Flossbach von Storch Marktkommentar vom 1. Quartal 2026
Angesichts der Krisenlage in Nahost stellt sich die Frage, welche Anlageklassen im Falle einer Eskalation oder fortgesetzter Spannungen Risiken abfedern können.
Geopolitische Risiken, wie den Krieg im Iran, in Portfolioentscheidungen zu übersetzen, ist nicht nur äußerst schwierig, sondern kann sogar kontraproduktiv sein. Warum? Weil Menschen dazu neigen, die jüngste Entwicklung einfach fortzuschreiben. Wenn es dann aber anders kommt, fehlt oft der Plan B.
Resilienz lässt sich daher für das Portfolio am besten durch Diversifikation und qualitativ gute Anlagen erzielen. Aber auch Aktien von Unternehmen mit nachhaltiger Ertragsstärke und Anleihen mit attraktiven (Real-)Renditen können temporär empfindliche Kursverluste erleiden.
Sichere Staatsanleihen federten kurzfristig nicht ab
Traditionell gelten Anleihen, genauer gesagt sichere Staatsanleihen wie US-Treasuries oder deutsche Bundesanleihen als „sichere Häfen“, die Investoren suchen, wenn dunkle Wolken am Konjunkturhimmel aufziehen. Wenn aber Inflationsraten anziehen, weil ein exogener Angebotsschock für einen Wetterumschwung verantwortlich ist, ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Ob die inzwischen etwas gestiegenen Renditeniveaus schon ausreichen, um langlaufende Anleihen mit Renditen von drei bis vier Prozent im Euroraum und 4,5 bis 5 Prozent bei US-Dollar-Anleihen attraktiv zu machen, hängt vom längerfristigen Inflationsausblick ab.
Im März haben Anleger spüren können, dass eine mögliche Konjunkturschwäche, die normalerweise gut für sichere Staatsanleihen ist, durch die Sorge vor steigender Inflation überkompensiert werden kann. Die Renditen von Bundesanleihen und US-Treasuries stiegen fast um einen halben Prozentpunkt, was bei den bereits im Umlauf befindlichen Papieren zu Kursverlusten führte; bei zehnjährigen Titeln waren es circa minus vier Prozent. Die Inflations-sorgen haben somit den „Flucht-in-den-sicheren-Hafen“- Reflex überlagert.
Parallel dazu haben die Notenbanken den Ton verschärft. Zwar ließ die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins im März zunächst bei zwei Prozent, doch EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach anschließend von einem erheblichen Schock und betonte, man werde alles Notwendige tun, um die Preisstabilität zu sichern. Zinserhöhungen sind damit keineswegs vom Tisch. Entsprechend haben sich auch die Markterwartungen innerhalb weniger Wochen stark verschoben. Noch vor Ausbruch des Irankriegs setzten die Terminmärkte in Europa und den USA klar auf weitere Zinssenkungen. Inzwischen ist die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung in diesem Jahr bei der US-amerikanischen Federal Reserve Bank (Fed) auf nahe null gesunken. Für die EZB werden zwei oder drei Zinserhöhungen erwartet.
Künftig bessere Bedingungen als 2022
Für Anleiheanleger ist das ein unangenehmes Déjà-vu. Nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs im Frühjahr 2022 zeigte sich, dass Staatsanleihen in einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit, die zu steigender Inflation führte, keinen verlässlichen Schutz gegen fallende Aktienkurse boten. Im Gegenteil: Die Kombination aus höheren Inflationserwartungen und der Aussicht auf eine restriktivere Geldpolitik drückte die Kurse von Anleihen teilweise noch stärker als die von Aktien.
Heute gibt es aber einen gewichtigen Unterschied zur Lage anno 2022, der für Anleihen zumindest vorsichtig optimistisch stimmt: Damals starteten zehnjährige Bundesanleihen mit negativen Renditen in die Krise – es gab also keinen Puffer gegen steigende Renditen und fallende Kurse. Heute liegt das Renditeniveau bei über drei Prozent und der zu erwartende Inflationsanstieg dürfte wohl deutlich geringer ausfallen als vor vier Jahren.
