Flossbach von Storch Studie vom 22.05.2026
von Kai Dutsch und Gunther Schnabl
Vietnam hat mit graduellen Reformen beachtliches Wachstum erreicht, das sich insbesondere auf die Aktivität ausländischer Unternehmen im Inland und den Export stützt.
Nach Jahrzehnten von Planwirtschaft, Krieg und Armut begann Vietnam ab 1986 schrittweise marktwirtschaftlichen Reformen („Đổi Mới“). Ausgangspunkt waren ineffiziente Staatsbetriebe, hohe Staatsverschuldung, Inflation und Hunger. Die Regierung legalisierte zunächst die private landwirtschaftliche Produktion und später private Unternehmen. Die Preise wurden schrittweise freigegeben, Staatsunternehmen reformiert und ein zweistufiges Bankensystem eingeführt. Der gradualistische Reformprozess unterschiedet von der Schocktherapie von Javier Milei in Argentinien und bildet damit einen wichtigen Baustein für das Verständnis von Reformprozessen.
Die Reformen in Vietnam bewirkten eine weitreichende makroökonomischen Stabilisierung. Durch Haushaltskonsolidierung, eine restriktivere Geldpolitik und eine kontrollierte Abwertung des Dong sank die Inflation von zeitweise mehreren hundert Prozent Ende der 1980er-Jahre auf niedrige einstellige Werte in den 1990er-Jahren. Gleichzeitig nahmen ausländische Direktinvestitionen zu, was stark wachsende Exporte nach sich zog. Höhere Wachstumsraten förderten die private Ersparnisbildung. Dennoch deutet die sich fortsetzende graduelle Abwertung des Dong darauf hin, dass der makroökonomische Stabilisierungsprozess noch nicht abgeschlossen ist.
Heute gehört Vietnam – begünstigt durch die Mitgliedschaft in zahlreichen Freihandelsabkommen – zu den dynamischsten Exportnationen Asiens. Die Exportstruktur wandelte sich von Agrarprodukten und Rohstoffen hin zu Industrie- und Elektronikprodukten. Besonders seit den 2010er-Jahren profitiert Vietnam von der Integration in globale Wertschöpfungsketten und von der Verlagerung von Produktion aus China heraus („China Plus One“). Wichtige Exportmärkte sind die USA, die EU und Ostasien. Gleichzeitig ist Vietnam stark von Importen aus China abhängig, insbesondere bei Vorprodukten für die Industrieproduktion.
Der wirtschaftliche Aufstieg ging mit einem deutlichen Wohlstandsgewinn einher. Das Pro-Kopf-Einkommen und die Lebenserwartung stiegen stark, die Armutsquote sank deutlich und das Bildungsniveau entwickelte sich positiv. Der Finanzmarkt bleibt jedoch unterentwickelt. Der Kapitalmarkt ist klein, viele Unternehmen haben nur begrenzten Zugang zu Krediten. Staatsunternehmen spielen weiterhin eine große Rolle in der Wirtschaft, so dass das Pro-Kopf-Einkommen Vietnams weiter deutlich hinter China, Thailand, Japan und Südkorea zurückbleibt.
Das liegt auch daran, dass der graduelle Reformprozess unvollständig geblieben ist. Trotz Privatisierungen kontrolliert die kommunistische Partei weiterhin zentrale Wirtschaftsbereiche. Die Wachstumsdynamik wird deshalb vor allem von ausländischen Direktinvestitionen und dem Export getragen. Zudem bestehen Risiken durch eine möglicherweise zu schnelle Kreditexpansion, eine niedrige Geburtenrate sowie geopolitische Spannungen zwischen China und den USA. Die jüngsten US-Zölle gegen Vietnam wegen mutmaßlichen „Transshippings“ chinesischer Waren verdeutlichen die Risiken der Exportabhängigkeit. Für ein weiteres wirtschaftliches Aufholen sind tiefgreifendere Reformen wie weitere Privatisierungen und die Liberalisierung des Finanzsystems notwendig. Die Schocktherapie von Javier Milei erscheint im Lichte von Vietnam aussichtsreicher.