Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 04.09.2026
Die Anleiherenditen sind in den letzten Wochen merklich gestiegen. Doch die Botschaft dahinter ist alles andere als klar: Sind es Sorgen um die Schuldentragfähigkeit der großen Industrieländer, zaudernde Zentralbanken oder ist es schlicht ein zyklischer Aufschwung, der die Renditen nach oben zieht? Es dürfte kaum eine abschließende Antwort geben, dafür sind unterschiedliche Treiber erkennbar. Genau das macht die Anleihemärkte und Renditen zum Rätsel dieses Spätsommers.
Mehrjahreshochs auf breiter Front Die steigenden Renditen der (Staats-)Anleihen sind ein globales Phänomen, und gerade bei längeren Laufzeiten sind einige bemerkenswerte Marken gerissen worden. So kletterte die Rendite 30-jähriger US-Treasuries (US-Staatsanleihen) im August über 5,3 % – ihr höchstes Niveau seit 2007. Die Renditen 10-jähriger japanischer Staatsanleihen sind auf das höchste Niveau seit 1996 gestiegen. Bei deutschen Bundesanleihen kletterte die 10-jährige Rendite auf ihren höchsten Stand seit 2011, bei der 30-jährigen war es sogar der höchste Stand seit 15 Jahren.
In den USA wurde noch ein anderer Rekord erreicht: Die Staatsverschuldung überschritt erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar, während das Haushaltsdefizit für das laufende Fiskaljahr inzwischen auf gut 2 Billionen Dollar taxiert wird – deutlich mehr als noch vor wenigen Monaten erwartet. Gleichzeitig konkurriert der Staat zunehmend mit der Privatwirtschaft um Kapital: Investment-Grade-Unternehmen haben in diesem Jahr bereits rund 1,5 Billionen Dollar an Anleihen begeben, ein Plus von etwa einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. Angeführt wird diese Emissionswelle von den großen Tech-Konzernen, die allein rund 220 Milliarden Dollar zur Finanzierung ihrer KI-Investitionen aufgenommen haben. US-Finanzminister Bessent reagierte auf den Aufwärtsdruck der Renditen am langen Ende der Zinskurve mit der Ankündigung verstärkter Rückkaufoperationen für langlaufende Anleihen. Dies stellt eine mindestens ungewöhnliche Intervention in den liquidesten Anleihemarkt der Welt dar. Die Erfolgswahrscheinlichkeit solcher Eingriffe stiege vor allem dann, wenn das Finanzministerium sie mit Maßnahmen zur Eindämmung des Defizits flankierte.
Kevin Warsh bekennt Farbe
In dieses Spannungsfeld platzte die mit Spannung erwartete erste große Grundsatzrede vom Vorsitzenden der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) Kevin Warsh bei der alljährlichen Notenbanker-Konferenz in Jackson Hole. Er nahm der Sorge um die geldpolitische Glaubwürdigkeit etwas Wind aus den Segeln, indem er sich klar zum 2%-Inflationsziel bekannte und betonte, dass die Fed „noch Arbeit zu erledigen“ habe, sollte sich die Inflation nicht überzeugend und zügig auf dieses Ziel hinbewegen. Die Marktreaktion war eindeutig: Die in den Geldmärkten eingepreiste Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September sprang von ca. 30 % auf über 50 %, kurzlaufende Renditen zogen entsprechend deutlich an. Damit bleiben bis Jahresende zwei Zinsschritte wahrscheinlich. Nur ein merkliches Abflauen der Inflation im August scheint eine Zinserhöhung im September noch stoppen zu können.
Ein weiterer Treiber steigender Renditen
Im Kontrast zur Unruhe auf den globalen Anleihemärkten dürfte ein merklicher Anteil des Renditeanstiegs in der Eurozone auf überraschend widerstandsfähiges Wachstum zurückzuführen sein. So wuchs die Eurozone im zweiten Quartal mit 0,4 % gegenüber dem Vorquartal so stark wie seit Anfang 2025 nicht mehr, getragen von robusten Investitionen und Staatsausgaben. Spanien liegt weiter an der Spitze (+2,7 % im Jahresvergleich), gefolgt von den Niederlanden, Italien, Deutschland und Frankreich. Die größte Volkswirtschaft Deutschland legte um 0,3 % zu, stärker als zunächst erwartet. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im August auf 88,8 Punkte, mit einer Stimmungsverbesserung in allen wichtigen Sektoren. Die Exporte zogen zuletzt wieder an, und die milliardenschwere Fiskalwende aus Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben beginnt sich allmählich und ein wenig wie „auf leisen Sohlen“ in der Realwirtschaft niederzuschlagen. Die Aktienmärkte bestätigen dieses Bild: DAX und EURO STOXX 50 markierten im August trotz saisonal schwacher Vorzeichen mehrfach neue Rekordhochs.
