DWS Anlagethemen vom 01.10.2026
Andre Köttner, Milliardenmanager bei der DWS, über den außergewöhnlichen Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz, die zunehmende Nervosität an den Aktienmärkten und die Frage, warum langfristiges Denken gerade in einem dynamischen Umfeld wichtig bleibt.
Interview mit Andre Köttner, Fondsmanager bei der DWS
Herr Köttner, geopolitische Konflikte, steigende Zinsen und teilweise hohe Bewertungen treffen auf erstaunlich robuste Aktienmärkte. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Der wichtigste Treiber ist aus meiner Sicht der enorme Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz. Die großen Technologiekonzerne investieren sehr viel Kapital in Rechenzentren, Rechenleistung und die notwendige Infrastruktur. Gemessen an der Wirtschaftsleistung gehen Schätzungen davon aus, dass dieser Ausgabenboom sogar größer ist als der Ausbau der Eisenbahninfrastruktur im historischen Amerika. Davon profitieren zahlreiche Unternehmen. Einige von ihnen legen Wachstumszahlen vor, wie ich sie in meinen rund 30 Jahren an den Kapitalmärkten in dieser Form noch nicht gesehen habe.
Wie lange kann dieser Boom anhalten?
Das ist schwer zu beurteilen. Ich war zuletzt in den USA und habe dort zahlreiche Technologieunternehmen getroffen. Die Unternehmen berichten von außergewöhnlich gut gefüllten Auftragsbüchern und erwarten, dass sich die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter positiv entwickelt. Gleichzeitig fällt es mir schwer, diese Euphorie uneingeschränkt zu teilen. Die hohen Erwartungen sind inzwischen an den Märkten angekommen, und die Nervosität hat deutlich zugenommen.
Ich glaube, dass die Nervosität an den Aktienmärkten bleiben wird und dieses Wechselspiel zwischen möglichen KI-Gewinnern und KI-Verlierern uns noch lange beschäftigen wird.
Woran lässt sich diese Nervosität erkennen?
Die Anleger wechseln teilweise innerhalb weniger Tage zwischen möglichen KI-Gewinnern und Unternehmen, die als mögliche KI-Verlierer gelten. Dabei kommt es immer wieder zu Kursausschlägen von zehn Prozent und mehr. Dieses Wechselspiel zeigt, wie groß die Unsicherheit inzwischen ist. Ich gehe davon aus, dass uns diese hohe Volatilität weiter begleiten wird.
Sie verwalten globale Aktienfonds mit einem Anlagevolumen von mehr als 30 Milliarden Euro. Wie positionieren Sie Ihre Fonds in einem solchen Umfeld?
Ich verfolge eine Hantelstrategie. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die direkt vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren können. Auf der anderen Seite investiere ich in Unternehmen, die mit KI nur wenig zu tun haben oder deren Geschäftsmodelle voraussichtlich weniger stark durch die Technologie verändert werden. Dazu gehören beispielsweise Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit, Finanzen und Basiskonsum. Diese Kombination soll unterschiedliche Entwicklungen abdecken und einen Teil der Volatilität aus dem Portfolio nehmen.
Welche Unternehmen sind auf der KI-Seite der Hantel besonders interessant?
Ich schaue vor allem danach, an welchen Stellen der Wertschöpfungskette es nur wenige Anbieter gibt und wo echte Engpässe bestehen. Ein Beispiel sind hochentwickelte Halbleiter und Speicherchips. Diese Komponenten werden von unterschiedlichen Technologieunternehmen benötigt, unabhängig davon, welches Unternehmen am Ende das jeweilige KI-Modell oder den Prozessor entwickelt. In solchen Bereichen ist die Zahl der Anbieter begrenzt, während die Nachfrage hoch bleibt.
Entstehen durch die hohen Gewinne nicht zwangsläufig neue Wettbewerber?
Wettbewerber gibt es bereits. Einige große Technologiekonzerne entwickeln eigene Chips, und weitere Anbieter versuchen, in den Markt einzutreten. Die Eintrittsbarrieren sind allerdings hoch. Die erforderlichen Investitionssummen sind enorm, und nur wenige Unternehmen verfügen über das notwendige Kapital und die technologischen Fähigkeiten. Dennoch muss man die Entwicklung genau beobachten. Technologische Fortschritte könnten die benötigte Rechenleistung effizienter machen und damit bestehende Strukturen verändern.
Welche Rolle spielen europäische Unternehmen in Ihrer Strategie?
