Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 12.06.2026
Drei Monate sind vergangen, doch der Nahostkonflikt hält an, während die Straße von Hormus faktisch geschlossen bleibt. Obwohl die USA und der Iran einem Waffenstillstand zugestimmt haben und über ein vorläufiges Friedensabkommen verhandeln, bleibt die Lieferung von Rohöl, Erdgas, Naphtha, Harnstoff und vielen weiteren Produkten aus dem Nahen Osten nach Asien blockiert. Die globalen Energiepreise bleiben erhöht und belasten die Weltwirtschaft.
Asiatische Volkswirtschaften ohne Treibstoffsubventionen verzeichneten eine stark steigende Inflation. Die Philippinen stechen in der Region hervor, wo sowohl die Gesamt- als auch die Kerninflation des Verbraucherpreisindex (VPI) anstiegen. Die hohe Inflation veranlasste die Bangko Sentral ng Pilipinas (BSP) im April zu einer Anhebung des Leitzinses um 25 Basispunkte (Bp.), auf die weitere Schritte folgen könnten, um möglichen Übertragungseffekten des Energieschocks vorzubeugen.
Asiatische Volkswirtschaften mit Treibstoffsubventionen verzeichneten zwar einen geringeren Preisdruck, haben diesen jedoch faktisch auf die fiskalische Seite verlagert. Indonesien ist ein Paradebeispiel: Die Ausgaben für Treibstoffsubventionen sind seit Beginn des Nahostkonflikts Ende Februar gestiegen. Der Ausverkauf bei Staatsanleihen und der indonesischen Rupiah (IDR) hält an. Dies veranlasst die Regierung, an der gesetzlichen Defizitgrenze von 3% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) festzuhalten, und die Bank Indonesia (BI) zu einer überraschenden Leitzinsanhebung um 50 Bp. im Mai, um die Währungsstabilität zu wahren.
Auch asiatische Volkswirtschaften mit hohen Energieimportrechnungen und schwachen Außenwirtschaftssalden (Leistungsbilanzdefiziten) sahen ihre Währungen unter Druck. Indien und die Philippinen zählen angesichts ihrer gestiegenen Energieimportrechnungen und schwachen Leistungsbilanzen zu den anfälligsten Ländern.
Trotz der durch höhere Energiepreise verursachten Wachstumsbelastung geraten die asiatischen Zentralbanken zunehmend unter Druck, die geldpolitischen Bedingungen zu straffen, um die Währungsstabilität zu wahren und Zweitrundeneffekte der Inflation einzudämmen. Wir erwarten nun, dass die Zentralbanken der Philippinen, Indonesiens, Indiens und Südkoreas ihre Leitzinsen in diesem Jahr weiter anheben oder mit Anhebungen beginnen werden. Wir gehen zudem davon aus, dass die Bank Negara Malaysia, die Reserve Bank of Australia und die Bank of Japan ihre Leitzinsen in diesem Jahr anheben werden.
Aus Anlegersicht zeichnen sich bei den beiden Themen künstliche Intelligenz (KI) und Anfälligkeit für Energieknappheit in den asiatischen Märkten gegenläufige Trends ab: Südkorea, Taiwan, Japan, Malaysia und Singapur könnten von KI profitieren, während die Philippinen, Indonesien, Thailand und Indien durch die Energieknappheit benachteiligt werden. Dementsprechend dürften auch die Wertentwicklungstrends auseinanderlaufen.
Die Woche voraus
In der kommenden Woche stehen vor allem die Leitzinsentscheidung der US-Notenbank Federal Reserve, die Leitzinsentscheidung der Bank of Japan, die Verbraucherpreisinflation (VPI) im Euroraum sowie Chinas Konjunkturdaten im Mittelpunkt.
In den USA dürften die regionalen Umfragen zum verarbeitenden Gewerbe der New York Fed und der Philadelphia Fed für Juni helfen, die jüngste Industriedynamik einzuschätzen. Der Wohnungsmarktindex der National Association of Home Builders (NAHB) für Juni sowie die Daten zu Baugenehmigungen und Baubeginnen für Mai liefern einen aktuellen Einblick in den Wohnimmobilienmarkt. Am Mittwoch wird allgemein erwartet, dass der Offenmarktausschuss (FOMC) die Zinsen unverändert lässt, wobei die Märkte auf die Äußerungen von Fed-Chef Kevin Warsh auf der Pressekonferenz achten werden. Daneben geben die jüngsten Erstanträge und die wöchentlichen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung Aufschluss über die aktuelle Arbeitsmarktdynamik.
Im Euroraum werden am Montag die Gesamthandelsbilanz und die Wachstumszahlen zur Industrieproduktion für April veröffentlicht. Am Mittwoch stehen die finalen Werte für die VPI- und Kerninflation im Mai an, die zentral für die Beurteilung des anhaltenden Preistrends sind. Deutschlands Indizes zu den Konjunkturerwartungen und zur Lagebeurteilung für Juni liefern eine zusätzliche vorausschauende Einschätzung der Stimmung in der größten Volkswirtschaft der Region.
In Japan werden die Tankan-Umfrage für Juni und die Maschinenbauaufträge für April gemeinsam betrachtet, um die jüngste Geschäftslage einzuschätzen. Zudem geben die Warenhandelsdaten für Mai Aufschluss über die aktuelle Außenhandelslage. Die landesweite VPI-Inflation am Freitag spiegelt den jüngsten Preistrend wider – im Anschluss an eine mögliche Anhebung des Leitzinses um 25 Basispunkte durch die Bank of Japan am Dienstag. In China dürften die Konjunkturdaten für Mai genau beobachtet werden, um die Wachstumsdynamik im zweiten Quartal einzuschätzen.
Ihr,
Christiaan Tuntono
Senior Economist, Asia Pacific