Raiffeisen Capital Management Emerging Markets vom 27.04.2026
Die zurückliegenden Monate waren für die Finanzmärkte der Schwellenländer von einem abrupten Stimmungswechsel geprägt. Standen zunächst überwiegend positive Nachrichten bei Konjunkturentwicklung, Geldpolitik und Unternehmensgewinnen im Vordergrund, so ist seit Ende Februar der Krieg der USA und Israels gegen den Iran das beherrschende Thema.
Der Jahresbeginn war noch von einer klar besseren Wertentwicklung der Schwellenländer-Aktien gegenüber den entwickelten Aktienmärkten gekennzeichnet. Doch diese gaben einen Teil dieser Outperformance im März wieder ab. Besonders der massive Anstieg der Preise für Rohöl und Raffinerieprodukte belastet speziell die energieimportierenden Länder in Süd- und Südostasien, während sich Rohstoffproduzenten wie Brasilien vergleichsweise gut behaupteten. Im April zeigten sich die Schwellenländer-Aktienmärkte aber bereits wieder sehr stark und stellten ihren Performancevorsprung vor den entwickelten Märkten wieder her.
Finanzmärkte bislang sehr widerstandsfähig
Insgesamt betrachtet, haben sich aber sowohl die Aktien- als auch die Anleihemärkte in den Industrienationen und in den Schwellenländern bislang erstaunlich widerstandsfähig gezeigt. Angesichts des größten Energieschocks seit den 1970ern und einer bereits seit rund sechs Wochen anhaltenden Blockade der Handelsströme durch die Straße von Hormus hätte man weitaus stärkere Kursverluste erwarten können.
Dass diese bislang ausgeblieben sind, liegt an mehreren Faktoren:
- Zum einen profitieren etliche Schwellenländer als Energieexporteure von den höheren Ölpreisen.
- Zum anderen gibt es zumindest bislang noch erhebliche Reserven zum Abfedern der aktuellen Lieferengpässe.
- Vor Beginn des Iran-Krieges war zudem ein Überangebot am Ölmarkt zu verzeichnen.
- Unternehmen, die im Bereich Halbleiter und/oder künstliche Intelligenz tätig sind, profitieren unterdessen von massiven Umsatz- und Gewinnsteigerungen und werden als (noch) relativ wenig betroffen von den Entwicklungen in der Golfregion angesehen. Diese Unternehmen sind inzwischen oft Börsenschwergewichte in etlichen Schwellenländerindizes (z. B. Korea, Taiwan).
- Die meisten Schwellenländer sind zudem weniger als früher vom US-Dollar abhängig. Die Erwartung, dass die USA ihre Zinspolitik früher oder später lockern werden – trotz oder sogar wegen des Iran-Kriegs – führt zudem dazu, dass viele Investor:innen bereits jetzt auf eine Erholung der Emerging Markets als Folge sinkender US-Zinsen und eines schwächeren Dollars setzen.
Realwirtschaft und Aktienmärkte auf Kollisionskurs?
Ein zunehmendes Spannungsverhältnis baut sich allerdings zwischen den Kursentwicklungen auf den Finanzmärkten und den realwirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges auf. Noch können letztere weitgehend abgewendet oder abgemildert werden. Doch je länger die Straße von Hormus blockiert bleibt (und potenziell auch die Handelsroute durch das Rote Meer), umso weiter wird sich die Schere zwischen Marktentwicklung und Realwirtschaft öffnen.
Die meisten Analyst:innen erwarten, dass im Falle einer weiterhin weitgehend geschlossenen Straße von Hormus in den kommenden drei bis sieben Wochen unumkehrbare negative Folgen für die Weltwirtschaft entstehen werden. Aktuell scheint der Marktkonsens aber noch zu sein, dass weder die USA noch China und Russland (als Unterstützer des Irans) an einer solchen Entwicklung interessiert sind und daher noch rechtzeitig eine wie auch immer geartete Beilegung des Iran-Krieges erfolgt. Nicht wenige gehen auch davon aus, dass Trump bei zu starken Marktrückgängen in den USA deeskalieren wird. Ob sich diese Erwartungen tatsächlich erfüllen, bleibt jedoch abzuwarten und es gibt durchaus auch gute Argumente für eine skeptischere Sichtweise.
