Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 02.10.2026
Obwohl die geopolitische Lage denkbar unruhig ist, der Ölpreis zwischenzeitlich wieder neue Hochs markiert hat, dürfte das Wachstum zum Jahresende dennoch an Breite gewinnen, ohne bereits in einen ungebremsten Aufschwung überzugehen. Die Konjunktur erhält neuen Schwung, während die großen Zentralbanken die Handbremse in Anbetracht der Inflation eher weiter anziehen sollten. Wachstum bei steigenden Leitzinsen – dieses Spannungsverhältnis dürfte die Kapitalmärkte bis weit in das Schlussquartal prägen.
Dabei bedarf die konjunkturelle Entwicklung des zweiten Blicks. Der Rückgang unseres proprietären Makro-Breiten-Indikators im August war zwar deutlich, aber vermutlich nur vorübergehend. Die Stimmung in den Unternehmen hat sich bereits gebessert, und auch das verarbeitende Gewerbe hält sich vergleichsweise gut. Inzwischen holen die Dienstleister auf. Das spricht dafür, dass die Delle des Sommers eher eine Pause als einen Wendepunkt markiert. Die Weltwirtschaft bleibt widerstandsfähiger, als es die Vielzahl politischer Konflikte, hoher Finanzierungskosten und hartnäckiger Preissteigerungen zunächst vermuten ließe.
Regional fällt das Bild allerdings unterschiedlich aus. In den Vereinigten Staaten deutet vieles auf eine erneute Beschleunigung von einem soliden Ausgangsniveau aus hin. In Europa überraschen die Daten zunehmend positiv. Besonders die staatlichen Ausgaben für Infrastruktur, Verteidigung und den Umbau der Energieversorgung stützen die Nachfrage und helfen externe Schocks, wie den Ölpreis, abzufedern. Deutschland könnte deshalb besser abschneiden, als viele Prognosen bislang unterstellen. In Japan gewinnt die Erholung ebenfalls an Breite. China bleibt dagegen die wichtigste Schwachstelle, doch zusätzliche staatliche Ausgaben könnten der Wirtschaft im vierten Quartal zumindest vorübergehend Auftrieb geben.
Damit zeichnet sich kein klassischer Boom ab, wohl aber ein etwas breiterer und tragfähigerer Aufschwung. Für die Märkte ist das wichtig: Steigende Unternehmensumsätze und weiterhin robuste Gewinne könnten die Aktienkurse stützen und zugleich den Unternehmen helfen, ihre Schulden zu bedienen. Investitionen in Rechenzentren, Stromnetze, Automatisierung und die Nutzung künstlicher Intelligenz wirken als zusätzliche Wachstumsmotoren. Sie schaffen Nachfrage weit über die großen Technologiekonzerne hinaus – etwa bei Ausrüstern, Werkstoffherstellern, Energieversorgern und industriellen Zulieferern.
Die Kehrseite dieser Widerstandskraft ist, dass der Preisauftrieb nur langsam nachlässt. In vielen Ländern liegt die Teuerung weiterhin über dem Ziel der Notenbanken. Hinzu kommen schwankende Energiepreise, angespannte Rohstoffmärkte und höhere staatliche Ausgaben. Eine kräftigere Nachfrage ist zwar gut für das Wachstum, erschwert aber den Kampf gegen die Inflation.
Nach den Zinserhöhungen im September rechnen wir bei der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) bis zum Jahresende mit jeweils einem weiteren Schritt um 0,25 Prozentpunkte. Auch die Bank von Japan (BoJ) dürfte ihren vorsichtigen Weg zu höheren Zinsen fortsetzen. Die Botschaft ist klar: Die Notenbanken sehen noch keinen Anlass, den geldpolitischen Druck zu mindern. Solange Wachstum und Beschäftigung nicht deutlich einbrechen, können sie sich auf die Preisstabilität konzentrieren.
Für Anleger bedeutet das: Robuste Daten könnten den Spielraum für weitere Zinsschritte nach oben vergrößern. Vor allem bei länger laufenden Anleihen könnten die Renditen deshalb erhöht bleiben, verbunden mit dem Risiko eines weiteren Anstiegs. Dieser Anpassungsprozess muss jedoch nicht ungeordnet verlaufen. Entscheidend ist, dass die höheren Finanzierungskosten durch steigende Einkommen und Gewinne aufgefangen werden.
Risiken dürfen allerdings nicht ausgeblendet werden. Eine neue Zuspitzung im Nahen Osten könnte die Energiepreise treiben. Eine unerwartete Schwäche am Arbeitsmarkt oder beim privaten Verbrauch würde den Aufschwung infrage stellen. In den Vereinigten Staaten kommen als Unsicherheitsfaktoren die Zwischenwahlen („midterms“) und eine schleichende Abkehr vom US-Dollar als Leitwährung hinzu. Auch hohe Staatsschulden bleiben ein Thema. Sie erhöhen das Angebot an Anleihen und verlangen von Investoren einen angemessenen Zinsaufschlag.