Bei der Entwicklung von KI-Hardware und Rechenzentren sehe ich Europa aktuell nicht in einer führenden Position. Europa hat aber andere Stärken. Im Gesundheitssektor, bei Banken und Versicherungen, im Maschinenbau sowie bei Luxusgütern gibt es interessante Unternehmen. Deshalb bin ich durchaus in europäischen Aktien investiert, allerdings überwiegend auf der anderen Seite meiner Hantelstrategie und weniger im eigentlichen KI- und Technologiesegment.
Steigende Zinsen gelten als Belastungsfaktor für Aktien. Wie gehen Sie damit um?
Höhere Zinsen wirken in zweierlei Hinsicht. Zum einen sind zukünftige Unternehmensgewinne bei einem höheren Diskontierungszins heute weniger wert. Zum anderen steigt bei hoch verschuldeten Unternehmen die Zinslast. Das kann Investitionen bremsen. Deshalb suche ich Unternehmen mit geringer Verschuldung und soliden Bilanzen. Wichtig ist außerdem Preissetzungsmacht, also die Fähigkeit, gestiegene Kosten an die Kunden weiterzugeben.
Dennoch sind Sie in Ihren Aktienfonds weitgehend investiert. Warum halten Sie nicht mehr Liquidität vor?
Ich manage Aktienfonds. Die Anleger sollen deshalb auch ein Aktieninvestment erhalten. Meine Fähigkeit, die kurzfristige Entwicklung des Gesamtmarktes vorherzusagen, halte ich für sehr begrenzt. Entscheidend ist für mich nicht, ob ich die nächste Marktbewegung richtig prognostiziere, sondern welche Unternehmen unter den jeweiligen Rahmenbedingungen am besten positioniert sind. Darauf kann ich mit der Zusammensetzung des Portfolios reagieren.
Viele Marktteilnehmer konzentrieren sich stark auf das nächste Quartal und versuchen, kurzfristige Überraschungen vorherzusehen. Dabei besteht die Gefahr, den Blick für die entscheidenden Fragen zu verlieren.
Ist ein langfristiger Anlageansatz angesichts des schnellen technologischen Wandels überhaupt noch zeitgemäß?
Er ist aus meiner Sicht eher wichtiger geworden. Viele Marktteilnehmer konzentrieren sich stark auf das nächste Quartal und versuchen, kurzfristige Überraschungen vorherzusehen. Dabei besteht die Gefahr, den Blick für die entscheidenden Fragen zu verlieren: Welches Unternehmen kann langfristig Marktanteile gewinnen? Wer kann seine Kapitalrendite halten oder steigern? Und wo bestehen langfristige Wettbewerbsvorteile?
Bei der Analyse gehen wir zunächst mit der Vorstellung heran, eine Aktie zehn Jahre zu halten. Natürlich entwickelt sich ein Unternehmen nicht immer wie erwartet. Dann müssen Annahmen überprüft und gegebenenfalls Positionen angepasst werden. In der Praxis ergibt sich daraus häufig eine durchschnittliche Haltedauer von etwa fünf Jahren.
Könnten die Renditen an den Aktienmärkten künftig niedriger ausfallen als in den vergangenen Jahren?
Das klingt zunächst plausibel. Nach einer Phase außergewöhnlich hoher Renditen kann eine Phase mit niedrigeren Erträgen folgen. Gleichzeitig wird die Wertentwicklung des Gesamtmarktes häufig nur von relativ wenigen Aktien getragen. Auch in einem insgesamt schwierigeren Marktumfeld wird es daher Unternehmen geben, die außergewöhnliche Renditen erwirtschaften. Die Herausforderung besteht darin, diese Unternehmen zu identifizieren. Die Spreizung zwischen möglichen Gewinnern und Verlierern könnte sogar noch zunehmen.
Es ist ein großer Fehler zu glauben, man könne den Markt perfekt timen. Dann schafft man es meistens nicht mehr rechtzeitig wieder reinzukommen.
Was halten Sie derzeit für den größten Fehler, den Anleger machen können?
Zu große Gier ist ein Fehler. Wenn die Märkte bereits gut gelaufen sind, sollten Anleger nicht automatisch noch höhere Risiken eingehen, um eine noch höhere Rendite zu erzielen. Ein zweiter Fehler ist der Versuch, den Markt perfekt zu timen. Wer vollständig aussteigt, schafft es häufig nicht, rechtzeitig wieder einzusteigen. Sinnvoller erscheint mir eine solide, langfristige Aufstellung, bei der Anleger nicht jedem kurzfristigen Trend hinterherlaufen.