Ethenea Marktkommentar vom 03.09.2026
- Die Weltwirtschaft bleibt widerstandsfähig, doch der Nahostkonflikt und wachsende fiskalische Risiken bremsen zunehmend die Dynamik
- Der Preisdruck bleibt hartnäckig, volatile Energiepreise und unveränderte Dienstleistungspreise erschweren die Rückkehr zur Zielinflation
- Die öffentliche Verschuldung gerät durch höhere Realzinsen erneut in den Fokus
- Die EZB tendiert aus den falschen Gründen zu weiteren Zinsanhebungen und die Fed verfängt sich zwischen schwächelndem Arbeitsmarkt und hartnäckiger Inflation
Die Weltwirtschaft präsentiert sich zur Jahresmitte in einem robusteren Zustand, als es die Schlagzeilen und schwächeren Einzeldaten vermuten lassen. In den großen Wirtschaftsblöcken verengt sich gleichzeitig die geldpolitische Kluft zwischen solidem Wachstum und einer unerwartet hartnäckigen Inflation.
Auf der Wachstumsseite zeigt das US-BIP-Wachstum von lediglich 1,5 Prozent im zweiten Quartal nicht die tatsächliche konjunkturelle Dynamik. Negative Effekte aus dem Außenhandel, schwankende Lagerbestände und rückläufige Staatsausgaben übertünchen hier eine weiterhin robuste Nachfrage der privaten Haushalte sowie deutlich zulegende Unternehmensinvestitionen. Parallel dazu überraschte die Eurozone mit einem Wachstum von 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die jüngsten Frühindikatoren zeichnen zudem ein optimistischeres Bild: Die August-Umfragen signalisieren in den USA die stärkste Wirtschaftsdynamik seit über vier Jahren, das europäische verarbeitende Gewerbe bestätigt seine Widerstandsfähigkeit und selbst in China stieg der Einkaufsmanagerindex wieder an.
Der eigentliche Bruchpunkt dieser Entwicklung liegt jedoch in der Inflation, die die bisherige Disinflationserzählung ins Wanken bringt. Statt weiter zu fallen, zieht die Teuerung wieder an. In den USA notiert die Inflation im Juli bei 3,4 Prozent (Kernrate 2,5 Prozent). In der Eurozone stieg die Teuerungsrate nach 2,9 Prozent im Juli auf 3,3 Prozent – den höchsten Stand seit September 2023. Hauptauslöser ist der eskalierte Nahost-Konflikt, der die Öl- und Gaspreise weiter nach oben treibt.
Obwohl die FOMC die Zinsen im Juli noch unverändert ließ, signalisierte Fed-Chair Kevin Warsh in Jackson Hole eine mögliche Straffung. Die Märkte erwarten nun mehrheitlich eine Zinserhöhung am 16. September. Parallel dazu plant die EZB nach dem Inflationssprung im August fast sicher eine Zinsanhebung am 10. September. Beide Notenbanken verschärfen damit ihren Kurs im selben Monat.
Diese geldpolitische Straffung ist aus unserer Sicht jedoch kritisch zu sehen: Die Fed-Zinserhöhung würde deutlich verfrüht kommen und der Zinsschritt der EZB ist ein klarer Fehler.
Zentrale Schlussfolgerungen:
Wir sehen global derzeit eine ungewöhnliche Gemengelage: Die beiden größten Industrieräume wachsen robust und auf breiter Basis. Aber sie fangen sich durch geopolitische Krisen und daraus resultierend teurer werdender Energie zusätzlichen Inflationsdruck ein. Die Konsequenz: Fed und EZB dürften im September im Gleichschritt an der Zinsschraube drehen. China schert derweil aus und stützt seine Konjunktur mangels Binnennachfrage fast nur noch über den Außenhandel. Für die Märkte bedeutet das erhöhte Volatilität. Das Zusammentreffen aus frischen Zinserhöhungen, ausufernden Staatsdefiziten und geopolitischer Unsicherheit wird in den kommenden Wochen der dominierende Treiber für Rentenmärkte und Risikoprämien sein. Die eigentlich soliden Wachstumsdaten rücken vorerst in den Hintergrund.
