Flossbach von Storch Kommentar vom 23.03.2026
von Tom Bugalle
1. Führungswechsel bei der Fed
Voraussichtlich ab dem 15. Mai 2026 wird Kevin Warsh den Vorsitz der Federal Reserve übernehmen. Mit ihm könnte nicht nur ein Kritiker der unkonventionellen Geldpolitik der Fed an die Spitze der mächtigsten Zentralbank der Welt rücken, sondern auch ein Gegner jener Theorien und Methoden, die die Zentralbankforschung und Geldpolitik der vergangenen Jahre geprägt haben. Sowohl Kevin Warsh als auch US-Finanzminister Scott Bessent haben kritisiert, dass sich die Fed von der klassischen Zinspolitik entfernt hat und Geldpolitik zunehmend über ihre Bilanz betrieben hat (Warsh, 2016a; Bessent, 2025). Damit habe sie ihre Kompetenzen zu stark ausgeweitet und Umverteilungspolitik betrieben. Da die Federal Reserve neben der Weltleitwährung auch den einflussreichsten Forschungsapparat unter den Zentralbanken hat, könnte ein Führungswechsel bei der Fed auch Veränderungen in der geldpolitischen Forschung bewirken.
2. Die historische Entwicklung
Bereits kurz nach der Gründung der Fed im Jahr 1913 wurden Forschungsabteilungen eingerichtet, wie die Division of Research and Statistics im Jahr 1923. Diese sollten als Grundlage für geldpolitische Entscheidungen statistische Informationen bereitstellen (Binder und Skinner, 2022). Seit den 1960er Jahren lieferten die regionalen Federal Reserve Banken nicht mehr nur Daten, sondern speisten zunehmend auch Ideen zur Ausgestaltung der Geldpolitik in das Fed-System ein. So waren Ökonomen der Federal Reserve Bank of Minneapolis an der Entwicklung der Theorie rationaler Erwartungen beteiligt (siehe Bordo und Prescott, 2023). Auf deren Grundlage entwickelten sich später die neukeynesianischen DSGE-Modelle als Standardmethodik der Makroökonomik. Da die Geldmenge in diesen Modellen keine zentrale Rolle mehr für die Erklärung der Inflation spielt, verlor die Geldmengensteuerung bei geldpolitischen Entscheidungen zugunsten der direkten Inflationssteuerung (Inflation Targeting) zunehmend an Bedeutung. Der Fokus der Geldpolitik verlagerte sich daher auf modellbasierte, nicht direkt beobachtbare Größen wie Inflationserwartungen, Output Gap und den natürlichen Zins, was den diskretionären Handlungsspielraum der Zentralbank erweiterte.
Parallel dazu baute die Fed ihre Rolle als Produzent wissenschaftlicher Publikationen aus. In den Top 200 wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften, die laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich am häufigsten von Zentralbanken zitiert werden, erhöhte die Fed seit den 1990er Jahren die Anzahl ihrer Publikationen immer weiter. Publikationen von Autoren des Federal Reserve System machen in den letzten 30 Jahren relativ konstant rund 6 Prozent der weltweiten Publikationen im Forschungsfeld Makroökonomie und monetäre Ökonomie aus. Damit stammt etwa ein Drittel der zentralbanknahen Publikationen in diesem Bereich aus dem Federal Reserve System.
Zudem schuf die Fed eigene Konferenzen, in denen sie ausgewählte wissenschaftliche Arbeiten präsentieren und diskutieren ließ. Seit 1978 fungiert das Jackson Hole Symposium der Federal Reserve Bank of Kansas City als zentrale Plattform geldpolitischer Debatten. Dieses Format dient nicht nur dem fachlichen Austausch, sondern trägt auch dazu bei, Agenden zu setzen und bestimmte Forschungsansätze stärker sichtbar zu machen als andere. Ab den 2000er Jahren wurden auf dem Jackson Hole Symposium zunehmend die Grenzen der klassischen Zinssteuerung thematisiert. Unter anderem in seinen Eröffnungsreden 2010 und 2012 beschrieb Fed-Chef Ben Bernanke den Einsatz unkonventioneller Maßnahmen − wie Bilanzausweitungen durch Wertpapierkäufe − angesichts niedriger Zinsen als theoretisch konsistente Erweiterungen der Geldpolitik (Bernanke, 2010; Bernanke, 2012). Auf diese Weise wurde der Übergang von einer primär zinsbasierten Geldpolitik hin zu Interventionen auf den Finanzmärkten durch den umfangreichen Ankauf von Vermögenswerten wissenschaftlich begleitet.
