Flossbach von Storch Studie vom 05.08.2026
von Tom Bugdalle & Gunther Schnabl
1. Ein scheinbarer Widerspruch
Steil steigende Aktienkurse und Rekordinvestitionen der großen Technologiekonzerne im Bereich der Künstlichen Intelligenz schaffen Sorgen, dass viele ihren Job verlieren.
Künstliche Intelligenz (KI) kann einerseits menschliche Arbeit ersetzen, weil sie produktiver und weniger fehleranfällig als der Mensch ist. Andererseits eröffnet sie neue Geschäftsfelder und schafft damit neue Beschäftigungsmöglichkeiten.
Welche Wirkung wird KI langfristig auf den Arbeitsmarkt haben? Droht eine Welle technologischer Arbeitslosigkeit mit sinkendem Wohlstand? Oder ermöglicht der Produktivitätsschub künftig höhere Einkommen, kürzere Arbeitszeiten und mehr Wohlstand?
2. Was die Geschichte über Arbeitslosigkeit lehrt
Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Arbeitslosigkeit unterschiedliche Ursachen haben kann. Die Industrialisierung verdrängte durch Mechanisierung zahlreiche traditionelle Berufe. Karl Marx sah in technologischer Arbeitslosigkeit den Beginn einer dauerhaften Verelendung der Arbeiterschaft. Tatsächlich entstanden jedoch mit steigender Produktivität neue Industrien und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre hatte eine andere Ursache. Der kreditfinanzierte Investitions- und Aktienboom der „Goldenen Zwanziger“, den die US-Zentralbank Fed mit zu niedrigen Zinsen ausgelöst hatte, endete nach dem Platzen der Spekulationsblase in einer tiefen Rezession und Massenarbeitslosigkeit – ein Beispiel für durch geldpolitische Fehler verursachte „österreichische“ Arbeitslosigkeit.
In den 1970er Jahren führte eine zu expansive Geld- und Finanzpolitik trotz hoher Staatsausgaben zu steigender Arbeitslosigkeit und schwachem Wachstum. Die wirtschaftlichen Folgen wurden zwar durch den Ausbau des Sozialstaats abgefedert, das zugrunde liegende Produktivitätsproblem blieb jedoch bestehen („keynesianische“ Arbeitslosigkeit).
3. Geldwertstabilität als Grundlage für Beschäftigung
Ob technischer Fortschritt Arbeitsplätze nur vernichtet oder auch neue schafft, hängt damit entscheidend vom makroökonomischen Umfeld ab. Eine stabile Währung und verlässliche Preise schaffen Planungssicherheit für Innovationen und Investitionen.
Historisch führten Produktivitätsfortschritte langfristig zu steigenden Reallöhnen, sinkenden Preisen und kürzeren Arbeitszeiten. Gleichzeitig entstanden neue Branchen und zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten.
Geldwertstabilität ist deshalb eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Produktivitätsgewinne in höheren Wohlstand münden – und nicht in dauerhafter Arbeitslosigkeit oder nur einer „Inflation der Tech-Milliardäre“.
4. Die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz
Das Potenzial von KI zur Steigerung der Produktivität ist erheblich. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Erwartungen der Finanzmärkte überzogen sind. Sollte sich die aktuelle Investitionseuphorie als Blase erweisen, könnte deren Platzen vorübergehend zu einer Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit führen.
Langfristig dürfte KI entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue Beschäftigung schaffen – von der Halbleiterproduktion über Rechenzentren bis hin zu Softwareentwicklung, Beratung und neuen digitalen Dienstleistungen. Unter Druck geraten dagegen standardisierte, informationsbasierte Tätigkeiten, etwa in Verwaltung, Kundenservice, Finanzwesen, Recht oder Medien.
Ob unter dem Strich mehr Arbeitsplätze entstehen oder verloren gehen, hängt davon ab, ob die Produktivitätsgewinne breit in der Wirtschaft ankommen. Werden sie für private Investitionen genutzt, die Unternehmen effizienter machen, entstehen neue Wachstumsfelder. Werden die Folgen technologischer Arbeitslosigkeit hingegen überwiegend mit Unterstützung der Zentralbanken durch staatlich finanzierte Beschäftigung aufgefangen, bleiben Wachstum und Wohlstand hinter ihren Möglichkeiten zurück.
5. Wirtschaftspolitische Empfehlung
Langfristig bietet Künstliche Intelligenz die Chance auf mehr Wohlstand durch höhere Produktivität, steigende Reallöhne und kürzere Arbeitszeiten. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, braucht es jedoch stabile wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Eine disziplinierte Geld- und Finanzpolitik kann Fehlinvestitionen begrenzen und Unternehmen dazu anreizen, in produktivitätssteigernde Innovationen, statt in spekulative Projekte zu investieren.
Für die Verbreitung der neuen Technologie wird die Kreditvergabe kleiner und mittelgroßer Banken eine entscheidende Rolle spielen. Länder, die Innovationen durch stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen, funktionierende Kapitalmärkte und einen leistungsfähigen Bankensektor fördern, dürften die möglichen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsgewinne der KI schneller realisieren.
Dafür braucht es eine stabilitätsorientierte Geldpolitik. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Vereinigten Staaten – insbesondere mit einer auf Preisstabilität, Bilanzverkürzung der Federal Reserve und einer Deregulierung der Banken ausgerichteten Politik – derzeit einem positiven KI-Szenario näher als die Europäische Union.