Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 07.08.2026
Die Kapitalmärkte stehen erneut vor einer Bewährungsprobe. Kaum hatte sich zwischenzeitlich etwas Ruhe eingestellt, hat sich die Lage rund um den Nahen Osten in den vergangenen Wochen erneut zugespitzt. Die andauernden Störungen an der Straße von Hormus treffen auf eine Weltwirtschaft, die konjunkturell zwar stabil, aber alles andere als unverwundbar ist. Gleichzeitig zeigen sich die Unternehmensgewinne bislang erfreulich robust, und Investitionen in Zukunftsfelder wie Künstliche Intelligenz laufen nahezu unvermindert weiter.
Die Ausgangslage bleibt ambivalent. An den fundamentalen Rahmendaten hat sich zuletzt wenig geändert: Die Gewinne der Unternehmen präsentieren sich weiterhin solide, die Investitionspläne bleiben intakt, und auch die Kapazitätsauslastung in vielen Branchen deutet nicht auf eine bevorstehende Rezession hin. Die voranschreitende Berichtssaison verlief durchaus positiv. Über 50% der im S&P 500 enthaltenden Firmen haben bereits ihre Quartalsberichte veröffentlicht. Ein auffällig hoher Anteil der Unternehmen hat die ohnehin schon hohen Erwartungen der Analysten übertroffen. Besonders im Technologiesegment wird dies deutlich. Im europäischen Aktiensegment zeigt sich ein solides, wenn auch, gemessen am Anteil der positiven Überraschungen, nicht ganz so positives Bild. Im STOXX 600 für Europa hat vor allem der Gesundheitssektor die Analystenerwartungen übertrumpft, während es im Immobiliensektor zu einem hohen Anteil an Firmen kam, der enttäuschte.
Noch scheint zu gelten: Die Weltwirtschaft zeigt Widerstandskraft, was sich in den Unternehmensgewinnen fortsetzt. Angesichts der fluiden Situation an der Straße von Hormus bleibt die Lage am Ölmarkt der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Unmittelbarer spürbar ist der Engpass bislang vor allem bei Raffinerieprodukten: Die Aufschläge für Diesel und andere Destillate gegenüber dem Preis des Rohstoffs haben sich merklich ausgeweitet, weil die Störungen im Nahen Osten auf eine bereits angespannte Raffineriekapazität treffen.
Derweil schlägt das Politbüro Chinas einen vorsichtig wachstumsfreundlicheren Kurs für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein. Vor allem die Anlageinvestitionen insbesondere im Infrastrukturbereich sollten das Wachstum Chinas im zweiten Halbjahr stützen.
Zu dieser Gemengelage gesellt sich ein weiterer Faktor: die Geldpolitik. Statt der zuletzt erhofften Lockerung mehren sich die Signale für eine anhaltend straffe Ausrichtung. Die US-Notenbank Federal Reserve Bank (Fed) hat ihren Leitzins im Juli erwartungsgemäß unverändert in der Spanne von 3,50 bis 3,75 % gelassen – bei einer auffälligen Abstimmung von 9 zu 3, in der drei Regionalpräsidenten für eine sofortige Zinserhöhung votierten. Der Fed-Vorsitzende Warsh verwies auf das bereits gestiegene Zinsniveau am Anleihemarkt als Beleg dafür, dass sich die Straffung der Finanzierungsbedingungen längst vollzieht, und machte deutlich, dass die Notenbank angesichts der seit Jahren erhöhten Inflation nicht zögern werde zu handeln, sollte dies nötig werden. Bleibt eine breitere Entspannung bei der Kerninflation oder eine deutliche Abkühlung am Arbeitsmarkt aus, erscheinen weitere Zinsschritte im September und Dezember wahrscheinlich. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Kurs im Juli bestätigt und signalisiert, dass eine weitere Anhebung auf 2,5 % im September nur schwer zu verhindern wäre – zumal die Wahrscheinlichkeit weiter steigt, sollte auch die Fed nachziehen. Selbst die japanische Notenbank (Bank of Japan BoJ), die ihren Leitzins zuletzt bei 1 % beließ, dürfte angesichts hartnäckiger Inflation und eines erneut schwächeren Yen im September oder Oktober nachlegen. Bei ihrer jüngsten Sitzung gab sie entsprechend falkenhafte Töne von sich und kaufte Yen gegen US-Dollar als Interventionsmaßnahme gegen die Schwäche der eigenen Währung.
Für die Kapitalmärkte bedeutet das: Statt einer Entlastung durch sinkende Zinsen müssen sich Anleger auf ein Umfeld einstellen, in dem die Notenbanken Preisstabilität, Wachstum und die Finanzierungskosten der Staaten gleichzeitig im Blick behalten müssen – ein Balanceakt, der wenig Spielraum für Fehler lässt.
Das legt folgende taktische Allokation bei Aktien und Anleihen nahe:
- Wir sehen globale Aktien langfristig weiterhin positiv, insgesamt ist die Haltung angesichts der geopolitischen Unsicherheit im Nahen Osten und der geldpolitischen Straffung aber über nahezu alle Regionen hinweg aber vorsichtiger geworden.