3. Die Fed als Taktgeber
Der Einfluss der Fed auf die Wissenschaft zeigt sich in der Anzahl der Zitationen von wissenschaftlichen Arbeiten mit mindestens einem Fed-Autor. Publikationen von Fed-Autoren erhalten jährlich rund 7.000 Zitationen, was rund 40 Prozent aller Zitationen von Arbeiten mit mindestens einem Zentralbankautor entspricht. Zitierte Autoren können in den in der Wissenschaft üblichen Gutachterverfahren (Peer-Review) wiederum über die Publikation anderer wissenschaftlicher Arbeiten mitentscheiden.
Einige Fed-Ökonomen sind zudem in den Herausgebergremien wichtiger Fachzeitschriften vertreten. Die Anzahl von Mitherausgebern mit Fed-Affiliation liegt derzeit beim Journal of Monetary Economics – einer der führenden Fachzeitschriften im Bereich geldpolitischer Themen – bei 4 von 34. Beim American Economic Journal: Macroeconomics haben 7 von 24 Mitherausgebern eine Fed-Affiliation. Seit 2005 haben die großen Zentralbanken mit dem International Journal of Central Banking sogar eine eigene Fachzeitschrift für Zentralbankforschung geschaffen. Fed-Ökonomen fungieren also als Torwächter, die über die Auswahl, Bewertung und Sichtbarkeit von Forschung mitentscheiden und damit den wissenschaftlichen Diskurs über Geldpolitik gestalten können.
Bereits 2005 beschrieb Lawrence White die Federal Reserve als dominierenden Akteur in der geldpolitischen Forschung (White, 2005). Seinen Angaben zufolge beschäftigte das Federal Reserve System damals rund 495 Vollzeitökonomen, davon 220 beim Board of Governors. Heute arbeiten allein beim Board of Governors mehr als 400 promovierte Ökonomen. Zudem bindet die Fed externe Forscher als Visiting Scholars und Consultants ein, und veranstaltet Konferenzen, auf denen Wissenschaftler gemeinsam mit Fed-Ökonomen auftreten. Die Fed ist damit laut White nicht nur Teilnehmerin, sondern ein zentraler Taktgeber der geldpolitischen Debatte. White argumentierte, dass diese Konstellation die Gefahr berge, dass geldpolitische Denkmuster durch institutionelle Ressourcen stabilisiert werden.
4. Die Bildung von geldpolitischen Denkmustern
Idealerweise entsteht die wissenschaftliche Grundlage für geldpolitische Entscheidungen außerhalb der Institution, im offenen Wettbewerb unterschiedlicher theoretischer Denkschulen und empirischer Methoden. Die Aufgabe der Zentralbank bestünde darin, diese Forschung neutral zu prüfen und in politische Entscheidungen zu übersetzen. Wenn ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Karrierewege, Publikationsmöglichkeiten und Forschungsressourcen direkt oder indirekt mit der Zentralbank verflochten ist, entsteht ein Umfeld, in dem bestimmte Theorien und Methoden von den Zentralbanken systematisch begünstigt werden. Zentralbank-Ökonomen könnten einem Anreiz unterliegen, geldpolitische Fehler mit wissenschaftlichen Publikationen zu legitimieren, um von Karrierevorteilen zu profitieren. Kritik an den Zentralbanken wird möglicherweise aus der Wissenschaft verdrängt.
Beispielsweise hat der spätere Fed-Chef Ben Bernanke im Jahr 2005 argumentiert, dass ein globaler Ersparnisüberschuss eine wichtige Ursache für die niedrigen langfristigen Realzinsen in den USA sei (Bernanke, 2005). Mit dieser Erklärung führte er die niedrigen Zinsen der Fed und deren negative Nebeneffekte auf Faktoren zurück, die nicht in der Verantwortung der Fed lagen.1 Die empirische Evidenz dafür lieferte 2015 eine Arbeit von Laubach und Williams, die einen deutlichen Rückgang des natürlichen Realzinses aufgrund der Demographie zeigten. John Williams war zu diesem Zeitpunkt Präsident der San Francisco Fed und ist heute Präsident der Federal Reserve Bank of New York. Kevin Warsh und US-Finanzminister Scott Bessent hingegen sehen Vermögenspreisinflation, wachsende Ungleichheit und politische Fehlanreize als direkte Folgen einer Politik des billigen Geldes der Fed, welche die Fed über Jahrzehnte nicht erforscht hat.
