Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 06.03.2026
Die Kapitalmärkte starteten mit bemerkenswerter Resilienz ins Jahr, doch die Entwicklungen im Februar verdeutlichten die zunehmenden Spannungsfelder unter der Oberfläche: Während europäische und japanische Aktien zeitweilig neue Höhen erreichten, verliefen wichtige Indizes in den USA inzwischen seitwärts bis abwärts. Trotz im Großen und Ganzen robuster Makro-Daten und zäher Inflation fielen die US-Anleiherenditen. Besondere Spannungsfelder tun sich im Technologiesektor auf: Die Ausrüster von Datencentern können sich über sprudelnde Gewinne freuen, gleichzeitig mehren sich im SoftwareSegment die Fragezeichen hinsichtlich der Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle. Hinzu kommen die geopolitischen Spannungsfelder im Nahen Osten, sowie die Folgen des Zollurteils des Obersten Gerichtshofs für die Handelspolitik in den USA und weltweit.
Zeit für eine Einordnung:
Iran: Die US-amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran sowie der Tod des iranischen Oberhaupts bedeuten eine Zuspitzung des politischen Konflikts in der Nahost-Region. Marktteilnehmer müssen sich nun stärker mit Szenarien beschäftigen, die zusätzliche Unsicherheit bedeuten, vor allem mit einer regionalen Ausweitung des Konflikts oder einem Machtwechsel im Iran. Der Ölpreis dürfte sich einmal mehr für Konjunktur, Inflation und Märkte als entscheidender Faktor erweisen. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die für die Verschiffung von Öl und Gas äußerst relevante Meerenge von Hormuz über Wochen unpassierbar ist. Eine längere Blockade scheint derzeit nicht das Basisszenario der meisten Marktteilnehmer zu sein, die Ölpreise sind zwar unmittelbar nach den Angriffen auf den Iran gestiegen, scheinen aber zum Zeitpunkt des Schreibens (Anfang März) noch keine dauerhaften Versorgungsengpässe vorwegzunehmen. Das gilt es zu beobachten. Was in diesem Kontext nicht unterschätzt werden sollte: Die Energieintensität von Volkswirtschaften hat seit Mitte der 1960er Jahre deutlich abgenommen. Sie misst, wie viel Energie je Einheit Bruttoinlandsprodukt eingesetzt werden muss. Die USA z.B. benötigen nur noch 40% der Energiemenge, welche sie in den 1960ern für eine Einheit Output verbraucht haben. Deutschland nur noch knapp ein Drittel. Damit lässt die Sensitivität, mit der die Weltwirtschaft auf steigende Energiepreise reagiert, nach.
US-Zollurteil: Ein wegweisendes Urteil des US Supreme Court hat der weitreichenden Zollpraxis auf Basis eines Notstands-Gesetzes aus den 1970er Jahren eine Absage erteilt. Zwar sorgt die Entscheidung kurzfristig für Rechtsunsicherheit über künftige Zollsätze und potenzielle Rückerstattungen an Importeure, sie stärkt jedoch gleichzeitig das zuletzt eingeschränkte Zutrauen in die institutionellen Kontrollmechanismen (Checks and Balances) in den Vereinigten Staaten. Für Anleger könnte sich die Hoffnung auf moderat sinkende effektive Zollsätze und das Risiko neuer handelspolitischer Spannungen (die sich bei der Prüfung alternativer Gesetzesgrundlagen ergeben könnten) in etwa die Waage halten.
Technologiesektor: Innerhalb des Sektors haben sich in den letzten Wochen bemerkenswert unterschiedliche Kursverläufe ausgebildet. Auf der einen Seite die Ausrüster für Datencenter, Chipfabriken sowie die Produzenten von Chips und Halbleitern, die vom Boom der Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) profitieren, auf der anderen Seite die Anbieter von Software, Datenbanken, Informationen und digitalen Dienstleistungen, deren Geschäftsmodelle in der Wahrnehmung von Anlegern zukünftig unter der Disruption durch Künstliche Intelligenz leiden könnten. Dabei geht es nicht um die Betrachtung der nächsten Quartalsgewinne, sondern um einen fairen Bewertungsmaßstab für die Gewinnentwicklung auf Sicht der nächsten 5-10 Jahre. Diese Bedenken färbten dann auch auf den Finanzsektor ab:
Banken finanzieren viele Finanzvehikel, die ihrerseits über privates Fremdkapital die Expansion von Datencentern und KI-Modellen und Anwendungen ermöglichen. Damit ist im KI-Innovationszyklus eine neue Phase angebrochen. Der schnellen Begeisterung für das Thema in den letzten Jahren ist die Angst vor einem gründlichen Ausleseprozess zwischen Gewinnern und Verlierern gewichen.