- Bei dieser Unsicherheit spricht vieles für einen taktisch flexiblen Ansatz. Liquidität spielt wieder eine größere Rolle, um auf Marktbewegungen reagieren und sich bietende Einstiegsmöglichkeiten nutzen zu können.
- Innerhalb der Aktienmärkte differenzieren wir zudem stärker nach Regionen: Europa und weitere Märkte außerhalb der USA können auf neutral bis leicht positiv zurückgestuft werden, während die USA und Schwellenländer relativ attraktiver erscheinen. Das ist keine Reaktion auf schwächere Fundamentaldaten, sondern die Erkenntnis, dass geopolitische Entwicklungen die Stimmung rasch drehen können.
- Trotz zunehmender geopolitischer Spannungen bleibt Künstliche Intelligenz (KI) ein zentrales Thema an den globalen Aktienmärkten. China steht am Beginn der ersten Welle einer breiten KI-Implementierung, gestützt durch gut ausgebaute Lieferketten und Innovationen in Hardware, Modellen und Robotik.
- Elektrifizierung und KI-getriebener Strombedarf stützen Investitionen in Stromerzeugung, Netze und zugehörige Ausrüstung. Das Wachstum von Rechenzentren bedeutet, dass Strom- und Netzanlagen wahrscheinlich die wichtigsten Profiteure von Engpässen sein werden.
- Im Anleihebereich sind wir bei europäischen Peripherie-Staatsanleihen vorsichtiger geworden, während wir US-Treasuries neutral einschätzen. Britische Staatsanleihen bleiben durch fiskalische und politische Unsicherheiten belastet. Setzen sich die geopolitischen Spannungen fort, dürfte künftig weniger die Inflation selbst als vielmehr die Risikoprämie im Fokus stehen – Hochzinsanleihen und Anleihen aus Schwellenländern erscheinen dann besonders anfällig.
- Am Devisenmarkt bleibt das Bild ausgeglichen: Der vergleichsweise straffe Kurs der EZB stützt den Euro tendenziell, für eine klare Überzeugung zugunsten des Euro gegenüber dem US-Dollar fehlt derzeit aber die notwendige Dynamik.
- Auch alternative Anlagen bleiben relevant. Die Debatte um den Ölpreis bleibt angesichts der fluiden Lage an der Straße von Hormus schwierig; ein weiterer kurzfristiger Anstieg ist nicht auszuschließen, dürfte sich über die Zeit aber durch strukturelle Anpassungen bei Angebot und Transportwegen wieder relativieren. Kurzfristig konzentriert sich die Knappheit vor allem auf Raffinerieprodukte. Gold dürfte seine Rolle als Stabilitätsanker in unsicheren Zeiten derweil erneut unter Beweis stellen.
- Insgesamt bleiben wir vorsichtig-konstruktiv positioniert: Die geopolitische Entwicklung rechtfertigt einen Rückgang der Überzeugung in einzelnen Marktsegmenten, stellt das grundsätzlich unterstützende Bild aus solidem Wachstum, robusten Unternehmensgewinnen und anhaltenden Investitionen für sich genommen aber nicht infrage.
- Zwischen Widerstandskraft und Straffung entscheidet nicht das Tempo, sondern die Richtung: Wer den Kurs hält, flexibel bleibt und die entscheidenden Signale – Ölpreis, Notenbankkurs und Unternehmensgewinne – im Blick behält, kann auch in diesem Umfeld Chancen nutzen. Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe der kommenden Wochen.
Investmentthema: → Longevity – länger Geld für ein längeres Leben
- Die Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten und dürfte weiter zunehmen. Auf die eigene Biografie bezogen heißt die Formel: Wer länger lebt, lebt auch immer länger. Die Lebenserwartung steigt, weil Sterbewahrscheinlichkeiten überlebt wurden.
- Gleichzeitig sinkt in vielen Industrieländern die Zahl der Erwerbstätigen relativ zur Zahl der Rentner. Umlagefinanzierte Rentensysteme geraten dadurch unter Druck.
- Erwerbsbiografien werden flexibler. Teilzeit, berufliche Auszeiten und sogenannte „Micro-Retirements“ gewinnen an Bedeutung. Wer sich diese Freiräume leisten möchte, benötigt zusätzliche Einkommensquellen.
- Longevity ist weit mehr als ein Gesundheitstrend. Es ist ein struktureller Wandel mit weitreichenden Folgen für die private Altersvorsorge. Wer länger lebt, braucht länger Einkommen.
- Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons dürfte deshalb für viele Anleger zu einer zentralen Säule der finanziellen Freiheit werden.
- Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons kann dabei als „zweites Gehalt“ fungieren. Es schafft finanzielle Unabhängigkeit von der eigenen Arbeitskraft und kann Einkommenslücken schließen.
Widerstandskraft wünscht Ihnen,
Dr. Hans-Jörg Naumer
Director Global Capital Markets & Thematic Research