Raiffeisen Capital Management Emerging Markets vom 22.09.2026
In den vergangenen Monaten haben sich die Schwellenländer-Aktien besser entwickelt als viele etablierte Aktienmärkte – unterstützt durch einen etwas schwächeren US-Dollar. Auch die Gewinnerwartungen haben sich verbessert.
Namhafte Analysten sehen für den globalen Schwellenländer-Aktienindex (MSCI Emerging Markets Index) beispielsweise ein Gewinnwachstum von rund 34 % auf Sicht der nächsten zwölf Monate. Besonders der Technologiesektor spielt dabei eine wichtige Rolle, aber auch andere Branchen und Regionen tragen zur positiven Entwicklung bei.
Ein genauerer Blick zeigt jedoch ein zweigeteiltes Bild:
- Wenige asiatische Halbleiterwerte wie TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation), Samsung Electronics und SK Hynix haben einen erheblichen Anteil an der starken Indexentwicklung.
- Während der künstliche Intelligenz (KI)-Boom einzelne Märkte und Aktien auf neue Höchststände geführt hat, entwickeln sich viele andere Länder und Sektoren deutlich verhaltener.
Nicht alle Schwellenländer (Emerging Markets) profitieren also gleichermaßen vom KI- und Tech-Boom – ähnlich wie auch bei den entwickelten Aktienmärkten.
Fokus Asien: Das Kraftzentrum der Schwellenländer
Regional nimmt Asien weiterhin eine Schlüsselrolle ein – sowohl beim Wirtschaftswachstum als auch an den Aktienmärkten.
- Taiwan war im August der stärkste Markt in Lokalwährung – gestützt durch den anhaltenden KI-Investitionszyklus.
- Auch Südkorea profitiert von diesem Trend. Nach den starken Kursanstiegen der Vorquartale hat der Markt zuletzt jedoch an Dynamik verloren und von seinen Rekordständen deutlich nachgegeben.
- China zeigt dagegen weiterhin ein gemischtes Bild. Die Erholung im Juli war nur von kurzer Dauer, und die Konjunkturdaten bestätigen die schwache Nachfrage im Inland: Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) wuchs im ersten Halbjahr 2026 zwar um 4,7 %, die Einzelhandelsumsätze legten jedoch nur um 1,3 % zu. Gleichzeitig nimmt die Zahl KI-bezogener Börsengänge an den Festlandbörsen deutlich zu. Das deutet darauf hin, dass sich jenseits der bekannten Internetwerte ein neuer Technologieschwerpunkt entwickelt, der international bislang noch wenig beachtet wird.
Chinas Tech-Boom – zwei Welten der Halbleiterindustrie
Trotz schwacher Binnenkonjunktur baut China ein eigenständiges Halbleiter- und KI-Ökosystem auf. Dazu zählen auch große Rechenzentren und die dafür notwendige Energieinfrastruktur. Dabei geht es längst nicht mehr nur um bekannte Internetplattformen wie Alibaba oder Tencent. Zunehmend wichtig werden auch spezialisierte Anbieter – etwa für Halbleiterausrüstung, Speicherchips und Verbindungstechnik für KI-Rechenzentren. Viele dieser Firmen sind vor allem an den Festlandbörsen in Shanghai und Shenzhen gelistet und daher in internationalen China-Indizes bislang nur begrenzt sichtbar. Wer Schwellenländer-Technologie nur über den Hang Seng Tech Index oder US-gelistete China-Werte betrachtet, blendet daher einen wichtigen Teil dieser Entwicklung aus.
Ein genauerer Blick auf Chinas Festlandmärkte kann daher sinnvoll sein. Für Privatanleger:innen ist der direkte Zugang zu diesen Märkten allerdings eingeschränkt; Investmentfonds in Emerging Markets können diesen Bereich meist besser erschließen.
Warum Chinas KI-Offensive an Fahrt gewinnt
US-Exportbeschränkungen für Hightech-Güter haben den Aufbau eines eigenen chinesischen Technologieökosystems beschleunigt. Solange bewährte ausländische Technologie verfügbar war, blieb der Wechsel zu heimischen Alternativen für viele Unternehmen wenig attraktiv. Inzwischen zählt Versorgungssicherheit stärker. Das beeinflusst sowohl die Entscheidungen vieler Unternehmen als auch die Industriepolitik Chinas.