Assetklassen im Überblick
Anleihen/Renditen
Die Botschaft des Anleihenmarktes im August war zweigestalt. Einerseits beruhigten sich die Kreditaufschläge nach der Volatilität des Vormonats. Sowohl Investment Grade als auch High Yield-Anleihen auf beiden Seiten des Atlantiks handelten direkt wieder mit historisch niedrigen Aufschlägen zu risikolosen Staatsanleihen. Andererseits war es exakt der Preis dieser quasi risikofreien Anlagen, der in den Fokus der Anleger rückte. Die Nominalrenditen für langlaufende Staatsanleihen in den USA, Deutschland aber auch Japan stiegen auf Mehrjahres- bzw. sogar Dekadenhöchststände. Angesichts unvermindert steigender Staatsschulden fordert der Anleihenmarkt über kontinuierlich steigende Realzinsen eine höhere Risikoprämie. Der Versuch des US-Finanzministeriums verpuffte relativ schnell, als sie über Rückkäufe versuchten, am langen Ende steuernd einzugreifen.
Im Kontext der eigentlich zu hohen Zinsen für die Zinslast des US-Haushalts war es nicht hilfreich, dass der neue Fed Chair auf seiner Rede in Jackson Hole eher hawkish klang und weiterhin keine Forward Guidance geben wird. Die Wahrscheinlichkeit einer US-Zinsanhebung im September ist nun höher als ein Münzwurf. Die Zinserhöhung der EZB wird mittlerweile als sicher angenommen. Nach vorne blickend wird es entscheidend sein, wie die Fed und das US-Finanzministerium gerade wegen ihres inherenten Zielkonflikts eine kongruente Politik kommuniziert und umsetzt.
Ausblick: Das Warten auf den Zinsgipfel hält an. Wie die Maßnahmen des US-Finanzministeriums zeigen, ist die Notwendigkeit dessen auch bei der US-Administration angekommen. Wir sind uns sicher, dass dies in den nächsten Monaten global eintreten wird. Deshalb setzen wir weiterhin auf lange Laufzeiten, um zusätzlich zu den attraktiven Kupons von zukünftigen Kursgewinnen zu profitieren. Auf der Spreadseite gilt es angesichts der historisch tiefen Kreditaufschläge konservativ zu bleiben und vorrangig in hohe Qualität zu investieren. Den Performancekicker im Anleihenportfolio sehen wir über fallende Zinsen.
Aktien
Die abgelaufene Berichtssaison überzeugte auf ganzer Breite. Der noch im Juli erlebte Abverkauf von KI- und Halbleiterwerten wurde nicht nur gestoppt, sondern auch zu einem guten Teil revidiert. Die Zweifel an der Finanzierbarkeit und Rentabilität des KI-Booms wurden durch die Ausblicke der entsprechenden Unternehmen vorerst entkräftet. Im Resultat zeigen die führenden Aktienindizes tiefere Bewertungsmultiplikatoren trotz deutlich höherer Kursniveaus als noch zu Jahresbeginn. Neben dem weiterhin unterstützenden Makro-Umfeld ist das auch für die nächsten Quartale prognostizierte starke Gewinnwachstum unser Hauptargument für eine strategische Übergewichtung der Assetklasse Aktien innerhalb unserer Assetallokation.
Ausblick: Trotz des normalerweise saisonal schwierigen Monats September haben wir nun auch die taktische Einordnung von Aktien auf „Übergewichten“ angehoben. Auch wenn die heiße Phase des US-Wahlkampfs bevorsteht und beim Nahost-Konflikt kein Ende absehbar ist, sind aus unserer Sicht die fundamentalen Aussichten für die nächsten Quartale einfach zu stark. Nach wie vor bevorzugen wir US-amerikanische Titel.
Währungen
Erneut gab der US-Dollar im Monatsverlauf gegenüber dem Euro leicht nach. Obwohl nach der Jackson Hole Rede von Fed-Chair Warsh die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung gestiegen ist, überwiegen aktuell die negativen Faktoren. Neu hinzugekommen ist der vom US-Finanzministerium angekündigte Rückkauf von langlaufenden Staatsanleihen in vorerst begrenztem Umfang. Die Angst vor Zinskurvensteuerung nach japanischem Vorbild wirkt hier negativ. Von einem klaren Trend kann immer noch nicht gesprochen werden.
Ausblick: Sollte das US-Finanzministerium seine Interventionen am Devisenmarkt und am langen Ende der Zinskurve fortsetzen oder gar ausweiten, würde dies unsere Erwartung eines strukturell schwächeren US-Dollars nicht nur untermauern, sondern den Trend spürbar beschleunigen. Unser Kernargument für diese Abwertungsperspektive bleibt das sich absehbar verengende Zinsdifferenzial zwischen den USA und dem Euroraum. Flankiert wird diese Einschätzung durch die Dollar-Smile-Theorie, wonach ein moderates globales Wachstumsumfeld erfahrungsgemäß gegen die US-Währung arbeitet. Da wir somit unverändert von einer anhaltenden Dollarschwäche ausgehen, haben wir die entsprechenden Währungsrisiken in unseren Portfolios bereits weitestgehend abgesichert.