Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 01.04.2021

Inflationäre Märkte, inflationäre Sorgen oder einfach nur Inflation? 

Mit Beginn des Frühjahrs zeichnet sich für die Weltwirtschaft eine spürbare Beschleunigung der Konjunkturdynamik ab. Mehrere Faktoren sprechen für kräftige Wachstumsraten über Potenzial im zweiten und dritten Quartal 2021: sinkende Infektionszahlen dank stetiger Impffortschritte (wenngleich in unterschiedlichem Tempo) und milderer Temperaturen in der nördlichen Hemisphäre sowie schrittweise Lockerungen der pandemiebedingten Beschränkungen – verknüpft mit einer weiterhin unterstützenden Wirtschaftspolitik. Die Spuren der heftigsten globalen Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg verblassen.

Für sich genommen löst dieser erwartete zyklische Rückenwind für die Unternehmensgewinne, und damit ebenso für die Aktienmärkte, auch bei Investoren Frühlingsgefühle aus. Gerade nach den kräftigen Kurssteigerungen in den vergangenen Monaten ist die Gewinnentwicklung ein wichtiger Taktgeber für die Börsen.

Dabei wird in vielerlei Hinsicht die Ausnahmestellung der USA – Stichwort „U.S. Exceptionalism“ – zunehmend deutlich. Chinas Wirtschaft hat den Einbruch Anfang 2020 schon lange wettgemacht und inzwischen signalisieren die Stimmungsindikatoren eine Verlangsamung des Konjunkturaufschwungs. Neuinfektionszahlen und die stockende Impfkampagne dämpfen im Euroraum die Vorfreude auf den konjunkturellen Frühling. In den Vereinigten Staaten dagegen beflügeln zügige Impffortschritte und die von Präsident Joe Biden avisierten billionenschweren Fiskalpakete die Konjunkturfantasie. Innerhalb eines insgesamt günstigen globalen Konjunkturumfelds erwarten wir für die USA in den kommenden Quartalen ein im Vergleich zu den anderen G4- und vielen Schwellenländern stärkeres Wirtschaftswachstum. Sollte sich die Wachstumsprognose der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) für 2021 von 6,5 % bewahrheiten, wäre dies das kräftigste Wachstum seit 1984. Mit einem gewissen Stirnrunzeln wird unter Anlegern derzeit allerdings heiß diskutiert, ob auch die Inflation aus ihrem langen Winterschlaf erwacht. Während der Corona-Pandemie hatte der Preisdruck weltweit infolge sinkender Ölpreise und einer deutlich niedrigeren Nachfrage stark nachgelassen. Doch um die Jahresmitte 2021 herum könnten die Inflationsraten in den USA über 3 % und im Euroraum über 2 % liegen.

Steigende Inflationsrisiken wiederum könnten die Notenbanker zu einem überraschend vorzeitigen Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik zwingen. Aufkeimende Diskussionen über ein Auslaufen der FedAnleihekäufe dürften den Rentenmarkt in den kommenden Monaten immer wieder belasten. Für risikoreichere Anlageklassen sind moderat steigende Renditen als Folge wirtschaftlichen Wachstums durchaus positiv, das gilt jedoch nicht für unerwartet schnelle und starke (Real- )Zinsanstiege.

Doch Vorsicht: Es sind in der kurzen Frist vor allem vorübergehende Sonderfaktoren, die auf ein spürbares Anziehen der Inflationsraten in den kommenden Monaten hinweisen. Dazu gehören signifikante Basiseffekte (im Vergleich zum Wirtschaftseinbruch des Vorjahres), steigende Rohstoffpreise, spürbare Nachholeffekte beim privaten Konsum sowie mögliche Engpässe im Dienstleistungssektor in Folge einer Lockerung der Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen. In der Vergangenheit haben Notenbanken einer temporär steigenden Inflation die kalte Schulter gezeigt.

Ob sich der diesjährige Reflationstrend nachhaltig manifestiert, ist ungewiss (siehe auch unsere Grafik der Woche). So erwartet die Fed, dass ihr bevorzugtes Inflationsmaß im Jahr 2022 auf 2,0 % zurückkehrt und signalisiert keine Zinserhöhungen vor dem Jahr 2023. Im Euroraum dürfte die Inflation im kommenden Jahr erneut deutlich unterhalb der Preismarke der Europäischen Zentralbank verharren (EZB-Projektion: 1,2 %). Eine schnelle Wende bei der Geldpolitik zeichnet sich noch nicht ab.

Es bleibt also dabei: Angeführt von den USA befinden sich die Finanzmärkte derzeit in einem Tauziehen zwischen einem günstigen makroökonomischen Umfeld einerseits und den wachsenden Befürchtungen einer Drosselung der geldpolitischen Unterstützung im Laufe der Zeit andererseits.

Taktische Allokation Aktien & Anleihen

Dienstleistungssektor sollte die Divergenz zum Industriewachstum verringern.

  • Aufkommende Inflationssorgen dürften die Staatsanleihemärkte stärker belasten als die Aktienmärkte – schlussendlich verbriefen Aktien Anteile am realen Produktivvermögen, welches in einem Inflationsumfeld auch an Wert gewinnt. Innerhalb der Aktienmärkte sollten aber zuletzt heiß gelaufene Segmente, wie z. B. junge US-Technologieunternehmen, zu Korrekturen neigen.
  • Während auf den Aktienmärkten eher selektiv überhöhte Bewertungen festzustellen sind, können die globalen Staatsanleihemärkte als in der Breite überbewertet angesehen werden.
  • In der Gesamtsicht liegt es nahe, Aktien gegenüber Anleihen weiterhin überzugewichten, wenn auch Vorsicht angebracht bleibt.

Ziehen Sie am richtigen Ende des Seiles,

Ihre, Ann-Katrin Petersen
Investment Strategist, Vice President, Global Economics & Strategy


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