ODDO BHF Marktausblick vom 05.06.2026
Der Anfang 2026 im Nahen Osten ausgebrochene Konflikt hat einen erheblichen Energieschock ausgelöst, der in mehrfacher Hinsicht mit den großen Ölkrisen der 1970er-Jahre vergleichbar ist. Die anhaltende Schließung der Straße von Hormus – einer strategischen Schlüsselroute des weltweiten Handels mit Kohlenwasserstoffen – hat die Märkte für Rohöl, raffinierte Produkte und Erdgas erheblich gestört. Dies äußerte sich in einer ausgeprägten Preisvolatilität sowie zunehmenden Spannungen bei der Versorgung.
Für Europa treten damit weiterhin bestehende strukturelle Verwundbarkeiten deutlich zutage. Trotz der in den vergangenen Jahren unternommenen Anstrengungen zur Diversifizierung der Energieversorgung und zur Förderung der Energiewende bleibt der Kontinent zum jetzigen Zeitpunkt erheblichen geopolitischen Risiken ausgesetzt. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund einer hohen Importabhängigkeit sowie begrenzter industrieller Kapazitäten in zentralen Segmenten der Energiewertschöpfungskette.
Über die kurzfristigen Marktverwerfungen hinaus erweist sich diese Krise als strategischer Weckruf. Sie unterstreicht die Relevanz der europäischen Zielsetzung einer energiepolitischen Souveränität und wirft die Frage auf, inwieweit Europa in der Lage ist, seine Energieversorgung langfristig zu sichern, ohne dabei von seinem Pfad der europäischen Energiewende abzuweichen.
Ein globaler Ölpreisschock historischen Ausmaßes
Die seit nunmehr dreizehn Wochen andauernde Schließung der Straße von Hormus stellt einen der zentralen Destabilisierungsfaktoren des globalen Ölmarktes dar. Rund 20 % der weltweiten Öl- und LNG-Ströme passieren diese Engstelle, was sie zu einem kritischen Knotenpunkt des internationalen Energiesystems macht. Ihre Blockade hat einen massiven Angebotsschock ausgelöst, mit geschätzten Produktionsausfällen von rund 14 Mio. Barrel pro Tag im Nahen Osten und kumulierten Förderverlusten von über einer Milliarde Barrel seit Beginn der Krise1.
In diesem Umfeld ist der Ölmarkt in eine Phase eines ausgeprägten Angebotsdefizits eingetreten, das auf rund 6 Mio. Barrel pro Tag geschätzt wird2. Der rasante Preisanstieg hat zu einer ersten Nachfragereduktion beigetragen, die auf etwa 1,3 Mio. Barrel pro Tag beziffert wird3. Zunächst konnten komfortable Lagerbestände den Schock abfedern, insbesondere durch die Freigabe von rund 400 Mio. Barrel aus strategischen Reserven der OECD-Länder4. Mit dem fortschreitenden Abbau dieser Bestände nimmt diese stabilisierende Wirkung jedoch spürbar ab.
Obwohl der Markt derzeit teilweise auf eine schrittweise Entspannung setzt – etwa im Rahmen eines Basisszenarios einer Wiederaufnahme der Lieferströme infolge eines diplomatischen Abkommens –, bleibt diese Perspektive mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Sollten die geopolitischen Spannungen anhalten, ist davon auszugehen, dass die bestehenden Ungleichgewichte fortbestehen oder sich sogar verschärfen, was ein dauerhaft erhöhtes Ölpreisniveau zur Folge hätte.
Raffinierte Produkte: Europas Abhängigkeit rückt in den Fokus
Über den Rohölmarkt hinaus hat die Krise auch die Verwundbarkeit des Marktes für raffinierte Produkte offengelegt, der stark von den Störungen der Raffineriekapazitäten im Nahen Osten betroffen ist. Vor Ausbruch des Konflikts exportierte die Region rund 3,3 Mio. Barrel raffinierter Produkte pro Tag5. Zielgerichtete Angriffe auf mehrere Raffinerien führten zu einer deutlichen Angebotsverknappung, die insbesondere im Segment des Flugkraftstoffs spürbar wurde.
Die Exporte von Kerosin auf die internationalen Märkte sind drastisch zurückgegangen und trugen zu einem signifikanten Preisanstieg von bis zu 200 US‑Dollar pro Barrel bei7. Auch der Dieselmarkt blieb nicht verschont, mit Preisen nahe 175 US‑Dollar pro Barrel8. Diese Entwicklungen verdeutlichen die hohe Sensitivität der Märkte für raffinierte Produkte gegenüber lokal begrenzten Schocks, die rasch globale Auswirkungen entfalten können.