„Erschwinglichkeitskrise“ in den USA
Die entscheidende Frage ist jedoch wie damals, ob sich die Inflation verfestigt oder ob sie nur eine temporäre Erscheinung bleibt. Ein wesentlicher Aspekt ist in diesem Zusammenhang, dass steigende Öl- und Gaspreise heute auf schwächere Konsumenten treffen. Als sich die Lockdowns nach der Pandemie „auflösten“, waren die Portemonnaies dank der Corona-Hilfsmaßnahmen und nach zwei Jahren reduzierter Konsummöglichkeiten prall gefüllt. Erhebliche Ersparnisse trafen anschließend auf ein knappes Warenangebot und einer gesteigerten Sehnsucht nach Freizeitdienstleistungen.
Heute dagegen belasten steigende Preise fürs Heizen und Tanken die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stärker. In den USA ist der Begriff „Erschwinglichkeitskrise“ allgegenwärtig: Konsumenten verzichten auf nicht unbedingt notwendige Anschaffungen oder schieben diese auf. Ähnliches könnte auch für den ohnehin schon schwachen Konsum im Euroraum gelten, weshalb höhere Inflationsraten die Wirtschaft diesmal stärker belasten würden. Das wiederum zügelt mögliche Preissteigerungen, weil in einer wirtschaftlich angespannten Lage Zweitrundeneffekte wie steigende Löhne schwächer ausfallen dürften, als dies vor einigen Jahren der Fall war. Das gilt auch für die USA, wo die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit langem wieder über der Zahl der Stellenangebote liegt.
Die zu erwartende Abschwächung des Wirtschaftswachstums bei einer Verschärfung des Konflikts würde den Anstieg der Verbraucherpreise also diesmal stärker bremsen und das aktuelle Renditeniveau wäre ausreichend, um Anleihen erstklassiger Bonität zumindest relativ zum sicheren Hafen zu machen.
Gold wird in Krisen kurzfristig oft zu Geld gemacht
Das gilt langfristig auch für Gold, dessen Preis allerdings sehr stark schwanken kann – besonders in Krisenzeiten, wenn Anleger, aus welchen Gründen auch immer, rasch Liquidität benötigen und Gold als Liquiditätsgarant rettend zur Seite steht. Während geschlossene Fonds per Definition illiquide sind, Private-Credit-Fonds den Zugriff ihrer Investoren einschränken und bei Aktien die Kurse schon gefallen sind, ist Gold ein verlässlicher Liquiditätsangebot.
Dass Liquidationen den Goldpreis in Krisenphasen drücken, ist aber ein Luxusproblem, denn im Vergleich zu anderen Anlagemöglichkeiten ist auch dieser Preis zumeist noch relativ hoch. So lag der Goldpreis selbst am Ende der jüngsten Verkaufswelle im Vergleich zum Jahresanfang immer noch im Plus, obwohl der Rückgang vom Hoch fast zwanzig Prozent betrug. Es sind solche starken Preisschwankungen, die Gold in den Augen vieler Anleger riskant erscheinen lassen. Dabei ist Gold vielen ökonomischen Risiken, die andere Anlagen prägen, gar nicht erst ausgesetzt: Es gibt kein Kredit- oder Liquiditätsrisiko. Der Wert wird nicht durch finanzielle Instabilität, Staatspleiten oder Turbulenzen an den Rohstoffmärkten bedroht. Es gibt keine Nachschusspflicht, kein Refinanzierungsrisiko, keine technologische Disruption, keine modischen Trends oder physischen Verfall. Gold braucht keine Straße von Hormus, keinen fähigen Präsidenten und auch keine erfolgreiche Unternehmensstrategie. Es bleibt einfach nur Gold, beständig und liquide.
Was Gold langfristig allerdings nicht bieten kann, ist das inhärente Wachstum von Aktien erfolgreicher Unternehmen oder die verlässlichen Zinserträge bonitätsstarker Anleihen. Deshalb ist Gold kein Ersatz für andere Anlageformen, sondern eine Ergänzung, die je nach Preisniveau und Anlegertyp fünf bis fünfzehn Prozent des Vermögens ausmachen sollte. Der Rest sollte sinnvoll diversifiziert in anderen Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen bleiben.