Was in der Gesamtbetrachtung nicht untergehen sollte: Die genannten Anspannungen auf den Kapitalmärkten werden von weitestgehend robusten Konjunkturdaten flankiert. Der Datenfluss der letzten Wochen hat Sorgen um die Verfassung des amerikanischen Arbeitsmarktes zumindest zeitweilig abmildern können. Weltweit haben sich die Stimmungsindikatoren robust gezeigt, sogar mit aufsteigender Tendenz im langen gebeutelten verarbeitenden Gewerbe. Die Entwicklung der Unternehmensgewinne kann in vielen Bereichen als außergewöhnlich gut bezeichnet werden. Gleichzeitig hat sich der Optimismus der Anleger durch die vielen Unsicherheitsfaktoren merklich zurückgebildet. Die Märkte bewegen sich damit zwischen fundamentaler Stärke und latenten Risikofaktoren – ein Spannungsbogen, der die kommenden Monate prägen dürfte.
In diesen spannungsgeladenen Zeiten liegt folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
- Die konjunkturelle Großwetterlage spricht weiter für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien, auch wenn in der kurzen Frist mit erhöhter Schwankungsanfälligkeit gerechnet werden muss.
- Die Spreizung der Performance im Technologiesektor strahlt auch regional aus. Während einige bedeutende Vertreter der vermeintlichen KI-Verlierer in den USA notieren, sind einige der größten Nutznießer von Engpässen bei Chips und Speichern in Korea und Taiwan zu finden (und damit im Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets).
- Insgesamt sollten Aktienanleger auf eine ausgewogene regionale Gewichtung achten. Die US-Märkte fallen weiter durch viele politische und konjunkturelle Unwägbarkeiten auf, weisen aber eine deutlich höhere Bewertung als andere Märkte auf. Gleichzeitig können Anleger in Japan und in Europa in einem politisch gemäßigteren Klima auf Konjunkturstimuli hoffen. Einige Schwellenländer profitieren neben der Dynamik im Technologie-Ausrüster auch von hohen Edel- und Industriemetallpreisen.
- Die Entwicklung des US-Dollars bleibt ein wichtiger Faktor für viele andere Vermögenspreise. Der US-Dollar dürfte auf Sicht der nächsten Quartale weiter unter strukturellen Belastungen wie hoher Budgetdefizite und politischer Unsicherheit leiden. Kurzfristig könnte aber die abnehmende Wahrscheinlich von Zinssenkungen der Federal Reserve (aufgrund solider Konjunkturdaten sowie zäher Inflation) sow e d e lu n den al ergebra en „s eren Hafen“ (zum ndes m Zusammen ang m Energ e r sen) dem US-Dollar Auftrieb verleihen.
- Die beschriebenen Spannungsfelder haben auf die Anleihemärkte unterschiedliche Wirkungen: Als im Februar die Verwerfungen rund um KI im Vordergrund standen, haben Anleihen als Stabilitätsanker in Portfolios profitiert. Der zumindest kurzfristig stark inflationäre Energieschock im Zuge des aufgeflammten Irankriegs wirken im Kontrast dazu in Richtung steigender Renditen und fallender Kurse.
- Bei Unternehmensanleihen dürften enge Zinsaufschläge und damit niedrige Risikoprämien kurzfristig die Aussichten trüben. Sowohl die Risikoaversion durch den IranKrieg als auch eine stärkere Zurückhaltung von Anlegern im Bereich KI-Finanzierung könnten zunächst belasten.
Warum nicht insgesamt für etwas weniger Anspannung zumindest im Portfolio sorgen? Dividenden entwickeln sich meist sehr zuverlässig und sorgen, wie unsere Berechnungen zeigen, für einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtrendite.
Ich wünsche Ihnen ein spannendes Frühjahr
Stefan Rondorf
Senior Investment Strategist, Global Economics & Strategy