DWS CIO View vom 05.08.2026
Die monatlichen Investment Traffic Lights bieten eine detaillierte Marktanalyse und unsere Sicht auf die Entwicklung der wichtigsten Anlageklassen.
In Kürze
- Der Juli war geprägt durch hohe Volatilität, insbesondere bei Einzeltiteln
- Der Irankrieg flammte wieder auf, der neue Fed-Chef sorgte für viele Fragezeichen und einige Technologiewerte kämpften mit überhöhten Erwartungen
- Angesichts einer sich stabilisierenden Wirtschaft und der vollzogenen Bewertungskorrektur blicken wir positiv in den Herbst und stufen unter anderem den Technologiesektor wieder hoch
1. Marktüberblick
1.1 Starke Berichtssaison im Schatten des Golfkriegs, der neuen Fed und der KI-Müdigkeit
Der Juli hielt – erneut – sein Urlaubsversprechen nur in Maßen, da er Anlegern allerlei heftige Marktbewegungen bescherte. Durchgeschüttelt wurden die Märkte vor allem durch das Wiederaufflammen des Konflikts in der Golf-Region, dem unorthodoxen Arbeitsbeginn des neuen Präsidenten der US-Zentralbank und durch die Infragestellung des bisherigen KI-Narrativs („mehr ist mehr“).
Punkt 1 führte wenig überraschend dazu, dass der Ölpreis wieder anstieg, in der Spitze trieb es das Fass Brent von knapp über 70 Dollar am Monatsanfang auf über 100 Dollar, was sich wiederum auch auf die Anleiherenditen auswirkte. Die hatten jedoch zusätzlich mit Punkt 2 zu kämpfen; einer denkwürdigen Pressekonferenz des neues Fed-Chefs Kevin Warsh im Anschluss an die Fed-Sitzung. In ihr unterstrich Warsh, wie wenig er von kurzfristiger Feinsteuerung der Markterwartungen hielt. Vielmehr wolle er es den Märkten überlassen, sich eine unabhängige Meinung zum Wirtschaftsumfeld zu machen, statt Reaktionen der Fed zu antizipieren. Ob dieses Experiment langfristig glückt, wird sich noch zeigen; kurzfristig führte es zu irritierten Marktreaktionen, die in der höchsten 10-jährigen Bundrendite seit 2011 (3,20 Prozent) und der höchsten 30-jährigen Treasury-Rendite seit 2007 (5,27 Prozent) mündete. Wobei dieser Anstieg schwerlich Warsh alleine zuzuschreiben ist. Wenn man von der – nicht ganz ungerechtfertigten – Sorge absieht, dass die staatlichen Ausgabeorgien und Schuldenstände die längerfristigen Zinsen hochtreiben könnten, könnte es noch einen zweiten Treiber für die Zinsen gegeben haben: eine besser als erwartet laufende Konjunktur. Dies zeigte sich zum einen in zahlreichen volkswirtschaftlichen Zahlen, die letztlich in hochschnellenden Überraschungsindikatoren mündeten, aber auch in einer bisher sehr soliden Berichtssaison.
Hohe Erwartungen im Technologiesektor sorgten für starke Kursschwankungen
Was uns zu Punkt 3 bringt und dem Thema Erwartungen. Vor wenigen Monaten dürften wohl nur die wenigsten Marktteilnehmer damit gerechnet haben, wie gut die Unternehmen durch das – kriegsgeplagte – zweite Quartal segeln würden: nachdem über die Hälfte der Indexmitglieder Zahlen präsentiert haben, ergibt sich ein Umsatzwachstum von 15 Prozent für die Firmen des S&P 500 und von 9 Prozent für den Stoxx Europe 600 im Jahresvergleich (der Gewinnsprung ist deutlich höher, wurde aber durch viele Einzelfaktoren verzerrt). Es dankt jedoch vor allem der europäische Markt, in dem der DAX Anfang August einen neuen Rekordstand schaffte. In den USA erklomm der gleichgewichtete S&P 500 ein neues Hoch.1
Dahinter verbirgt sich die Sektorrotation im zweiten Quartal. Während es die Schwergewichte vor allem aus dem Technologiesektor teils ganz schön erwischte, zeigten sich die Substanzwerte und/oder die defensiven Sektoren deutlich fester. Dabei lieferten die Technologiewerte erneut sehr starke Quartalszahlen ab, doch machten sich im Markt einige Sorgen zum KI-Komplex breit: würden die hohen Investitionen der Branche sich wirklich eines Tages rentieren? Würden die billigen chinesischen Modelle nicht immer mehr Marktanteile gewinnen? Und würde vielleicht die Politik das Thema eines Tages etwas strenger behandeln?
