen der großen Cloud-Anbieter, während der Energiesektor von den geopolitisch getriebenen Ölpreisbewegungen profitierte.
Unsere Grundthese höherer Produktivität durch KI, anhaltender fiskalischer Impulse und selektiven Wachstums bleibt damit intakt. Der weitere Gewinnpfad und die daraus folgende Kursentwicklung hängen jedoch stark vom zeitlichen Verlauf des Iran-Konflikts und den daraus resultierenden Lieferengpässen ab.
Fazit
Die vergangenen zwei Monate zeigen, dass aktives Risikomanagement nicht nur vor Verlusten schützt, sondern es auch ermöglicht, in Krisenzeiten Chancen zu ergreifen. Während wir erst im Monatsverlauf die taktischen Absicherungen sukzessive reduziert haben, konnten wir noch vor der Berichtssaison zu attraktiven Preisen sowohl zuvor verkaufte als auch neue interessante Titel ins Portfolio aufnehmen. Strategisch bleibt unser Ausblick positiv. Taktisch wurde die verbleibende Sicherung stark reduziert und von Future auf Optionen umgestellt.
Währungen
Mit zunehmender Deeskalation des Nahost-Konflikt verliert auch der US-Dollar seinen Charme als Safe-Haven-Währung. Er notierte zum Monatsende bei 1,173 zum Euro, nur leicht stärker als vor Kriegsausbruch. Vor dem Hintergrund der wahrscheinlich sinkenden Zinsdifferenz gegenüber dem Euroraum gehen wir von einer weiteren Abschwächung des US-Dollars aus. Entgegen unserer These konnte sich der Yen nicht von seinen Tiefstständen erholen. Erst das Eingreifen der Bank of Japan glich die Monatsverluste vollständig aus.
Fazit
Wie geplant nutzten wir die Stärke des US-Dollars, um die Quote weiter zu reduzieren. Aktuell haben wir nach Währungssicherung nur noch minimales Exposure. Zur weiteren Diversifikation unserer Währungsposition tragen Yen und der Schweizer Franken bei. Die Yen-Position wurde reduziert. Auch wenn wir enormes Aufwärtungspotential erwarten, möchten wir erst das Momentum der Bewegung abwarten, um die Position gegebenenfalls wieder aufzustocken.