Medical Strategy Sondernews vom 20.10.2026
Was die Kurse derzeit belastet
1. De-Grossing: Technischer Verkaufsdruck durch institutionellen Risikoabbau
Ein wichtiger Erklärungsansatz ist das sogenannte „De-Grossing“. Dabei reduzieren insbesondere Hedgefonds den Gesamtumfang ihrer Long- und Short-Positionen: Sie verkaufen gehaltene Aktien und kaufen zuvor leerverkaufte Aktien zurück. So sinkt das Volumen ihrer Engagements auf beiden Seiten. Solche Positionsanpassungen dienen dem Risiko- und Liquiditätsmanagement im Fonds. Jedoch können auch Unternehmen unter Verkaufsdruck geraten, zu denen es keine negativen Nachrichten gibt.
Ein konkretes Beispiel diskutiert BioCentury (renommiertes Branchenmagazin) im Podcast vom 12. Oktober. Nach Einschätzung der dort zitierten Marktteilnehmer könnte der starke Kursanstieg von Moderna nach positiven klinischen Daten im August bei spezialisierten Fonds mit Short-Positionen erhebliche Verluste ausgelöst haben. Um Liquidität zu schaffen und Risiken zu reduzieren, könnten diese Fonds anschließend andere Biotech-Positionen verkauft haben. BioCentury nennt dabei auch Aktien, die im September ohne negative Unternehmensnachrichten deutlich nachgaben.*
Diese Erklärung ist plausibel. Ihr tatsächlicher Beitrag zu den Kursrückgängen lässt sich jedoch nicht verlässlich beziffern. Wir betrachten De-Grossing deshalb als einen von mehreren Belastungsfaktoren.
2. Höhere Kapitalmarktzinsen belasten Wachstumsunternehmen
Ein weiterer starker Gegenwind kommt von den US-Kapitalmarktzinsen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag am 16. Oktober bei 5,09 Prozent, gegenüber 4,75 Prozent Ende August. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen an die weitere Zinsentwicklung eingetrübt. Die anhaltend hohe Inflation hat Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen gedämpft.
Höhere Zinsen mindern den heutigen Wert künftig erwarteter Erträge. Besonders betroffen sind Biotechnologieunternehmen, deren Medikamente sich noch in der Entwicklung befinden und die zur Finanzierung ihrer Forschung und klinischen Studien auf externes Kapital angewiesen sind. Genau in diesem Segment liegt unser Investitionsschwerpunkt bei Medical Strategy.
3. Weniger Rückenwind durch Übernahmen
Nach einem starken ersten Halbjahr hat die Übernahmedynamik im dritten Quartal nachgelassen. Damit hat ein wichtiger Kurstreiber des Biotech-Sektors zuletzt an Kraft verloren. Das bisherige Jahresvolumen bleibt dennoch hoch, und der Bedarf großer Pharmaunternehmen an innovativen Medikamenten besteht unvermindert fort. Wann dieser Bedarf in konkrete Übernahmen mündet und welche Unternehmen davon profitieren, lässt sich nur schwer vorhersagen. Auch die bevorstehenden US-Zwischenwahlen (Mid-Term) könnten zu einer vorübergehenden Zurückhaltung beitragen, wenn übernehmende Unternehmen vor größeren Transaktionen zunächst mehr Klarheit über die künftigen politischen Rahmenbedingungen benötigen. Dass Übernahmen dennoch jederzeit für positive Impulse sorgen können, zeigt eine brandaktuelle Entwicklung aus unserem eigenen Portfolio: Erst gestern wurde die Übernahme eines unserer Portfoliounternehmen bekannt gegeben. Weitere Einzelheiten dazu finden Sie in den nachfolgenden News.
Was das für den MEDICAL BioHealth bedeutet
Neben dem Marktumfeld prägt auch unsere Portfolioausrichtung die Fondsentwicklung. Gegenüber dem Nasdaq Biotechnology Index (NBI) gewichten wir große, etablierte Biopharma-Unternehmen geringer und setzen stärker auf innovative Unternehmen, deren Medikamente sich noch in der klinischen Entwicklung oder bereits an der Schwelle zur Marktzulassung und Kommerzialisierung befinden.
Am außergewöhnlich starken Kursanstieg der ebenfalls im NBI enthaltenen Forschungs- und Diagnostikanbieter (Tools & Diagnostics) haben wir nicht partizipiert. Hinzu kam eine ausgeprägte Marktrotation, unter anderem aus KI-Aktien in größere Biopharma-Unternehmen. Auch einzelne, aus unserer Sicht nicht ausschließlich fundamental begründete Kursanstiege, etwa bei Moderna, begünstigten den Index.
Gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit bevorzugen Anleger zunächst häufig größere, etablierte und liquide Unternehmen, bevor sich eine Erholung auf kleinere, innovationsgetriebene Werte ausweitet. Diese außergewöhnlich einseitige Marktentwicklung erklärt einen wesentlichen Teil unserer Abweichung gegenüber dem NBI.
Umso wichtiger ist es für uns, unserer langfristigen Anlagestrategie treu zu bleiben: durch eine konsequente Unternehmensauswahl jene innovativen Biotechnologieunternehmen frühzeitig zu identifizieren, deren medizinisches Potenzial, überzeugende klinische Daten und attraktive Bewertungen vom Markt nicht ausreichend erkannt werden.
Wo die Korrektur neue Chancen eröffnet
Interessant wird eine Korrektur dort, wo Kurse stärker fallen, als es die veränderten wirtschaftlichen Perspektiven und Risiken rechtfertigen. Gerade diese irrationalen technischen Verkäufe aus Liquiditäts- oder Risikogründen sowie das Zinsniveau können solche Gelegenheiten schaffen. Beide Faktoren können die Aktienkurse erheblich belasten, ohne dass sich das medizinische und wirtschaftliche Potenzial der Unternehmen entsprechend verändert.