Keiner spiegelte die Nervosität dabei so deutlich wider wie der zuvor extrem stark gestiegene Halbleitersektor (repräsentiert durch den Philadelphia Semiconductor Index, SOX), den es im Juli mit einem Minus von 21 Prozent beutelte. Der koreanische KOSPI verlor gar 22 Prozent und lieferte neun Handelstage, deren Schwankung nach oben oder unten fünf Prozent überstieg – darunter ein Minus von 11 und ein Plus von 18 Prozent.
So ungewöhnlich die Entwicklung von SOX und KOSPI auch waren, das eigentlich bemerkenswerte im Juli war die hohe Volatilität der Einzelwerte. Im insgesamt wenig auffälligen S&P 500 (der VIX blieb unter 20 Punkten) fielen selbst Schwergewichte mit Billionen-Marktkapitalisierung mehrfach durch Tageskursschwankungen im zweistelligen Prozentbereich auf (Microsofts Marktwerterhöhung um 450 Milliarden Dollar an einem einzigen Tag stellt einen neuen globalen Rekord auf).
Ein Grund dafür könnte auch der Umstand sein, mit welchem Hebel die Anleger derzeit unterwegs sind. Beispielhaft dafür war der US-Fonds Situational Awareness von Leopold Aschenbrenner, der aufgrund seines starken Gebrauchs von Fremdkapital im Juli in Schieflage geriet und Notverkäufe tätigen musste. Wie die Deutsche Bank feststellt, stimmt auch der Umstand, dass drei Prozent der erwachsenen südkoreanischen Bevölkerung in den vergangenen paar Wochen einen Margin Call von ihrem Broker erhielt, nachdenklich. Und bietet einen Grund mehr, warum die Anleger weltweit so gespannt auf die neue Fed unter Kevin Warsh schauen
2. Ausblick und Änderungen
Der Nachrichtenfluss im Juli war sicherlich umfangreicher, als die aufgrund der Urlaubssaison halb geleerten Handelssäle verarbeiten konnten. Deshalb erwarten wir, dass die Märkte noch etwas Zeit benötigen werden, um zu entscheiden, ob die Korrektur bei einigen Technologiewerten ausreichend für Bereinigung gesorgt hat oder ob die KI-Erfolgsgeschichte einen nachhaltigen Schaden erlitten hat. Ein weiteres ungelöstes Thema für Investoren bleibt der anhaltende Krieg in der Golfregion, der sowohl Ölpreise als auch Inflationssorgen nach oben treiben kann. Die größte Herausforderung für Anleger besteht unseres Erachtens jedoch darin, sich auf den neuen Fed-Vorsitzenden einzustellen und herauszufinden, wie er zu interpretieren ist. Das offensichtliche Risiko besteht darin, dass die Märkte die Entschlossenheit der Fed bei der Bekämpfung von Inflationsrisiken infrage stellen könnten, da Kevin Warsh keine Orientierungshilfe („Guidance“) mehr geben möchte. Das größere Risiko wäre jedoch natürlich, wenn die Märkte ernsthaft an der Bereitschaft der Fed zweifeln würden, die Märkte großzügig mit Liquidität zu versorgen, falls sich die Lage ernsthaft eintrübt – der sogenannte „Fed Put“.
2.1 Anleihen
Vorerst ändern wir unsere Einschätzung zu Staatsanleihen nicht und sind weiterhin der Auffassung, dass insbesondere die kürzeren Laufzeitbereiche in Europa und den USA attraktiv bleiben. Wir glauben, dass die Märkte im Verhältnis zum DWS-Basisszenario zu viele Zinserhöhungen durch die Zentralbanken einpreisen, insbesondere in den USA. Allerdings erwarten wir weitere Volatilität, da die Anleger nach der Fed-Sitzung im Juli und angesichts des Verzichts der Fed auf jede Form der Orientierungshilfe möglicherweise die Reaktionsfunktion der Notenbank testen werden.
