DPAM Kommentar von Bernard Lalière vom 24.02.2026
In der Finanzwelt klingt es oft nach Medizin: Man fühlt den Puls des Marktes, beurteilt die finanzielle Gesundheit, diagnostiziert übermäßigen Stress. Wenn es um Hochzinsanleihen geht, sind die Parallelen besonders auffallend. Disziplin und kontinuierliche Überwachung belohnen Praktiker, die mittels fundierter Analysen und Erfahrung behandeln.
„Top Down“-Hintergrundprüfung
Bevor sich ein Arzt auf den Patienten konzentriert, betrachtet er dessen Hintergrund: Alter, Umfeld, externe Risikofaktoren. Ein High-Yield-Manager beginnt mit dem gesamtwirtschaftlichen Umfeld: Geschäftsklima, Inflationserwartungen, Liquiditätsbedingungen, Ausfalltrends und das Volumen der Bankkredite liefern wichtige Informationen.
Sorgfalt und Bescheidenheit sind gefordert. Sorgfältig müssen Marktindikatoren beobachtet werden, die in der Vergangenheit Wendepunkte im Kreditzyklus signalisiert haben. Gleichzeitig können Märkte ebenso wie Patienten auf nichtlineare Weise reagieren. Politische Schocks, geopolitische Entwicklungen oder plötzliche Liquiditätsengpässe können den Verlauf schnell verändern. Ein diszipliniertes Rahmenwerk hilft erfahrenen Fachleuten, abrupte Veränderungen zu bewältigen und Fehler zu vermeiden.
„Bottom Up“-Diagnose
So wie ein Arzt sich mit der Krankengeschichte, den Gewohnheiten und Symptomen des Patienten beschäftigt, wird bei Hochzinsanleihen das Geschäftsmodell analysiert. Warum greift das Unternehmen auf die Kapitalmärkte zurück? Ist die Verschuldung strukturell oder vorübergehend? Finanziert der Emittent Wachstum, refinanziert er Fälligkeiten oder gleicht er operative Belastungen aus?
Herzgeräusche und Blutdruckwerte bestätigen, verfeinern oder widersprechen der ursprünglichen Hypothese. Ein Anleger muss Jahresabschlüsse analysieren, um seine Schlussfolgerungen zum Geschäftsmodell zu prüfen. Verschuldungsgrade, Zinsdeckung, Fälligkeitsprofile von Schulden und Covenant-Strukturen werden unter die Lupe genommen. Neben Kennzahlen muss der freie Cashflow aus der Gewinn- und Verlustrechnung abgeleitet und untersucht werden, das Lebenselixier jedes Emittenten. Er spiegelt die Fähigkeit wider, Investitionen zu finanzieren, Schulden zu bedienen und Kapital an die Aktionäre zurückzuzahlen. Ein anhaltend positiver freier Cashflow unterstützt den Schuldenabbau und stärkt die Widerstandsfähigkeit über Konjunkturzyklen hinweg. Ein negativer freier Cashflow wirft Bedenken auf, sofern er nicht mit wertsteigernden Investitionen zusammenhängt.
Die Bilanzanalyse verfeinert die Diagnose weiter. Wie schneidet der Emittent in Bezug auf die Qualität der Vermögenswerte, die Liquiditätspuffer und die Kapitalstruktur ab? Werden die Risiken angemessen kompensiert oder vom Markt falsch bewertet? Bei Hochzinsanlagen geht es schließlich darum, die angemessene Vergütung für das eingegangene Risiko zu quantifizieren.
Portfoliokonstruktion als Therapieplan
Dem individuellen Therapieplan in der Medizin entspricht bei Hochzinsanleihen die Portfoliokonstruktion. Der Fondsmanager muss Anleihen auswählen, die attraktive Renditen bieten und das Verlustrisiko unter Kontrolle halten. Der Referenzindex dient als Bezugspunkt, auch wenn seine Zusammensetzung lediglich das Volumen der am Markt begebenen Schuldtitel widerspiegelt. Für ein Investment ist eine hohe Gewichtung im Referenzindex kein ausreichender Grund. Die Beständigkeit, Sichtbarkeit und Höhe des freien Cashflows sind entscheidend.
Ein zweites Schlüsselelement ist die ausreichende Diversifizierung über verschiedene Emittenten hinweg. Im vergangenen Jahr verkauften viele Anleger nach dem Zoll-Schock im April alle Unternehmen, die direkt von den US-Handelsbarrieren betroffen waren, auch aus der Automobil- und Chemieindustrie. Das war im Chemiesektor vorteilhaft, der in erster Linie unter den Billigimporten aus China litt. Bei Automobilzulieferern wirkte sich ein solcher Schritt aber nachteilig auf die Performance aus, da viele dieser Unternehmen ihre lokale Produktion verstärkten und Teile der zollbedingten Kostensteigerungen an die Endverbraucher weitergaben. Das bedeutet: Diversifizierung, sorgfältige Auswahl und ein tiefes Verständnis der Branchendynamik sind für diszipliniertes Investieren unerlässlich.
Schließlich muss jede Position genau kalibriert und überwacht werden, um sicherzustellen, dass die Entwicklung mit dem ursprünglichen Anlagefall übereinstimmt.
„Patient“ High Yield – anspruchsvoll, aber dankbar
Hochverzinsliche Anleihen sind anspruchsvolle Patienten. Sie erfordern regelmäßige Überwachung, fundierte Interventionen und die Bereitschaft, Annahmen neu zu bewerten. Sie bieten ein attraktives risikobereinigtes Renditeprofil, Diversifizierungsvorteile und Zugang zu Unternehmen in entscheidenden Entwicklungsphasen.
In der Medizin verbessern sich die Ergebnisse, wenn die Diagnose gründlich, die Behandlung sorgfältig und die Nachsorge konsequent erfolgt. Bei Hochzinsanlagen kann dasselbe Vorgehen zu gesunden, langfristigen Ergebnissen führen.