So entsteht schrittweise eine eigenständige chinesische Technologiekette – mit eigenen Lieferanten, eigener Ausrüstung und wachsender Expertise. Im Speicherbereich verringert China etwa seine Abhängigkeit von Samsung, SK Hynix und Micron, während heimische Speicher-Hersteller ihre Kapazitäten rasch ausbauen.
China-Tech: Rückschläge ändern wenig am Grundtrend
Führende chinesische Halbleiterwerte gerieten im Juli und August deutlich unter Druck. Auslöser waren unter anderem Berichte über mögliche neue US-Beschränkungen für chinesische optische Transceiver. Das sind wichtige Netzwerkkomponenten, die in Rechenzentren elektrische Signale in Lichtsignale umwandeln. Solche geopolitisch geprägten Rückschläge sind bei diesem Thema nicht neu und stellen den strukturellen Trend nicht grundsätzlich infrage.
China muss dabei nicht in allen Bereichen sofort technologisch zu westlichen Marktführern aufschließen. In vielen Anwendungen reichen bereits "ausreichend gute" heimische Produkte, um im großen chinesischen Binnenmarkt relevante Marktanteile zu gewinnen. Gleichzeitig bestehen weiterhin Lücken, etwa bei modernster Lithografie. Unterstützend wirkt hingegen Chinas starke Position bei Energieerzeugung und Stromnetzen – sowohl bei Kapazitäten als auch bei Kosten.
Anleihen: Hohe laufende Erträge, aber gute Auswahl unabdingbar
Schwellenländer-Anleihen in Lokalwährung bleiben interessant, nicht zuletzt wegen ihrer relativ hohen laufenden Zinserträge. Gleichzeitig ist das Umfeld anspruchsvoller geworden. In den USA, Europa und Japan sind die Renditen wichtiger Staatsanleihen deutlich gestiegen. Die US-Notenbank hat ihren Leitzins Mitte September um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 % angehoben. All das macht das Umfeld für Schwellenländer-Anleihen schwieriger, weil Anleger:innen bei höheren US-Renditen genauer abwägen, ob sie zusätzliche Risiken in Schwellenländern eingehen wollen.
Eng damit verbunden bleibt der US-Dollar ein zentraler Faktor. In der Vergangenheit war ein schwächerer Dollar häufig Rückenwind für Schwellenländer-Anlagen, vor allem in Lokalwährung. Künftig muss das nicht automatisch gelten: Wenn Dollarschwäche vor allem mit größerer Unsicherheit an den Märkten einhergeht, kann sie eher Warnsignal als Rückenwind sein. Umso wichtiger wird die Auswahl solider Länder mit stabilen Staatsfinanzen, verlässlicher Geldpolitik und tragfähiger Außenwirtschaft.
Schwellenländer im geopolitischen Wandel: Ölpreis, Hormus und BRICS
- Der Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran bleibt ein starker Belastungsfaktor für viele Schwellenländer. Die anhaltenden Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus und schwindende Hoffnungen auf eine rasche Konfliktlösung haben den Ölpreis deutlich nach oben getrieben; Brent-Rohöl notiert wieder um die 100-Dollar-Marke. Für viele Schwellenländer bedeutet das höheren Inflationsdruck, steigende Importkosten und zusätzlichen Gegenwind für ihre Währungen. Energieexporteure können zwar profitieren, für den breiten Schwellenländerindex überwiegt kurzfristig aber das Risiko eines verteuerten und unsichereren Energieumfelds.
- Parallel dazu gewinnen die BRICS-Staaten politisch weiter an Sichtbarkeit. Ihr Ziel scheint auf absehbare Zeit nicht die Ablösung des US-Dollars durch eine eigene BRICS-Währung zu sein. Vielmehr geht es um den schrittweisen Ausbau des Handels in den jeweils eigenen Währungen und um die Etablierung eigener Zahlungssysteme, die dem Zugriff der USA entzogen sind.
Fazit
Für Anleger:innen ist das vor allem ein langfristiges Signal: Die weltwirtschaftlichen und geopolitischen Gewichte verschieben sich, allerdings eher allmählich. Kurz- und mittelfristig bleiben Ölpreis, US-Dollar, Notenbankpolitik und die wirtschaftliche Stärke einzelner Länder wichtiger für die Märkte.