Genau darin sehen wir derzeit attraktive Chancen: Wo die Bewertungen stärker gefallen sind, als es die fundamentalen Perspektiven rechtfertigen, ergeben sich interessante Einstiegs- und Nachkaufgelegenheiten.
Denn so sehr die Finanzwelt kurzfristig einem DCF-Modell zu folgen scheint, langfristig sind es in der Biotechnologie vor allem klinische Erfolge, Zulassungen und medizinische Innovationen, die Unternehmenswert schaffen. Diese fundamentalen Wachstumstreiber bleiben intakt und können auch bei unveränderten Zinsen für erhebliches Wertsteigerungspotenzial sorgen. Eine Entspannung des Zinsumfelds würde zusätzlichen Rückenwind bringen.
Wie schnell sich die Marktstimmung ändern kann, wenn sich wesentliche Unsicherheiten auflösen, zeigt die jüngste Vergangenheit: Ende 2023 sorgten sinkende US-Anleiherenditen und die Aussicht auf Zinssenkungen für eine kräftige Biotech-Erholung. Ab Frühjahr 2025 folgte eine weitere starke Aufwärtsbewegung, unter anderem weil regulatorische Sorgen nachließen. Auch die US-Zwischenwahlen Anfang November könnten nun für mehr politische Klarheit sorgen.
Zugleich bestehen die wesentliche Wachstumstreiber der Branche fort: 46 FDA-Neuzulassungen (CDER) bis zum 9. Oktober 2026 unterstreichen die Innovationskraft der Branche. Über 230 Mrd. US-Dollar Branchenumsatz sind bis 2030 vom Verlust der Marktexklusivität betroffen – das erhöht den Druck auf Big Pharma, sich neue Wirkstoffe durch Kooperationen und Übernahmen zu sichern. KI eröffnet zudem Chancen für eine schnellere und produktivere Forschung. Zugleich verstärkt der technologische Wettbewerb zwischen den USA und China den strategischen Stellenwert der Biotechnologie und den Anreiz, in Innovation zu investieren.*
Unser Blick nach vorne
In den kommenden Wochen können die Märkte zunächst unruhig bleiben. Die US-Zwischenwahlen Anfang November könnten zumindest für mehr politische Klarheit und damit für eine gewisse Entlastung im Sektor sorgen. Wann sich die aus unserer Sicht attraktiven Bewertungen wieder in steigenden Kursen widerspiegeln, lässt sich jedoch nicht verlässlich vorhersagen.
Unsere Zuversicht stützt sich auf die medizinischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ausgewählter Unternehmen. Unser Anspruch bleibt dabei, diese Chancen durch wissenschaftliche Analyse, disziplinierte Bewertung und eine bewusste Steuerung der Portfoliorisiken für unsere Anleger zu erschließen.
Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen. Gerade in dieser Phase nehmen wir uns gerne Zeit für Ihre Fragen und ein persönliches Gespräch, kommen Sie jederzeit auf uns zu!
Merck greift bei Silence Therapeutics zu
Merck KGaA hat am 19. Oktober 2026 eine Vereinbarung zur Übernahme von Silence Therapeutics bekannt gegeben. Der Kaufpreis von 20 US-Dollar je ADS entspricht laut Merck einem Eigenkapitalwert von rund 1,3 Mrd. US-Dollar.
Der Angebotspreis liegt rund 130 % über dem Schlusskurs von Silence Therapeutics vom 16. Oktober 2026, dem letzten Handelstag vor Bekanntgabe der Transaktion.
Wichtig: Diese Übernahmeprämie beschreibt die Differenz zwischen Angebotspreis und vorherigem Börsenkurs – nicht die Rendite der Fondsposition.
Silence Therapeutics ist ein aktuelles Investment des MEDICAL BioHealth und war zu diesem Zeitpunkt mit 0,74 % im Fonds gewichtet (Stand: 19.10.2026). Die Gewichtung kann sich seit diesem Stichtag verändert haben.
Was macht das Unternehmen medizinisch interessant?
Silence Therapeutics entwickelt sogenannte siRNA-Therapien. Dabei werden gezielt bestimmte genetische Bauanleitungen in Zellen „stummgeschaltet“, um die Produktion krankheitsrelevanter Proteine zu beeinflussen.
Im Mittelpunkt der geplanten Übernahme steht Divesiran. Der Wirkstoff wird zur Behandlung der Polycythaemia vera (PV) entwickelt – einer seltenen Form von Blutkrebs, bei der zu viele rote Blutkörperchen gebildet werden. Dadurch kann unter anderem das Risiko für Gefäßverschlüsse und andere kardiovaskuläre Komplikationen steigen.
Nach den von Silence veröffentlichten Phase-2-Daten erreichten 88 % der mit Divesiran behandelten Patienten den primären Endpunkt gegenüber 19 % unter Placebo. Zudem sank die Zahl notwendiger therapeutischer Aderlässe deutlich. Der Wirkstoff ist jedoch noch nicht zugelassen; weitere klinische Entwicklung und regulatorische Prüfungen stehen aus.
Zum Entwicklungsportfolio gehört außerdem Zelasiran, eine siRNA-Therapie zur Senkung von Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Erhöhte Lp(a)-Werte sind ein genetisch beeinflusster Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch dieses Programm befindet sich noch in klinischer Entwicklung.
Die Transaktion steht zudem noch unter dem Vorbehalt der erforderlichen Aktionärs-, Gerichts- und regulatorischen Genehmigungen und soll nach Angaben von Merck im ersten Quartal 2027 abgeschlossen werden.
* Allgemeine Quellenangaben