Stabile Oberfläche trifft auf unruhige Tiefe

Ethenea

Ethenea Marktkommentar vom 02.06.2026

Die blockierte Straße von Hormus und die gescheiterten diplomatischen Lösungsversuche trieben die Weltwirtschaft im Mai in eine doppelte Belastung: geopolitische Instabilität und strukturell überhöhte Energiepreise. Ein vorsichtig positives Signal setzte das Treffen zwischen den Präsidenten Trump und Xi Jinping. Obwohl ein echter Durchbruch im Handelsstreit ausblieb, verhinderte der Gipfel eine weitere Eskalation, was im aktuellen Umfeld bereits als Erfolg gewertet werden kann.

Eine gespaltene Wirtschaft

Die verbesserten Frühindikatoren aus dem verarbeitenden Gewerbe verdecken ein ernstzunehmendes Problem. Der jüngste Aufschwung basiert nicht zwangsläufig auf einer gesunden Nachfrage. Vielmehr haben die Unternehmen ihre Lager gefüllt. Dieser Lageraufbau kaschiert eine tiefer liegende Absatzschwäche. Gleichzeitig erreicht auch noch die Energiekrise den Alltag der Verbraucher, was zu steigenden Sparraten und spürbarer Konsumzurückhaltung führt. Daraus verfestigt sich das Bild einer gespaltenen Wirtschaft: Während die Dynamik bei den Investitionen durch den Wettlauf um künstliche Intelligenz im Technologiesektor hoch bleibt, konzentrieren sich Konsum und Kapitalanlagen zunehmend auf eine kleine Gruppe von Großkonzernen und vermögenden Haushalten. Kleinere Betriebe sowie energieintensive Branchen geraten durch hohe Kosten und nachlassende Nachfrage massiv unter Margendruck, während parallel die öffentlichen Haushalte zusehends in die Enge getrieben werden.

Die Zentralbanken reagieren auf das veränderte Inflationsbild. Die EZB signalisierte unmissverständlich, dass eine Zinserhöhung im Juni wahrscheinlich ist. Wir halten diesen Schritt nicht nur für verfrüht, sondern für falsch: Der Inflationsanstieg ist energiebedingt und damit angebotsgetrieben. Ein Zinsanstieg würde die bereits geschwächte Nachfrage weiter dämpfen, ohne die eigentliche Ursache zu bekämpfen. Die Fed bleibt vorerst abwartend und vermeidet angesichts des widersprüchlichen Datenkranzes einen vorzeitigen Schwenk.

Zentrale Schlussfolgerungen:

Aus dieser Entwicklung lässt sich folgende Perspektive ableiten: Zwar droht der Wirtschaft eine konjunkturelle Abkühlung, sobald die temporären Bestandsaufstockungen im verarbeitenden Gewerbe nachlassen. Dieser zyklischen Schwäche stehen jedoch gewichtige Gegenkräfte gegenüber: eine expansive Fiskalpolitik, noch intakte Bilanzen der privaten Haushalte und ein kraftvoller, struktureller Wachstumsmotor. Die enorme Dimension der aktuellen Investitionswelle im Technologiesektor spricht dafür, dass der Ausbau von Rechenzentren und Netzwerkinfrastruktur die globale Industriekonjunktur sowie die Zulieferketten nachhaltig stützen kann. Für uns ist dies ein zentrales Argument, da dieser Investitionszyklus nicht nur kurzfristige Nachfrage erzeugt, sondern mittel- bis langfristig auch das weltweite Produktivitätspotenzial spürbar erhöht und somit das Fundament für zukünftiges Wachstum stärkt.

Ruhe ist keine Stabilität

Starke Unternehmensgewinne trieben Aktien, während Geopolitik die Zinsen auf Jahreshöchststände drückte und wieder fallen ließ. Wer die Ruhe an der Oberfläche für Stabilität hält, sollte genauer hinsehen.

Anleihen/Renditen

Der Anleihenmarkt spiegelte im Mai sehr gut die aktuell treibenden Kräfte am Kapitalmarkt wider. Einerseits engten sich aufgrund der sehr guten Berichtssaison passend zu steigenden Aktienkursen die Risikoaufschläge von bereits niedrigen Niveaus weiter ein. Andererseits war die Zinsbewegung eine Funktion der sich aufgrund der Geopolitik verändernden Inflationserwartungen. Im Monatsverlauf wurden entlang der gesamten Kurve sowohl in den USA als auch in Europa neue Jahreshöchststände bei den Renditen erreicht. Die Hoffnung auf eine baldige Entspannung des Nahost-Konflikts ließ die Zinsen zum Monatsende aber wieder auf das Vormonatsniveau fallen.

Fazit

Angesichts historisch niedriger Risikoaufschläge sehen wir aktuell keinen Anpassungsbedarf. Wir gehen für geringe Mehrrenditen keine höheren Kreditrisiken ein. Vielmehr bietet es sich an, über eine längere Duration von den erwarteten stabilen bis rückläufigen Renditen am langen Ende zu profitieren. Die kurzfristigen Inflationssorgen stufen wir dabei als überzeichnet und für die langfristige Entwicklung als zweitrangig ein – der jüngste Marktanstieg erweist sich somit eher als vorübergehende Übertreibung.

Aktien

Aktien setzten ihren Aufwärtstrend aufgrund der starken Berichtssaison im Mai fort. Insbesondere Unternehmen der Halbleiterbranche und Softwaretitel gehörten zu den größten Gewinnern. Selbst das Hin- und Her bzw. der nicht vorhandene Fortschritt der Verhandlungen im Nahen Osten konnten diese Rally nicht aufhalten. Einziger Wermutstropfen ist die schwindende Marktbreite.

Fazit

Aus strategischer Sicht gibt es gute Gründe für weiteren Optimismus. An erster Stelle sind die angehobenen Gewinnerwartungen und die anhaltenden fiskalischen Impulse zu nennen. Außerdem sind wir überzeugt, dass eine Lösung des Iran-Konflikts für weiteren Rückenwind sorgen kann. Taktisch sind wir aber etwas skeptischer, da die Bewertungen in Teilen des Marktes nicht tragfähig sind. Zudem gehen wir davon aus, dass die (wenigen) anstehenden Mega-IPOs nicht nur positive Aspekte haben. Selbst inflationsbereinigt übertreffen die aktuell geplanten Börsengänge alle des Jahres 2000. Als reines Liquiditätsevent betrachtet, kann sich dies hemmend auf den Gesamtmarkt auswirken. Nicht zuletzt hat uns die zu erwartende Volatilität aufgrund der US-Zwischenwahl dazu veranlasst, die Aktienquote vorübergehend auf ein neutrales Maß zurückzunehmen.

Währungen

Dem Währungsmarkt fehlten und fehlen die klaren Impulse. Mit zunehmender Deeskalation des Nahost-Konflikts verliert der US-Dollar seinen Charme als Safe-Haven-Währung. Das Argument des sinkenden Zinsdifferenzials gegenüber dem Euroraum gewinnt an Gewicht und spricht für eine weitere Abschwächung des US-Dollars. Auch der Yen blieb schwach. Selbst die Intervention der Bank of Japan verhalf ihm nicht, eine Phase der Stärke zu etablieren

Fazit

Wir werden unsere Position zur japanischen Währung erst wieder aufstocken, wenn entsprechendes Momentum aufkommt. Unsere US-Dollar Position lassen wir fast vollständig abgesichert.

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