Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 16.01.2026
Bei all‘ den Unabwägbarkeiten, mit denen wir ins neue Jahr starten, ist es gut, einen Blick auf die Konjunktur zur werfen, um zu sehen wie verlässlich diese ist. Zum Jahresstart zeigt die Weltwirtschaft ein bekanntes Bild: Sie steht zwar unter Druck, geht aber stabil in das Jahr 2026. Viele Daten deuten darauf hin, dass sich das Wachstum in den kommenden Quartalen Schritt für Schritt in Richtung ihres Potentialwachstums bewegt, wie unser proprietärer Makro Breitenindikator zeigt, der über 350 regionale wie länderspezifische Konjunkturdaten umfasst. Dabei verlaufen die Konjunkturpfade nicht gleichgerichtet: Nicht überall verlangsamt sich die Konjunktur gleichmäßig, und einzelne Schocks können die Richtung rasch verändern.
Auffällig ist dabei der Gegensatz zwischen Wachstum und Preisen. Während die Inflationsdaten zuletzt in vielen Ländern eher niedriger ausfielen als erwartet, bleibt ausgerechnet in den USA das Thema Teuerung hartnäckig. Neue und verzögert wirkende Zölle können die Preise weiter nach oben schieben – und zwar selbst dann, wenn das Wachstum nicht übermäßig stark ist. Das macht die Arbeit der Notenbanken schwierig: Sie wollen die Konjunktur stützen, dürfen aber die Preisstabilität nicht aus dem Blick verlieren.
Regional bleibt die Lage uneinheitlich. Für die USA zeichnet sich ein fragiler Pfad ab: Das Wachstum dürfte 2026 eher unter dem eigenen Potenzial liegen, während die Inflation voraussichtlich über dem Ziel bleibt. In Europa wirkt das Umfeld ausgeglichener – auch weil die Inflation dort eher nachgibt und staatliche Ausgaben, insbesondere in Deutschland, stützen. China wiederum bleibt im Balanceakt: Eine kurzfristige Belebung ist möglich, doch der strukturell langsamere Wachstumstrend sollte bestehen bleiben. Dabei sind Unsicherheitsfaktoren zu beachten.
Die Woche voraus
Zur neuen Woche kommt ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor aus den USA: Gegen Notenbankchef Jerome Powell läuft ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit seiner Aussage zu einem Bauprojekt der Notenbank. Powell weist die Vorwürfe zurück und warnt vor politischem Druck, mittels dessen die Geldpolitik der US-Zentralbank Federal Reserve beeinflusst werden soll. Senator Thom Tillis hat zudem angekündigt, die Bestätigung neuer Notenbank-Personalien im zuständigen Bankenausschuss zu blockieren, bis die juristische Frage geklärt ist. Die Folge: Die Nachfolge und der künftige Kurs der Notenbank könnten länger unklar bleiben. Die Inflationssorgen dürften neue Nahrung erhalten.
Parallel könnte die Handelspolitik für Nervosität sorgen. Der Oberste Gerichtshof der USA befasst sich mit der Rechtmäßigkeit zentraler Zölle der Regierung von US-Präsident Trump und inwieweit es gerechtfertigt war, dass er diese auf Grundlage des „International Emergency Economic Powers Act“, also unter Berufung auf eine wirtschaftliche Notlage, verfügt hat.
Dazu die Aufstände im Iran. Weitere Entwicklung ungewiss.
Der Datenkalender ist gut gefüllt. Zu Wochenbeginn stehen in China zwei wichtige Signale für Wachstum und Konsum an. Bei der Industrieproduktion erwarten die Volkswirte 5,0 % nach zuletzt 4,8 %. Beim Einzelhandel wird dagegen ein kleiner Dämpfer unterstellt: 1,2 % nach 1,3 %.
Aus Deutschland kommen zudem das Jahreswachstum des Bruttoinlandsprodukts für 2025 (zuletzt -0,5 %) sowie der ZEW-Index für die Konjunkturerwartungen (zuletzt 45,8).
Aus der Eurozone folgt die endgültige Inflationszahl für Dezember. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex dürfte mit 2,0 % unverändert ausfallen. Später in der Woche wird außerdem ein erster Wert für das Verbrauchervertrauen veröffentlicht (zuletzt -13,1).
In den USA richtet sich der Blick auf das von der Notenbank bevorzugte Inflationsmaß, den Preisindex der privaten Konsumausgaben. Zuletzt lagen sowohl die Gesamtrate als auch die Kernrate bei 2,8 %. Außerdem werden neue Zahlen zu Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung veröffentlicht.
Zum Wochenschluss folgen eine ganze Reihe an Frühindikatoren für die Wirtschaft: Einkaufsmanagerindizes für Deutschland (zuletzt 51,3), die Eurozone (zuletzt 51,5) und die USA, dazu in Großbritannien das GfK-Verbrauchervertrauen (zuletzt -17). Für die USA kommen außerdem das endgültige Verbrauchervertrauen der Universität Michigan (zuletzt 54). In Japan steht außerdem eine Zinsentscheidung der Notenbank an (zuletzt 0,75).
Unterm Strich gilt: Die fundamentale und politische Unsicherheit bleibt zwar hoch, hat aber unseres Erachtens den Höhepunkt überschritten. Das Umfeld erscheint günstig für riskante Assets (sprich: Aktien), auch wenn wir uns in einer späten Phase des Konjunkturzyklus befinden.
Stabilität in der neuen Woche wünscht Ihnen,
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research