Was heißt das alles für die Lösung des Renditerätsels?
Fest steht, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen, und diese je nach Region und Laufzeit unterschiedlich stark wirken. Ein Argument, auch auf den Anleihemärkten genau hinzuschauen und Risiken aktiv zu steuern. Eine wichtige Rolle dürfte der weiter ungelöste Iran-Konflikt spielen. Je höher und länger andauernd die Preissteigerungen bei Energie, Grundstoffen und Nahrungsmitteln ausfallen, je mehr Anlass wird es für Zinserhöhungen und damit Renditeanstiege in der Folge geben.
Vor dem Hintergrund des beschriebenen Renditerätsels empfiehlt sich folgende taktische Positionierung für Portfolios:
- Die Grundtendenz außergewöhnlich robuster Gewinne und widerstandsfähiger Konjunktur spricht weiterhin für eine breite, regional und sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien. Vor allem amerikanische Aktien zeigen eine erhöhte Bewertung. Längerfristig höhere Anleiherenditen könnten ein Gegenwind für die Bewertungsniveaus darstellen.
- Höhere Renditen könnten auch eine bremsende Wirkung auf spekulative Investitionsvorhaben ausüben. Dazu könnten auch Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) gehören. Derzeit ist jedoch davon auszugehen, dass sich KI weiter in der sogenannten Installationsphase befindet, mit weiter hoher Dynamik bei Nutzung und Investitionen in den nächsten Monaten. Nach zwischenzeitlichen Abkühlphasen bei KI-Aktien erscheinen diese wieder attraktiver. Sie vereinen weiter hohe Chancen aber auch eine höhere Schwankungsanfälligkeit im Vergleich mit gängigen Aktienindizes.
- Bei Staatsanleihen hat sich das Bild nach Jackson Hole geschärft: Die Wahrscheinlichkeit für zwei Fed-Zinsschritte bis Jahresende (September und Dezember) ist deutlich gestiegen, was vor allem am kurzen Ende der US-Kurve noch etwas Gegenwind bedeuten dürfte. Am langen Ende dürfte die Wahrnehmung der Glaubwürdigkeit der Fed als treibender Faktor herausstellen, ebenso wie die Frage ob der US-Kongress sich auf Maßnahmen zur Eindämmung des Defizits einigen kann. Dies erscheint vor den November-Wahlen unwahrscheinlich. Auch die Rückkaufoperationen des Finanzministeriums dürften nur eine untergeordnete Rolle spielen.
- Im Euroraum rückt parallel eine EZB-Zinserhöhung im September in greifbare Nähe, eine weitere könnte noch im Jahre 2026 folgen. Mit fallenden Renditen bei Bundesanleihen ist daher nur dann zu rechnen, falls sich eine Lösung des Iran-Konflikts und eine nachhaltige Erholung von Energie- und Rohstofflieferungen aus der Golf-Region abzeichnet.
- Unternehmensanleihen bieten weiterhin wenig Risikoprämie: Die Risikozuschläge („Spreads“) gegenüber Staatsanleihen bewegen sich trotz hoher Emissionstätigkeit vor allem von US-Unternehmen (Stichwort KI-Ausbau) auf niedrigem Niveau. Das spiegelt noch immer solide Unternehmensbilanzen wider, lässt aber kaum Puffer für Enttäuschungen. Selektive Titelauswahl bleibt entscheidend.
- Der US-Dollar dürfte von der nun konkreteren Zinserhöhungsperspektive der Fed kurzfristig gestützt werden, bleibt aber strukturell durch hohe Defizite und die Debatte um die Schuldentragfähigkeit belastet. Auch unkoordinierte Eingriffe des US-Finanzministeriums in die Finanzmärkte dürften als wenig hilfreich für den US-Dollar wahrgenommen werden.
- Der Ölpreis bleibt weiter ein Spielball geopolitischer Entwicklungen, vor allem jener rund um den Iran-Konflikt. Öl- und Gaspreise haben derzeit einen hohen Einfluss auf Anleiherenditen und tragen so mit zum derzeit zum beschriebenen Renditerätsel bei.
- Gold erscheint strukturell gut unterstützt durch anhaltend hohe Zentralbanknachfrage und die Debatte um die US-Schuldentragfähigkeit. Nach der falkenhaften Tonlage von Fed-Chef Warsh ist kurzfristig aber mit einer Verschnaufpause zu rechnen. Zudem erhöhen steigende Realrenditen die Opportunitätskosten für das zinslose Edelmetall.
Genug Klarheit im Renditerätsel wünscht Ihnen
Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist Global Economics & Strategy