Flossbach von Storch Kommentar vom 29.10.2026
von Philipp Immenkötter
Wenn das Festgeld ausläuft, ein Vorsorgeprodukt fällig wird, eine Immobilie verkauft wird oder man eine Erbschaft macht, steht man vor dem Problem, wie man mit dem neu verfügbaren Kapital umgehen sollte. Sollte man den Betrag sofort vollständig anlegen? Oder eher vorsichtig agieren und nach und nach in den Markt gehen? Schließlich könnte es sein, dass die Kurse bald fallen, sodass man günstiger investiert hätte, wenn man gewartet hätte. Oder steht möglicherweise sogar ein Crash vor der Tür, weil die KI-Blase zu platzen droht, die Ölpreise die Wirtschaft belasten oder sich der Zinsanstieg auf die Aktienmärkte durchschlägt?
Viele Anleger wählen in solch einer Situation einen schrittweisen Ansatz, bei dem der Anlagebetrag über einen längeren Zeitraum gestreckt wird. Dies hat den Vorteil, dass man das Risiko reduziert, von einem einzelnen Einstiegskurs abhängig zu sein. Gleichzeitig verpasst man jedoch auch mögliche zwischenzeitliche Kursanstiege, weil man mit einem Teil des Betrags weiterhin an der Seitenlinie steht. Diese Strategie wird auch als Cost-Averaging, Ratierung oder umgangssprachlich als „Salamitaktik“ bezeichnet. Die Alternative hierzu stellt die Einmalanlage des gesamten Betrags dar.
Einmalanlage oder schrittweiser Einstieg?
Im Folgenden untersuchen wir, welche der beiden Strategien in der Vergangenheit besser abgeschnitten hat. Wir betrachten hierfür einen Anleger, der einen Betrag entweder sofort vollständig oder über zehn Monate in gleichgroßen Stücken in den Aktienmarkt investiert. Die Wertentwicklung der Anlage wird anhand der Entwicklung des Aktienindex MSCI World gemessen. Darüber hinaus nehmen wir zunächst an, dass nicht investiertes Kapital unverzinst bleibt. Ebenso werden Transaktionskosten zunächst ausgeschlossen.
Wenn man sofort die gesamte Summe anlegt, entwickelt sich der Wert der Anlage über die kommenden Monate wie der MSCI World Index. Legt man jedoch nur schrittweise an, so partizipiert lediglich ein Zehntel des Anlagebetrags im ersten Monat an der Wertentwicklung des MSCI World, 90 Prozent bleiben unverzinst. Zu Beginn des zweiten Monats kommt ein weiteres Zehntel hinzu, sodass schon 20 Prozent der Gesamtsumme die Wertentwicklung des MSCI World mitmachen, die übrigen 80 Prozent jedoch nicht. Dies setzt sich fort, bis schließlich zu Beginn des 10. Monats die letzte Tranche investiert wurde.
Sobald die letzte Tranche investiert ist, unterscheidet sich ab diesem Zeitpunkt die Wertentwicklung der schrittweisen Anlage von der Einmalanlage nur noch im Ausgangswert, da beide ab dem 10. Monat in voller Höhe die Wertentwicklung des MSCI World mitmachen. Um also festzustellen, welche der beiden Strategien besser abschneidet, reicht es auch, die Wertentwicklung der beiden Strategien während der Einzahlungsphase zu vergleichen. Wir betrachten im Folgenden alle möglichen Einzahlungsphasen im Zeitraum von Januar 1970 bis September 2026, was 680 Beobachtungen ergibt.
Wer wartet, verschenkt Rendite
In rund drei Vierteln aller Beobachtungen hatte in der Vergangenheit die Einmalanlage die Nase vorne. Seit Januar 1970 warf die Einmalanlage im monatlichen Vergleich in 73 Prozent der Fälle eine höhere Rendite ab als die schrittweise Anlage. In lediglich 27 Prozent der Fälle schnitt die schrittweise Anlage besser ab.
Wer sich für die schrittweise Anlage entschieden hat, hat im Durchschnitt Renditeeinbußen hingenommen. Bei einem Einzahlungszeitraum von 10 Monaten lag die Renditedifferenz zwischen den Strategien im Durchschnitt bei 5,1 Prozent. Je länger der Einzahlungszeitraum wird, desto höher werden diese Opportunitätskosten für den Anleger.
Bereits eine Aufteilung eines Betrags auf 2 Monate kostet den Anleger Rendite, jedoch nur in Höhe von 0,5 Prozent. Bei fünf Monaten liegt die Differenz schon bei 2,2 Prozent, bei 10 Monaten bei den genannten 5,1 Prozent. Wenn man sich für zwei Jahre, also 24 Monate, entscheidet, so beträgt die Renditedifferenz im Durchschnitt sogar 14,5 Prozent.
Es drängt sich die Frage auf, ob die Zeitpunkte, in denen die schrittweise Anlage besser war, zufällig verteilt sind oder ob sie sich auf bestimmte Marktphasen konzentrieren. Hierbei sticht der lange Bärenmarkt nach dem Platzen der Dot-Com-Blase sowie die Finanzkrise ins Auge. Wer im August 2008 sofort in vollem Umfang anlegte, lag rund 20 Prozent schlechter, als wenn er sich für eine schrittweise Anlage über zehn Monate entschieden hätte. Allerdings schützte in diesem Fall auch die schrittweise Anlage nicht vor einem Nettoverlust. Ansonsten dominieren die Phasen, in denen die Einmalanlage überlegen war, nicht selten mit einem Renditevorteil von mehr als 20 Prozent.