Die einzige Signaländerung, die wir im Juli im Anleihebereich vorgenommen haben, war die Herabstufung europäischer Hochzins-Unternehmensanleihen auf minus 1. Mit der erneuten Eskalation des Konflikts in der Golfregion haben die geopolitischen Risiken deutlich zugenommen. Dies spiegelt sich auch in den stark gestiegenen Energiepreisen und höheren Renditen von Staatsanleihen wider. Beides sollte sich negativ auf den Hochzinsmarkt auswirken, insbesondere da dieses Segment anfälliger für idiosynkratische Risiken infolge externer Schocks ist als der Investment-Grade-Markt. Angesichts der Tatsache, dass die Risikoaufschläge europäischer Hochzinsanleihen in den vergangenen Monaten sehr eng geblieben sind, halten wir die kurzfristigen Risiken nicht mehr für angemessen eingepreist.
2.2 Aktien
An den Aktienmärkten dreht sich weiterhin fast alles um Technologie. Nachdem wir im Frühsommer vor allem aufgrund von Bewertungsbedenken im Halbleiterbereich vorsichtiger geworden waren, nutzen wir nun die Gelegenheit, das Segment wieder hochzustufen. Dafür gibt es folgende Gründe:
Im vergangenen Monat haben wir eine starke, aber gesunde Kurskorrektur im Technologiesektor erlebt, insbesondere bei Halbleiterwerten. Die Ertragsentwicklung von Speicherchip-Herstellern dürfte weiterhin zyklisch bleiben, und die aktuellen Nettomargen von 60 Prozent bei Speicherchips sind über mehrere Jahre hinweg aus unserer Sicht nicht nachhaltig. Da das Angebot an Speicherchips jedoch nur langsam wächst, während die Nachfrage stark bleibt, dürfte der Mangel noch ein paar Quartale anhalten. Einige Halbleiteraktien sind um 60 Prozent eingebrochen, verstärkt durch Zwangsverkäufe gehebelter Fondspositionen, was unserer Ansicht nach zu einer Überreaktion geführt hat. Zudem stufen wir den globalen Software- und Dienstleistungssektor von Untergewichten auf Neutral hoch. Seit September 2025 ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)2 des Sektors Software & Services von 28 auf 18 gefallen. Nicht jedes Softwareunternehmen gehört jedoch zum Lager der Verlierer im IT-Bereich; gezielte Aktienselektion bleibt in diesem Segment entscheidend.
Da sich der Ausblick für zwei der drei Teilsegmente verbessert hat, stufen wir den gesamten IT-Sektor hoch. Dies folgt auf eine Abwertung des KGVs um sechs Punkte seit Jahresbeginn. Ein KGV von 14 halten wir angesichts eines erwarteten Gewinnwachstums von 24 Prozent für zu niedrig. Unter den elf MSCI-Sektoren weist der IT-Sektor nach unserer Rechnung das niedrigste Verhältnis von KGV zu Gewinnwachstum auf: 0,7.3
Wir glauben nicht, dass der KI-Boom vorbei ist. Wir befinden uns aus unserer Sicht weiterhin in einer frühen Phase dieser technologischen Revolution. Der Ausbau von Rechenzentren wird sich fortsetzen, und die Digitalisierung (samt entsprechendem Halbleiterbedarf) der Wirtschaft wird mit beispielloser Geschwindigkeit voranschreiten. Gleichzeitig stellen die Hyperscaler4 fest, dass die Aktionäre entweder mehr freien Cashflow (FCF) oder belastbare Belege für eine profitable Monetarisierung von KI sehen möchten. In der Berichtssaison haben wir diesbezüglich von einigen, aber nicht allen Hyperscalern ermutigende Signale erhalten. Mehr Disziplin bei den Investitionsausgaben und eine Rückkehr zum Fokus auf freien Cashflow könnten steigende Bewertungsmultiplikatoren ihrer Aktien unterstützen.