Emerging Markets: Wirtschaftsdaten zeigen Iran-Krieg-Spuren
Die harten Wirtschaftsdaten widerspiegeln bereits erste Auswirkungen des Iran-Krieges:
- In China konnte im ersten Quartal zwar ein BIP-Wachstum von 5,0 % erzielt werden. Doch im März gab es einen kräftigen Einbruch der Handelsüberschüsse, da die Importe (vor allem aufgrund höherer Energiepreise) um fast 30 % nach oben schnellten und gleichzeitig das Exportwachstum durch die globale Unsicherheit massiv an Dynamik verlor. China selbst scheint vorerst zwar noch recht gut geschützt zu sein, dank hoher Ölreserven und des rasanten Ausbaus von erneuerbaren Energien und Atomkraftwerken. Doch wenn es Chinas Exportmärkten dauerhaft schlecht geht, wird das nur begrenzt helfen.
- Indien als starker Nettoimporteur von Energieträgern steht hingegen bereits unter massivem realwirtschaftlichem Druck, was sich unter anderem in einer Abwärtsrevision der Wachstumserwartungen durch internationale Ratingagenturen zeigt. Eine schwächelnde Rupie und Kapitalabflüsse signalisieren, dass die Märkte Indiens extreme Abhängigkeit von Ölimporten einzupreisen beginnen. Trotz starker Unternehmensgewinne ist der indische Aktienmarkt mit einem Minus von knapp 8 % seit Jahresbeginn einer der schwächeren großen Märkte weltweit. Im scharfen Kontrast dazu steht Koreas Aktienindex mit einem phänomenalen Wertzuwachs von über 50 % seit Jahresbeginn und das, obwohl auch Korea sehr stark vom Öl aus der Golfregion abhängt. Doch gewaltige Kursanstiege bei südkoreanischen Chipherstellern, die den Aktienindex dominieren, haben diesen trotzdem förmlich explodieren lassen.
- Ein anderes volkswirtschaftliches Bild zeigt sich hingegen in Brasilien, das von der Rohstoffrallye profitiert. Hier wurden die Prognosen für die Handelsbilanzüberschüsse deutlich nach oben korrigiert. Brasiliens Aktienmarkt hat sich mit über 20 % Wertzuwachs seit Jahresbeginn ebenfalls exzellent entwickelt. Hier werfen die im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen zusätzlich auch bereits sichtbare innenpolitische Schatten voraus.
- In Zentral- und Osteuropa droht derweil eine neue Inflationswelle, die auch die gerade erst einsetzende industrielle Erholung gefährdet. Auch hier gilt, dass eine schnelle Beendigung des Iran-Krieges echte Krisenszenarien noch verhindern kann, doch die Zeit dafür wird zusehends knapp.
Hartwährungsanleihen mit Kursrückgängen
Hartwährungsanleihen der Schwellenländer gerieten in den letzten Wochen zunächst unter Druck. Die Eskalation im Nahen Osten führte zu steigenden Risikoaufschlägen (Spreads) gegenüber US-Staatsanleihen. Aufgrund der zunehmenden Inflationsrisiken in den USA und eines potenziell deutlich höheren Finanzierungsbedarfs der US-Regierung, litten Hartwährungsanleihen der Schwellenländer zusätzlich auch unter steigenden US-Zinsen. Mit dem vorläufigen Einstellen der Kampfhandlungen gingen die Risikoaufschläge aber bereits wieder deutlich zurück.
Lokalwährungsanleihen zeigten sich recht widerstandsfähig, sofern sie aus rohstoffexportierenden Nationen stammten. In Ländern wie Brasilien oder Mexiko sorgten die hohen Realzinsen und die durch den Ölpreis gestützten Währungen für stabile Erträge.
Aussichten für Schwellenländer-Anleihen
Für den weiteren Verlauf hängen die Aussichten maßgeblich von der Dauer der Hormus-Blockade ab. Solange die Energiepreise auf den aktuellen Niveaus verharren oder weiter steigen, bleiben Lokalwährungsanleihen von Netto-Energieexporteuren das attraktivere Segment. Der Euro leidet strukturell stärker unter dem Energieschock als viele Schwellenländerwährungen der "Gewinner-Regionen", was Euro-Anleger:innen durch Währungsgewinne zusätzliche Diversifikationsvorteile bieten kann.
Insgesamt scheinen Lokalwährungsanleihen (und die zugehörigen Währungen) aktuell oft attraktiv bewertet zu sein, wobei eine gute Auswahl unerlässlich bleibt. Bei Hartwährungsanleihen erscheint das Risiko-Ertragsprofil aktuell hingegen als weniger günstig.