Trotzdem sollte das Umfeld für risikoreichere Anlagen insgesamt konstruktiv bleiben. Die Unternehmensgewinne entwickeln sich solide, und die jüngste Neubewertung hat in mehreren Marktsegmenten wieder attraktivere Einstiegsmöglichkeiten geschaffen. Das gilt besonders für Aktien aus Schwellenländern und für ausgewählte Staatsanleihen. Allerdings ist eine breite Streuung wichtiger denn je. Die lange Vorherrschaft weniger großer Wachstumswerte macht viele Depots anfällig. Substanzwerte, die regelmäßige Zahlungsüberschüsse erwirtschaften, können hier einen wertvollen Gegenpol bilden.
In den kommenden Wochen bleiben jetzt vor allem drei Entwicklungslinien interessant:
- Erstens muss sich zeigen, ob die bessere Unternehmensstimmung tatsächlich in Aufträgen, Produktion und Beschäftigung ankommt.
- Zweitens werden die Inflationsdaten darüber entscheiden, wie energisch die Notenbanken auftreten.
- Drittens muss die anstehende Berichtssaison zeigen, ob die hohen Investitionen in digitale Infrastruktur, Energieversorgung und Automatisierung bereits zu Erträgen führen.
Fallen diese Signale überwiegend positiv aus, kann sich der Aufschwung an den Märkten verbreitern. Enttäuschungen dürften dagegen vor allem jene Bereiche treffen, deren Bewertungen wenig Raum für negative Überraschungen lassen.
Das Umfeld ist insgesamt anspruchsvoll, aber nicht chancenarm. Wachstum kommt im Gepäck mit Inflation, steigenden Leitzinsen und politischen Risiken. Wer sein Portfolio breit aufstellt, Bewertungen beachtet und Ertragskraft höher gewichtet als bloße Hoffnungen, könnte davon profitieren.
Das legt folgende taktische Allokation nahe:
- Eine leichte Übergewichtung von Aktien erscheint gerechtfertigt.
- Aktien: Das größte Gewicht sollte auf Märkten und Unternehmen liegen, deren Gewinne durch den konjunkturellen Aufschwung und längerfristige Investitionen gestützt werden. Besonders aussichtsreich erscheinen Schwellenländer, gefolgt von Japan, den Vereinigten Staaten und Europa.
- In Asien sprechen die tiefe industrielle Wertschöpfung, der Ausbau künstlicher Intelligenz und die Modernisierung der technischen Ausstattung für ausgewählte Anbieter.
- Indien verbindet eine konsumgetragene Wirtschaft mit günstigen demografischen Voraussetzungen, während Japan von wachstumsfreundlicher Politik und besserer Unternehmensführung profitiert.
- Thematisch bleiben Automatisierung, Biotechnologie, Stromnetze und Goldminen interessant.
- Zugleich könnte die Beimischung günstig bewerteter Substanzwerte („Value“) die Dominanz hoch bewerteter Technologietiteln verringern.
- Anleihen: Bei Staatsanleihen der Industrieländer erscheint insgesamt eine neutrale bis vorsichtige Haltung angebracht, weil die Inflation hartnäckig bleibt, die Haushaltsdefizite hoch sind und weitere Zinsschritte bereits erwartet werden.
- Innerhalb dieses Bereichs erscheinen europäische Staatsanleihen vergleichsweise attraktiv. Bei Frankreich ist wegen politischer Risiken Zurückhaltung ratsam.
- Bei kürzeren Laufzeiten bieten deutsche Bundesanleihen unseres Erachtens mehr Gegenwert als US-Staatsanleihen. Bei langen Laufzeiten stechen britische Staatsanleihen hervor. Inflationsgeschützte US-Anleihen können von anhaltendem Preisdruck profitieren.
- Bei Schwellenländeranleihen bevorzugen wir Länder mit hohen realen Renditen, soliden Staatsfinanzen und Energieexporten.
- Unternehmensanleihen sollten vor allem über ihre laufenden Zinseinnahmen tragen. Dabei verdienen Papiere guter Schuldner Vorrang, insbesondere aus dem Finanzsektor und aus weniger konjunkturabhängigen Konsumbereichen.
- Gold und breiter gestreute Rohstoffanlagen können bei geopolitischen Spannungen, knappen Angebotsverhältnissen und Zweifeln an der Geldwertstabilität Schutz bieten.
- Bei Währungen drängt sich kurzfristig keine ausgeprägte Richtung auf. Auf mittlere Sicht spricht jedoch einiges für einen schwächeren US-Dollar gegenüber den übrigen großen Währungen.
Rendite ohne angezogene Handbremse wünscht Ihnen
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research