Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 22.05.2026
Die Kapitalmärkte bewegen sich weiter zwischen KI-Euphorie und Inflationssorgen. Robuste Unternehmensgewinne, milliardenschwere Investitionen in Künstliche Intelligenz und die Hoffnung auf Produktivitätsschübe stützen die Kurse. Gleichzeitig belasten geopolitische Spannungen, hartnäckige Inflation und die Sorge vor einer konjunkturellen Abkühlung die Stimmung. Die neue Börsenwoche dürfte daher erneut zeigen, wie belastbar Wirtschaft und Märkte tatsächlich sind.
Vor allem die Vereinigten Staaten bleiben Taktgeber der internationalen Aktienmärkte. Die Dynamik der Unternehmensgewinne ist dort weiterhin solide. Besonders Technologiewerte profitieren vom Ausbau der KI-Infrastruktur: Große Konzerne investieren massiv in Rechenzentren, Halbleiter und Datenkapazitäten. Zugleich wächst die Debatte, ob die hohen Bewertungen einzelner KI-Gewinner dauerhaft durch steigende Gewinne gedeckt werden können. Die Euphorie rund um große Technologiekonzerne erinnert daran, dass selbst starke Zukunftstrends Übertreibungen nicht ausschließen.
Insgesamt bleibt das Umfeld für Aktien konstruktiv. Mittelzuflüsse in Aktienfonds und Aktienrückkäufe stützen zusätzlich. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Einzeltitelauswahl zu: Nicht mehr der gesamte Markt steigt im Gleichschritt, sondern vor allem Unternehmen mit überzeugenden Gewinnperspektiven.
Regional sprechen viele Argumente weiter für die USA und große asiatische Technologiestandorte. In Europa hat sich die Hoffnung auf eine kräftige Gewinnbelebung zuletzt eingetrübt. Die Folgen der Spannungen im Nahen Osten und die Sorgen um die Energieversorgung belasten vor allem die Industrie. Zugleich bleibt die Aussicht bestehen, dass zusätzliche staatliche Investitionen – insbesondere aus Deutschland – im Jahresverlauf Wachstumsimpulse setzen könnten. Japan bleibt ebenfalls interessant: Eine weiterhin lockere Geldpolitik, Konjunkturprogramme und Fortschritte bei der Unternehmensführung schaffen dort ein vergleichsweise freundliches Umfeld. Auch Schwellenländer profitieren von KI-Nachfrage und einem tendenziell schwächeren US-Dollar, erscheinen kurzfristig aber etwas überhitzt.
Auf Sektorebene dominiert Technologie zwar weiter das Bild, doch erste Anleger reduzieren ihre Übergewichtung besonders hoch bewerteter KI-Werte vorsichtig. Gleichzeitig gewinnen klassische Industriewerte an Aufmerksamkeit. Unternehmen aus Maschinenbau, Chemie oder Rohstoffen profitieren indirekt vom Ausbau digitaler Infrastruktur oder auch von kriegsbedingten Knappheiten. Banken werden von robustem Kreditwachstum und stabilen Zinsmargen gestützt. Defensive Bereiche wie Nahrungsmittel oder Telekommunikation bleiben eher im Hintergrund, könnten bei neuen Marktverwerfungen aber wieder stärker gesucht sein.
Auch die Rentenmärkte senden gemischte Signale. Die Inflation erweist sich als zäh. Gerade in den USA könnten höhere Zölle und steigende Energiepreise den Preisauftrieb erneut verstärken. Marktbeobachter warnen daher weiter vor einem stagflationären Szenario, falls sich schwächeres Wachstum und erhöhte Teuerung überlagern. Unternehmensanleihen guter Bonität sowie ausgewählte Schwellenländeranleihen erscheinen weiterhin attraktiv. Gleichzeitig bleibt die Kombination aus hohen Staatsdefiziten, geopolitischen Spannungen und ambitionierten Bewertungen ein Risikofaktor.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Konflikt mit Iran und dessen möglichen Folgen für die globale Energieversorgung. Die Märkte haben geopolitische Krisen zuletzt zwar erstaunlich gut verarbeitet. Ein länger anhaltender Anstieg der Ölpreise könnte das fragile Gleichgewicht zwischen Wachstum und Inflation jedoch spürbar stören. Mehrere aktuelle Ausblicke verweisen genau auf dieses Spannungsfeld zwischen AI-getriebenem Wachstum und energieseitigen Risiken.
Die Woche voraus
Am Dienstag stehen in den USA das Verbrauchervertrauen des Conference Board für Mai sowie der Case-Shiller-Hauspreisindex für März an. Beide Daten geben Hinweise darauf, wie robust Konsum und Immobilienmarkt trotz hoher Finanzierungskosten geblieben sind.
Am Donnerstag rücken in der Eurozone die Stimmungsindikatoren der Europäischen Kommission für Mai in den Fokus. In den Vereinigten Staaten werden unter anderem die Preisdaten des privaten Konsums für April veröffentlicht; der Kernpreisindex bleibt eines der wichtigsten Inflationsbarometer der US-Notenbank. Hinzu kommen die zweite Schätzung des Bruttoinlandsprodukts für das erste Quartal sowie die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung.
Der Freitag dürfte den datenreichsten Tag der Woche markieren. In Japan stehen die Verbraucherpreise für Tokio im Mai sowie Arbeitsmarkt- und Einzelhandelsdaten für April an. In Deutschland folgen die Importpreise für April, die Arbeitslosenzahlen für Mai sowie die vorläufigen Inflationsdaten für Mai. Aus den USA kommt zudem der Chicago-Einkaufsmanagerindex für Mai.
Gerade in einem Umfeld erhöhter stagflationärer Risiken sollten, Geopolitik und KI hin oder her, die Konjunktursignale nicht unterschätzt werden.
Klare Signale wünscht Ihnen,
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research