Einige Warnsignale können jedoch nicht ignoriert werden: 1) Das Risiko, dass die Investitionen in Rechenzentren 2027 oder 2028 ihren Höhepunkt erreichen, hat zugenommen, da steigende Anleiherenditen und sich rasch ausweitende CDS-Spreads5 von Neocloud-Anbietern6 klare Hinweise darauf sind, dass der Finanzierung dieser Gigaprojekte Grenzen gesetzt sind. Immer neue zirkuläre Finanzierungsrunden sowie Kundenfinanzierungen einiger größerer Akteure tragen ebenfalls nicht dazu bei, das Vertrauen zu stärken. 2) China überrascht weiterhin positiv durch äußerst effiziente große Sprachmodelle (LLMs) und Fortschritte in der Halbleiterfertigung. 3) Die US-Zwischenwahlen stehen bevor, und einige Demokraten könnten sich mit einer anti-KI- beziehungsweise anti-Rechenzentrums-Agenda positionieren. 4) Die Verschiebung des Börsengangs von OpenAI auf das Jahr 2027 ist klar negativ zu bewerten und deutet darauf hin, dass der Innovationsfortschritt eines wichtigen Branchenakteurs derzeit stagniert.
2.3 Alternative Anlagen
Gold
Wir erwarten, dass sich der Goldpreis kurzfristig in einer engen Handelsspanne bewegen wird, wie bereits in den vergangenen Wochen. Der World Gold Council geht davon aus, dass die Nachfrage der Zentralbanken im Jahr 2026 unter dem Niveau von 2025 liegen wird. Dennoch erwarten wir, dass Zentralbanken weiterhin Gold zur Diversifizierung ihrer Reserven kaufen werden. Der Trend zur Entdollarisierung dürfte sich in China und anderen Wirtschaftsräumen fortsetzen, die ihre Abhängigkeit vom dominierenden finanziellen Einfluss der USA über den US-Dollar als globale Handels- und Reservewährung verringern wollen. Diese Nachfrage sollte dazu beitragen, Gold bei etwa 4.000 USD je Unze zu stützen, ein Niveau, das unseres Erachtens auch für die Schmucknachfrage in Indien weniger hinderlich sein dürfte. Gleichzeitig könnte das Aufwärtspotenzial von Gold durch die Markterwartungen hinsichtlich der Realrenditen von Anleihen begrenzt werden. Die US-Notenbank hat beschlossen, den Leitzins unverändert zu lassen. Obwohl drei Mitglieder für eine Zinserhöhung votierten, stuften die Märkte Fed-Chef Kevin Warsh in seiner Pressekonferenz nach der Sitzung weiterhin als zu zurückhaltend ein. Die Renditen von US-Staatsanleihen stiegen daraufhin an. Die Gewinne beim Goldpreis wurden anschließend rasch wieder abgegeben. Die Unsicherheit über Inflation und den geldpolitischen Kurs der Fed dürfte das kurzfristige Aufwärtspotenzial von Gold begrenzen.
Öl
Wir haben Öl der Sorte Brent von Neutral auf +1 hochgestuft. Das Memorandum of Understanding brachte im Konflikt zwischen den USA und Iran nur eine kurze Entspannung, da es zu vage formuliert war und Raum für unterschiedliche Interpretationen ließ. Dies gilt beispielsweise hinsichtlich der Frage der Rechte zur Regulierung und Kontrolle des Schiffsverkehrs. Es ist derzeit nicht klar, welche diplomatischen Schritte nun folgen könnten. Insbesondere nach der Ausweitung des Konflikts auf das Rote Meer und der Beteiligung der Huthi-Miliz steht Saudi-Arabien nun unmittelbar im Zentrum der Kampfhandlungen. Darüber hinaus verschlechtert sich auch die Lage im Russland-Ukraine-Konflikt. Die Ukraine hat ihre Angriffe von Öltransport- und Raffinerieinfrastruktur an Land auf Schiffe im Schwarzen Meer ausgeweitet; die jüngste Angriffswelle hat Russland erheblichen wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Moskau hat angekündigt, die Exporte von Diesel und Benzin bis zum 1. September auszusetzen. Russland erwägt zudem aktiv den Import raffinierter Ölprodukte zur Deckung der Inlandsnachfrage. Aus diesen geopolitischen Gründen sehen wir weiterhin Spielraum für steigende Ölpreise.