Während die Analyse der vergangenen Performance ein Leichtes ist, steht der Anleger vor dem Problem, nicht zu wissen, ob vielleicht doch ein langer Bärenmarkt bevorstehen könnte. Anleger können versuchen, anhand von Risikoindikatoren vorherzusagen, ob ein Bärenmarkt bevorstehen könnte. Eine hohe Aktienmarktvolatilität gemessen an der 200-Tage-Volatilität signalisiert starke Kursschwankungen und damit Risiken, und eine inverse Zinsstrukturkurve, bei der eine US-Staatsanleihe mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren niedriger verzinst wird als eine dreimonatige Anleihe, gilt als mögliches Warnsignal für eine Rezession.
Sowohl in Zeiten hoher Aktienmarktvolatilität als auch in Phasen einer inversen Zinsstrukturkurve am US-Anleihemarkt war die Einmalanlage statistisch überlegen. Die Prognose von Bärenmärkten ist und bleibt jedoch auch bei komplexeren Maßen meist nicht erfolgreich.
Bislang unberücksichtigt blieben in dieser Analyse Transaktionskosten und mögliche Zinserträge auf die nicht investierten Teilbeträge. Transaktionskosten reduzieren die Rendite der schrittweisen Anlage, da bei jedem Investitionsschritt zusätzliche Kosten anfallen. Demgegenüber stehen mögliche Erträge in Form von Zinsen auf das noch nicht investierte Kapital, die die Rendite der schrittweisen Anlage erhöhen. Historisch betrachtet lagen die Transaktionskosten in Deutschland durchschnittlich bei 1 Prozent je Transaktion. Auf Giro- oder Festgeldkonten verbliebendes Kapital wurde mit durchschnittlich 0,3 Prozent im Monat verzinst. Für einen Einzahlungszeitraum von 10 Monaten gleichen sich die beiden Effekte ungefähr aus, sodass sie das Ergebnis des Renditevergleichs kaum verändern.
Warum Anleger dennoch die schrittweise Anlage bevorzugen
Angesichts dieser Ergebnisse ist die Beliebtheit der schrittweisen Anlage unter Anlegern zunächst überraschend. Bereits vor knapp 50 Jahren wurde durch Constantinides (1979) das statistische Resultat belegt. Warum entscheiden sich Anleger dennoch häufig für die schrittweise Anlage?
In der Verhaltensökonomie liefert das Konzept der „Bedauernsaversion“ (engl. regret aversion, Loomes und Sugden, 1982) eine Antwort. Anleger möchten vermeiden, eine Entscheidung im Nachhinein zu bereuen. Wer unmittelbar vor einem noch so kleinen Kursrückgang sein gesamtes Kapital investiert, wird sich möglicherweise über den ungünstigen Einstiegszeitpunkt ärgern. Bei der schrittweisen Anlage fällt dieses Bedauern geringer aus, da ein Teil des Kapitals noch zu niedrigeren Kursen investiert werden kann. Fallende Kurse werden damit teilweise sogar als Gelegenheit wahrgenommen. Statman (1995) beschreibt, wie solche psychologischen Überlegungen die Beliebtheit der Staffelung erklären können. Die schrittweise Anlage vermittelt Anlegern das Gefühl, das Risiko eines ungünstigen Einstiegszeitpunkts besser kontrollieren zu können.
Ein weiterer Erklärungsansatz ist die Verlustaversion (engl. loss aversion). Anleger empfinden Verluste in der Regel stärker als gleich hohe Gewinne (Kahnemann/ Tversky 1979). Wer sein gesamtes Kapital auf einmal investiert, setzt sich unmittelbar dem Risiko eines Verlustes aus. Bei der Staffelung ist hingegen zunächst nur ein Teil des Vermögens den Kursschwankungen ausgesetzt. Fallen die Kurse, fällt der Verlust absolut geringer aus.
Die Entscheidung für die schrittweise Anlage muss jedoch aus Sicht des einzelnen Anlegers nicht zwangsläufig irrational sein. Ludwig von Mises (1949) betont, dass wirtschaftliches Handeln auf individuellen Wertvorstellungen beruht. Was für den einen Anleger die beste Entscheidung ist, muss es für einen anderen nicht sein. Zwar ist die Einmalanlage hinsichtlich der erwarteten Rendite überlegen, doch kann die Staffelung das subjektiv empfundene Risiko und die Sorge vor einem ungünstigen Einstiegszeitpunkt reduzieren.
Rendite ist nicht alles, guter Schlaf hat seinen Preis
Die historische Analyse spricht klar für die Einmalanlage. Wer verfügbares Kapital unmittelbar investiert, erzielt im Durchschnitt eine höhere Rendite als ein Anleger, der seinen Einstieg über mehrere Monate verteilt.
Dennoch lässt sich aus der statistischen Überlegenheit der Einmalanlage keine allgemeingültige Handlungsempfehlung ableiten. Anleger unterscheiden sich in ihrer Risikowahrnehmung und ihrer Bereitschaft, zwischenzeitliche Verluste auszuhalten. Wer durch einen schrittweisen Einstieg die Sorge vor einem unmittelbar folgenden Kursrückgang reduziert, kann daraus einen subjektiven Nutzen ziehen und wahrscheinlich so auch nachts besser schlafen. Und ein ruhiger Schlaf sei dem Anleger gegönnt.