Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 27.02.2026
Schaut man von oben auf die große Weltkugel scheint für Tiefenentspannung kein Platz zu sein. Die Geopolitik meldet sich mit immer neuen Themen auf der Agenda zurück. Zu nennen sind hier u.a. die nächste Volte des Zollstreits, bei der dem US-amerikanischen Präsidenten jetzt vom höchsten US-amerikanischen Gericht deutlich dazwischengefunkt wurde, oder auch der Konflikt um den Iran. Weiterer Verlauf: unklar.
Das höchste Gericht der USA hat die umfassend und weltweit verhängten Zölle, die US-Präsident Trump mit dem Notstandsgesetz IEEPA begründet hat, verworfen. Damit werden die Spielräume des Präsidenten enger: Neue Zölle sind zwar weiterhin möglich, doch sie müssen auf andere Rechtsgrundlagen ausweichen und sind dann meist zeitlich befristet oder in der Höhe begrenzt. Gleichzeitig bleibt offen, ob bereits erhobene Zölle zurückgezahlt werden müssen – ein Streit, der sich über Monate ziehen kann und politisch wie finanziell zusätzliche Unruhe stiften dürfte. Viele Firmen haben eine Rückerstattung bereits eingeklagt. Diese Hoffnungen auf Zoll-Rückerstattungen könnte den Aktien der am meisten betroffenen Firmen Rückenwind geben, da sich dadurch die Gewinnaussichten verbessern. Der gerichtlich eingeengte, diskretionäre Spielraum für den US-Präsidenten könnte zusätzlich Unsicherheiten senken und damit Risikoprämien wieder verringern, was Aktien unterstützen sollte.
Parallel steigt allerdings das Eskalationsrisiko im Konflikt mit Iran. Schon die Erwartung möglicher militärischer Schritte bewegt die Energiepreise. Besonders heikel wäre eine Behinderung der Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gaslieferungen fließt. In einem solchen Szenario würde der Preisdruck auf Öl wieder zunehmen – und damit auch die Unsicherheit, wie lange die relative Gelassenheit an den Märkten trägt.
Tatsächlich sind die beiden Indizes für geopolitische und wirtschaftspolitische Risiken, wie sie aus den führenden Tageszeitungen ausgelesen werden, wieder gestiegen, wobei sie auf einem ohnehin schon hohen Niveau lagen. Ein Zeichen dafür, dass die Nachrichtenlage über Risiken wieder zugenommen hat.
Die Märkte scheint dies nur wenig zu stören, wobei die Sektorenrotation – getrieben von den Diskussionen um die Auswirkungen von KI – erheblich waren.
Die Volatilität hat sich kaum verändert. U.a. der Dow Jones, S&P 500 und der DAX haben zwischenzeitlich neue Höchstmarken gerissen, wenn sie diese auch nicht halten konnten. Nach der Verkündigung der neuen, einheitlichen Zollsätze von 15% durch US-Präsident Trump machte sich Unsicherheit bemerkbar. Die technische Lage der wichtigsten Länderbenchmarks zeigt dennoch Tiefenentspannung an den Aktienmärkten an. Lediglich der NASDAQ-Index könnte auf eine ungemütliche Verfassung hinweisen. Er hat zwischenzeitlich den 200-Tage gleitenden Durchschnitt nach unten durchbrochen. Gemessen an den Advance-Decline Linien, welche die Anzahl der gestiegenen zu den gefallenen Aktien der jeweiligen Benchmark ins Verhältnis setzen, haben die Kursavancen an Breite gewonnen. Dem scheint das Preisverhältnis von Gold und Kupfer zu widersprechen. Die Kursrelation, die gerne auch als Angstindikator genommen wird, weist – schematisch betrachtet – tatsächlich ein erhöhtes Maß an Angst aus. Zumindest weicht sie seit geraumer Zeit um deutlich mehr als eine Standartabweichung von ihrem langfristigen Durchschnitt ab. Hier dürfte aber vor allem das neu erwachte Interesse am Gold der Grund sein. Das gelbe Metall wird als US-Dollarersatz geschätzt. Was auch zeigt: Die Dominanz des „Greenback“ (Wie der Dollar im Handel gerne genannt wird) ist nicht gebrochen, aber sie bröckelt, während sich Ersatzwährungen noch kaum anzubieten scheinen.
In dieser insgesamt von Unsicherheiten geprägten Lage bedarf es jetzt vor allem auch konjunktureller Unterstützung. Nicht zuletzt der zyklische Aufschwung und die Gewinnentwicklungen im Kontext der Steuersenkungen in den USA (Stichwort: „One Big Beautiful Bill Act“) waren es ja, welche zu dieser Tiefenentspannung beitrugen.
Die Woche voraus
Die Woche beginnt mit den Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe: In Deutschland lag der Index zuletzt bei 50,7 Punkten, in der Eurozone bei 50,8 und in Großbritannien bei 52 Punkten. In den USA folgt der Einkaufsmanagerindex ISM-Index, der zuletzt 52,6 Punkte erreichte. Am Dienstag steht die Schnellschätzung der Verbraucherpreise in der Eurozone an. Zur Wochenmitte werden weitere Stimmungsdaten veröffentlicht – darunter der HCOB-Einkaufsmanagerindex für Deutschland (zuletzt 53,1 Punkte), der zusammengesetzte Index für die Eurozone (zuletzt 51,9 Punkte) sowie der Dienstleistungsindex für Großbritannien (zuletzt 53,9 Punkte). Ergänzt wird dies durch die Erzeugerpreise in der Eurozone; zuletzt lagen sie -2,1 Prozent unter dem Vorjahr. Am Donnerstag kommen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA. Der Freitag bündelt dann das revidierte Bruttoinlandsprodukt der Eurozone für das vierte Quartal (zuletzt 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal) sowie die US-Arbeitsmarktdaten außerhalb der Landwirtschaft. Zuletzt wurden 130.000 neue Stellen gemeldet – ein Wert, der an den Märkten regelmäßig für Bewegung sorgt.
Tiefentspannung wünscht Ihnen
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research