LFDE Macroscope vom 14.04.2026
Durch die Straße von Hormus fahren nicht nur Schiffe, die Öl, Gas oder Industriegüter transportieren. Sie ist auch ein Transportweg für Dünger, insbesondere für zwei der drei großen Gruppen von Düngemitteln: Stickstoffdünger (Harnstoff, Ammoniak sowie deren Derivate, für deren Herstellung viel Erdgas benötigt wird) und Phosphatdünger. Daher führt die seit sechs Wochen andauernde Blockade der Meerenge – auch wenn man auf eine baldige Lockerung hoffen darf – wahrscheinlich nicht nur zu unmittelbaren Energieproblemen, sondern zeitversetzt auch zu Anspannungen bei der Lebensmittelversorgung.
In einigen Ländern könnte das Zusammenspiel dieser beiden Störfaktoren zu einem Anstieg politischer Spannungen mit unabsehbaren Folgen führen. Man denke nur an den Arabischen Frühling im Jahr 2011, der zum Teil durch die Inflation der Lebensmittelpreise infolge der Krise von 2008 ausgelöst wurde1. Welche Volkswirtschaften sind heute in dieser Hinsicht besonders gefährdet?
Düngemittel geraten ins Zentrum der Krise
Eine Analyse legt nahe, dass die Landwirtschaft in Indien und Brasilien am stärksten unter der Blockade der Straße von Hormus leiden könnte. Diese Länder importieren in großem Stil Düngemittel, die im Persischen Golf hergestellt werden. Laut der North Dakota State University2 müssen 54 % des von Indien importierten Stickstoffdüngers die Straße von Hormus passieren. Dasselbe gilt für 45 % der brasilianischen Harnstoffimporte, die für die Ernten dieses Agrargiganten von entscheidender Bedeutung sind. Australien ist sogar zu über 70 % von Dünger aus der Golfregion abhängig. Aufgrund seines Wohlstands ist es allerdings deutlich weniger anfällig als die beiden zuvor genannten Länder.
Ein weiterer landwirtschaftlich genutzter Rohstoff, der in großen Mengen im Golf produziert wird, ist Schwefel, ein Nebenprodukt der Erdölindustrie. Fast die Hälfte des weltweit verschifften Schwefels, der für die Herstellung von Schwefelsäure und damit für die Produktion von Phosphatdüngern benötigt wird, stammt aus den Golfstaaten. Die Knappheit dieses Inhaltsstoffs wirkt sich direkt auf die großen Erzeugerländer von Phosphatdünger aus. Hierzu zählen Marokko, der weltweit bedeutendste Exporteur von Phosphatprodukten, sowie China. Davon ist nicht nur die lokale Landwirtschaft betroffen. Auch der Außenhandel dieser Düngerexportländer ist ebenfalls davon beeinträchtigt, vor allem im Fall von Marokko, das stark von diesen Exporten abhängig ist.
Engpässe bei Schwefel treffen die globale Düngemittelproduktion
Auch die Industriestaaten können sich bei diesen Verwerfungen keinesfalls in Sicherheit wiegen. Die USA sind beispielsweise ein bedeutender Produzent von Phosphatdünger und auf die weltweite Verfügbarkeit von Schwefel angewiesen. Wenn sich die Erntemengen der großen Exportländer von Agrarprodukten aufgrund geringerem Düngereinsatzes verringern und die Düngerkosten global steigen, ist letzten Endes – direkt oder indirekt – die gesamte Welt betroffen. Europa beispielsweise importiert große Mengen Soja und Mais aus Brasilien und könnte unter der angespannten Situation bei diesen Nahrungsmitteln leiden, wenn diese für die Ernährung des heimischen Viehbestands gekauft werden müssen.
Folgen reichen weit über betroffene Länder hinaus
Kurzfristig ist ein Krisenmanagement erforderlich, um den am stärksten betroffenen Ländern, die oft zu den schwächsten gehören, zu helfen, da ansonsten politische Unruhen zu befürchten sind. Mittelfristig wird in Bezug auf die Abhängigkeiten und Verflechtungen bei importiertem Dünger eine Neuordnung benötigt, wie sie nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs bei der Versorgung Europas mit Öl und Gas erfolgt ist. Daher hat die EU am 13. April ein Treffen anberaumt, um einen Plan zur Bewältigung der Düngemittel-Probleme zu erarbeiten. Langfristig werden mit Sicherheit die Bildung strategischer Reserven von landwirtschaftlichen Inputstoffen sowie die Schaffung einer nachhaltigen Produktionskette von Stickstoffdünger zur Sprache kommen. Die strategische Bedeutung von Düngemitteln steht der von fossilen Energieträgern in nichts nach – diese bittere Erkenntnis folgt aus den Konflikten in der Ukraine und in der Straße von Hormus.
Die Blockade der Meerenge mischt die Karten auf unerwartete Weise neu. Ein neues Kapitel der Geschichte der Landwirtschaft wird aufgeschlagen – durch einen Krieg, der ursprünglich nichts mit Landwirtschaft zu tun hatte.