Europa ist in diesem Kontext besonders exponiert. Rund 60 % der Kerosinimporte der OECD‑Länder Europas stammen aus dem Nahen Osten7, was das Ausmaß des strukturellen Raffineriedefizits auf dem Kontinent unterstreicht. Seit 2012 wurden in der EU 24 Raffinerien geschlossen8, wodurch die lokalen Kapazitäten erheblich geschrumpft und die Importabhängigkeit weiter erhöht wurden. Während die Dieselversorgung stärker diversifiziert ist, macht die aktuelle Krise deutlich, wie wichtig ein Ausbau europäischer Kapazitäten ist – insbesondere durch die Entwicklung von Bioraffinerien zur Produktion nachhaltiger Kraftstoffe wie SAF und Biodiesel.
Erdgas: Relative Resilienz unterzunehmendem Druck
Auch der europäische und globale Erdgasmarkt wurde durch den Anfang 2026 in Iran ausgelösten Konflikt beeinträchtigt, insbesondere infolge von Angriffen auf strategische Gasinfrastrukturen wie Ras Laffan. In der Folge kam es zu einem raschen Preisanstieg, mit Höchstständen von rund 70 €/MWh am europäischen TTF‑Markt und etwa 25 US‑Dollar/MMBtu am asiatischen JKM9. Diese Volatilität verdeutlicht die strukturelle Abhängigkeit des Gasmarktes von der Sicherheit kritischer Infrastrukturen.
Im Gegensatz zum Ölmarkt ist der Gassektor durch stärker konzentrierte und weniger flexible Exportstrukturen gekennzeichnet. Katar nimmt hierbei eine Schlüsselrolle ein und steht für rund 20 % der weltweiten LNG‑Ströme sowie etwa 5 % der globalen Gasproduktion. Die Krise hat den Wettbewerb zwischen Europa und Asien weiter verschärft, da LNG‑Ladungen verstärkt in die jeweils attraktivsten Absatzmärkte umgeleitet werden.
Obwohl eine partielle Preiskorrektur zu beobachten war, bleibt der Markt aktuell strukturell angespannt. Europa ist trotz einer verbesserten Diversifizierung durch den Ausbau von LNG‑Importen weiterhin anfällig – insbesondere mit Blick auf die Sommermonate. Die Notwendigkeit, die Gasspeicher vor dem Winter wieder aufzufüllen, trifft auf eine steigende asiatische Nachfrage, vor dem Hintergrund des dauerhaften Wegfalls russischer Gaslieferungen.
Ein Konflikt als Bestätigung der europäischen energiepolitischen Souveränitätsagenda
Die Spannungen auf den globalen Energiemärkten rücken die Frage der europäischen energiepolitischen Souveränität erneut in den Mittelpunkt strategischer Überlegungen. Die aktuelle Krise macht tief verwurzelte strukturelle Abhängigkeiten deutlich, insbesondere bei Öl, raffinierten Produkten und Erdgas.
Im Öl- und Produktesegment stellt die Elektrifizierung der Energieverbräuche – insbesondere im Straßenverkehr – einen zentralen Hebel zur Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern dar. Für schwerer zu elektrifizierende Sektoren wie die Luftfahrt, den Schwerlastverkehr oder bestimmte industrielle Anwendungen liegt die Herausforderung primär auf industrieller Ebene. Der Aufbau europäischer Bioraffineriekapazitäten könnte langfristig eine lokale Produktion erneuerbarer Kraftstoffe wie erneuerbaren Diesels und nachhaltiger Flugkraftstoffe ermöglichen.
Diese Ausrichtung fügt sich in den europäischen regulatorischen Rahmen ein, insbesondere in die RED‑III‑Richtlinie (mit einem Ziel von rund 45 % erneuerbarer Energien bis 203010) sowie in die Verordnung ReFuelEU Aviation, die eine schrittweise Beimischung nachhaltiger Kraftstoffe im Luftverkehr vorschreibt. Die Umsetzung bleibt jedoch durch hohe Kosten, lange industrielle Vorlaufzeiten und erhebliche Infrastrukturbedarfe begrenzt.
Auf dem Gasmarkt sind die Handlungsspielräume deutlich eingeschränkter. Die europäische Produktion, insbesondere in der Nordsee, ist nicht ausreichend, um die Importabhängigkeit dauerhaft zu kompensieren. Vor diesem Hintergrund erscheint der weitere Ausbau erneuerbarer Energien als eine der zentralen langfristigen Alternativen, um die Exponierung gegenüber geopolitischen Schocks zu reduzieren und die europäische Versorgungssicherheit nachhaltig zu stärken.