Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 15.05.2026
Es lohnt sich, die Indikatoren für die konjunkturelle Dynamik genau im Blick zu behalten, denn mithilfe dieser Daten können wir die Markterwartungen kritisch überprüfen und den zu erwartenden Kurs der Zentralbanken einschätzen. Der US-Arbeitsmarktbericht fiel in der vergangenen Woche überraschend positiv aus: Außerhalb des Agrarsektors wurden im April 115.000 neue Stellen geschaffen, womit die Markterwartungen im zweiten Monat in Folge deutlich übertroffen wurden. Die Arbeitslosenquote verharrte bei 4,3%. Das bedeutet, dass ein schwacher Arbeitsmarkt wohl vorerst kein Risiko mehr darstellt. Gleichzeitig meldeten die Unternehmen für das erste Quartal auffallend robuste Gewinne. Eine beträchtliche Mehrheit der Unternehmen des S&P 500 übertraf die Konsensprognosen, und insgesamt lag das Gewinnwachstum deutlich über den Erwartungen. Es sieht also so aus, als steige die „fundamentale Untergrenze“ für die Aktienkurse an, wenngleich die Energiepreisentwicklung nach wie vor ein Risiko darstellt. Angesichts des ungünstigen geopolitischen Umfelds ist die bisherige Performance des S&P 500 in diesem Jahr (+8%) ganz klar auf diese wahrgenommenen Stärken zurückzuführen.
Aber seien wir ehrlich: Die Lage sieht nicht rundum günstig aus. Die US-Umfragedaten waren uneinheitlich: Laut dem jüngsten ISM für das verarbeitende Gewerbe liegt die Aktivität zwar oberhalb der Expansionsschwelle und die Auftragseingänge stiegen weiter an, aber der Mix aus Produktion und Inflation stellt ein Problem dar (die Input-Preise stiegen deutlich an und befinden sich auf dem höchsten Stand seit 2022). Gleichzeitig sind im Dienstleistungssektor Anzeichen für eine Verlangsamung der Dynamik zu erkennen. Zudem halten wir es für möglich, dass die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe vor allem deswegen angestiegen sind, weil im Vorgriff auf erwartete Preisanhebungen und Lieferunterbrechungen Käufe vorgezogen und die Lagerbestände aufgefüllt werden. Im Vergleich dazu fielen die Daten aus Europa deutlich weniger optimistisch aus, zumal die steigenden Rohstoffpreise im Euroraum weniger gut durch andere Faktoren kompensiert werden können als in den USA. Der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum wurde durch das Ergebnis für den Dienstleistungssektor unter die Expansionsschwelle von 50 gedrückt. Gleichzeitig wuchs das BIP im ersten Quartal lediglich um 0,1% gegenüber dem Schlussquartal 2025. In Deutschland entwickelten sich die Auftragseingänge (Anstieg) und die Produktion (Abschwächung) zuletzt gegenläufig. Dies ruft in Erinnerung, dass Angebotsengpässe unter Umständen sehr rasch die kurzfristigen Inflationsraten nach oben treiben und die Produktion in bestimmten Sektoren dämpfen können.
Umfragen zur Kreditvergabepolitik der Banken ergänzen Unternehmensumfragen sehr gut, denn sie erfassen, wie sich die Geldpolitik und die Risikobereitschaft auf die Kreditbedingungen auswirken. Der jüngsten Umfrage unter US-Kreditgebern (US Senior Loan Officer Opinion Survey) zufolge haben die Banken ihre Kreditbedingungen für Unternehmen verschärft. Bislang erscheinen die Auswirkungen jedoch moderat, und die Aufschläge für Kreditrisiken gehen sowohl für große als auch für kleinere Unternehmen zurück. In den USA spielen neben den Banken die Kapitalmärkte zudem eine wichtige Rolle für die Finanzierung, wie die lebhafte Emissionstätigkeit der Unternehmen bei historisch engen Renditeaufschlägen (Spreads) belegt. Im Euroraum ist die Kreditvergabe der Banken dagegen von größerer Bedeutung für die Wirtschaft, und die Kreditbedingungen wurden deutlich stärker verschärft. Zum Teil sind die strikteren Kreditvergabebedingungen darauf zurückzuführen, dass die Banken Leitzinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten, die im Vergleich zur US-Notenbank Federal Reserve einen restriktiveren Kurs verfolgt. Dies dürfte die Konjunkturdynamik im Euroraum dämpfen.
Wir werden schon bald aktuellere Daten zur Konjunkturdynamik bekommen: In der kommenden Woche werden die Vorabschätzungen für die Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. Sie werden zeigen, inwieweit die jüngste Verlangsamung im Dienstleistungssektor von Dauer ist und ob die Konjunktur in Europa weiter an Dynamik verliert. Eine solche Entwicklung wäre wohl der einzige Faktor, der die EZB von einer Zinserhöhung im Juni abhalten könnte. An den Zinsmärkten wird derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80% von einem Zinsschritt um 25 Basispunkte ausgegangen. Wir werden in den Umfragen vor allem auf die Signale für die Angebotsseite – Lieferzeiten, Inputpreise und Lageraufbau – schauen, die Hinweise auf potenzielle konjunkturelle Turbulenzen und möglicherweise dauerhaft höhere Inflationsraten geben können.
Die Woche voraus
Die bereits erwähnten Vorabschätzungen der Einkaufsmanagerindizes zum Ende der Woche sind die wichtigsten Daten der kommenden Woche.
In den USA lässt die Umfrage der Philadelphia Fed auf die künftige Aktivität schließen. Baubeginne und der NAHB-Index für den Immobilienmarkt zeigen, wie die Lage in einem weniger dynamischen Bereich der US-Wirtschaft ist.
In Großbritannien stehen Inflationsdaten (VPI und PPI) an, und im Euroraum werden die endgültigen HVPI-Daten für April bekanntgegeben. Außerdem werden die Handelsbilanzdaten für März für den Euroraum veröffentlicht, und für Deutschland steht der weithin beachtete Ifo-Index im Kalender. Detaillierte Zahlen zum BIP werden ein genaueres Bild vom inländischen Konjunkturzyklus zeichnen. Zuletzt dürften in Großbritannien sämtliche Arbeitsmarktindikatoren weiterhin schwach ausfallen, zumal die höheren Ölpreise sich auf Inflations- und Zinserwartungen auswirken.
In Japan sollte der BIP-Bericht für das erste Quartal bestätigen, dass sich die Konjunktur belebt hat. Die Handelsbilanzdaten für April könnten dagegen erste Auswirkungen der gestiegenen Energiepreise widerspiegeln. Die VPI-Daten am Freitag dürften weiterhin auf eine höhere Gesamt- und moderatere Kerninflationsrate hindeuten.
Zuletzt stehen in China Daten zur Industrieproduktion, zu den Einzelhandelsumsätzen und zu den Anlageinvestitionen im Kalender.
Ihr,
Sean Shepley
Senior Economist