Fabo et al. (2021) untersuchen 54 Studien zur quantitativen Lockerung in den USA, im Vereinigten Königreich und im Euroraum und zeigen, dass Autoren mit Zentralbankaffiliation die makroökonomischen Effekte von Wertpapierkaufprogrammen im Durchschnitt günstiger einschätzen als unabhängige Forscher. Zentralbanknahe Studien berichten nach Fabo et al. (2021) größere Effekte auf Output und Preisniveau und finden insbesondere für die Wachstumseffekte der Geldpolitik häufiger statistisch signifikante Wirkungen. Vermögenspreisblasen, Fehlallokationen oder langfristige Risiken für die Bilanz der Notenbank werden hingegen weniger berücksichtigt.
Die Fehlprognosen der Fed können als Folge problematischer Modelle und Annahmen gedeutet werden. Im Dezember 2021 erwartete die Fed für 2022 eine Inflation von 2,6 Prozent und für 2023 von 2,3 Prozent. Die tatsächlich gemessene Inflation lag schließlich bei 8 bzw. 4,1 Prozent. Obwohl die Inflation im November 2021 bereits auf fast 7 Prozent gestiegen war, entschied sich die Fed den Zins nahe Null zu halten, weil sie auf der Grundlage ihrer Modelle die Inflation als vorübergehend einschätzte (Federal Reserve, 2021). Sie reagierte erst, als die Inflation im März 2022 fast 8 Prozent erreicht hatte. Währenddessen war die Bilanzsumme der Fed von 4,2 Billionen US-Dollar im März 2020 auf nahezu 9,0 Billionen US-Dollar im April 2022 gestiegen. Das wiederholte Festhalten an Modellen, die den Inflationsdruck systematisch unterschätzen, spricht dafür, dass bestimmte Annahmen innerhalb der Zentralbankforschung zu wenig hinterfragt wurden.
5. Die Zukunft der Fed und die Zukunft der Fed-Forschung
Kevin Warsh hat die Fed bereits 2016 als Institution beschrieben, deren „Modelle unzuverlässig, deren Politik erratisch und deren Kommunikation verwirrend“ geworden seien. Gleichzeitig bemängelte er ein innerhalb der Fed dominierendes Konformitätsdenken („Groupthink“), durch das neue geldpolitische Dogmen im Mainstream verankert würden (Warsh, 2016b). Er forderte bereits damals neue Datenquellen, neue Analysemethoden, neue ökonomische Modelle, neue Kommunikationsstrategien und ein neues Denkmuster für die Geldpolitik (Warsh, 2016b). Die Fed sei politisch verwundbar geworden, weil sie ihren Aufgabenbereich immer weiter ausgedehnt habe, während ihre Erfolgsbilanz und ihre Rechenschaftspflicht nicht im gleichen Maße mitgewachsen seien.
US-Finanzminister Scott Bessent hat Kevin Warsh für den Posten des Fed-Vorsitz vorgeschlagen. Im vergangenen Jahr bezeichnete Bessent die Fed zugespitzt als eine Art „bedingungsloses Grundeinkommen für Wirtschaftswissenschaftler“ und spielte damit auf die Größe ihres Forschungsapparats an, der die Fed jedoch nicht vor Fehlentscheidungen bewahrt habe (CNBC, 2025). Eine Konsequenz wäre es, die Publikationstätigkeit von Fed-Mitarbeitern stärker zu begrenzen oder gar ganz zu verbieten, um den Einfluss auf die Wissenschaft zu verhindern. Zumindest könnte der Forschungsapparat der Fed durch Stellenabbau verkleinert werden. Ein neuer Fed-Chef könnte solche Schritte anstoßen, aber nicht einseitig durchsetzen. Dafür sind Entscheidungen des Board of Governors und der regionalen Federal Reserve Banken nötig.
Sollte sich die Fed unter Kevin Warsh wieder stärker auf ihr Mandat konzentrieren und sich weniger damit beschäftigen, eigene Theorien im wissenschaftlichen Mainstream zu verankern, könnte dies die geldpolitische Ausrichtung und die geldpolitische Forschung gleichermaßen beeinflussen. Dies würde sich zum einen in einer Abkehr von der unkonventionellen Geldpolitik und einer Verschlankung der Fed-Bilanz zeigen. Zum anderen könnten dominante Denkmuster an Einfluss verlieren und bislang weniger beachtete Fragen stärker in den Vordergrund rücken, etwa die Nebenwirkungen langanhaltend niedriger Zinsen, die langfristigen Folgen von Wertpapierkäufen oder die Risiken wachsender fiskalischer Dominanz.