Gewinnboom auf Bewährung

Allianz Global Investors

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 16.10.2026

Nach einer außergewöhnlich starken Gewinnberichtssaison im zweiten Quartal und seither weiter steigenden Gewinnschätzungen stellt sich vor dem Auftakt der Quartalszahlen eine Frage: Wie lange trägt diese Stärke noch? Analysten und Unternehmen gehen so zuversichtlich in die Saison wie selten zuvor. In den Vereinigten Staaten wird ein Gewinnwachstum von fast 30% im Jahresvergleich erwartet, in Europa von 21%. Außerhalb von konjunkturellen Erholungsphasen aus einer Rezession heraus sind dies außergewöhnlich hohe Werte. Zugleich haben die Kurse über den Sommer einen Bewertungsrückgang hinter sich. Die Kurse sind den steigenden Gewinnschätzungen nicht mehr gefolgt. Die kommenden Wochen dürften deutliche Hinweise liefern, welche Seite sich der anderen annähert: die Kurse oder die Gewinne?

Schaut man auf die Veränderungen („Revisionen“) der Gewinnschätzungen, so steigen diese weiter ungewöhnlich kräftig an. Allerdings verliert diese Bewegung allmählich an Kraft. Gemessen an der zweiten Ableitung – der Veränderung der Revisionsdynamik – deutet sich eine Verschiebung von „äußerst stark“ zu „nur noch stark“ an. Angeführt wird die Bewegung weiterhin von US-Wachstumswerten sowie von Titeln aus Korea und Taiwan. Auch die Eurozone hat zwischenzeitlich kräftige Aufwärtsrevisionen gesehen, die zuletzt aber wieder abflachten. Besonders konstante Aufwärtsrevisionen können gerade in Japan beobachtet werden. Wichtig ist: Ein erwartbares Abflachen der Revisionsdynamik bedeutet nicht, dass die Schätzungen gesenkt werden, nur dass sie weniger stark angehoben werden.

Neben den Analysten gehen auch die Unternehmen sehr optimistisch in die Berichtssaison. In den USA lässt sich dies an einer rekordhohen Zahl positiver Vorabankündigungen („pre-announcements“) ablesen. Wie schon im zweiten Quartal sticht dabei besonders die gute Stimmung im Technologiesektor hervor. Betrachtet man das Makro-Umfeld, so bildet es eine gute Basis für eine gelingende Berichtssaison: Echtzeit-Schätzungen des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP), steigende Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone, und Indikatoren für Konjunkturüberraschungen präsentieren sich vielversprechend, teils sogar etwas besser als vor dem zweiten Quartal.

Bei all dem Optimismus fällt auf, dass sich dieser zuletzt nur sehr gedämpft in den Aktienkursen widergespiegelt hat. Wichtige Indizes sind in den letzten Monaten eher seitwärts verlaufen. Gebremst wurden die Märkte dabei vor allem durch übergeordnete Belastungen. Das dem Iran-Krieg entspringende Stagflationsrisiko und der Beginn eines global synchronen geldpolitischen Straffungszyklus begünstigten steigende Anleiherenditen. Diese Entwicklungen scheinen aber inzwischen gut verstanden, und es ist nicht zwangsläufig davon auszugehen, dass sie sich weiter verschärfen. So könnte die Berichtssaison zu einer willkommenen Gelegenheit werden, den Blick wieder auf das starke Gewinnumfeld zu lenken.

Insgesamt bleibt die robuste Gewinnsituation vorerst der wichtigste Stützpfeiler für die Aktienmärkte. Verschärfen sich die derzeit im Fokus stehenden Makro-Risiken – zu denen z. B. Angebotsschocks rund um den Iran oder die globale geldpolitische Straffung gehören – nicht deutlich, besteht auf der Basis bereits zurückgenommener Bewertungen trotz hohen Optimismus‘ Potenzial für eine positive Reaktion der Aktieninvestoren. Vollständig entfalten dürfte sich dies womöglich erst, wenn das Ereignisrisiko der US-Kongresswahlen (Midterms) hinter uns liegt.

Die Woche Voraus

Neben der in Fahrt geratenden Berichtssaison dürften die (vorläufigen) Einkaufsmanagerindizes am Freitag die wichtigsten ökonomischen Datenpunkte der Woche darstellen. Dabei steht die Frage im Raum, ob die weiter hohen Energiepreise oder die politischen Unsicherheiten in Frankreich und Deutschland das in den letzten Monaten gestiegene Geschäftsklima negativ beeinflusst oder ob andere Wachstumstreiber dies kompensieren können. Die Einkaufsmanagerindizes finden vor allem in der Eurozone viel Beachtung, werden aber auch in Japan, Großbritannien und den USA veröffentlicht. Daneben stehen chinesische Aktivitätsdaten sowie Inflationsdaten aus Japan und Großbritannien im Blickpunkt.

Den Auftakt macht am Montag China. Die Industrieproduktion dürfte im September auf 5,3% zulegen, nach 5,2% zuvor, die Einzelhandelsumsätze auf 0,5% nach 0,4%. Für das BIP im dritten Quartal rechnet der Konsens mit 4,3% – unverändert gegenüber dem Vorquartal. Am Dienstag folgt die Festlegung der Referenzzinssätze der chinesischen Notenbank.

In Deutschland steht am Dienstag der ZEW-Index zur Konjunkturerwartung an, am Donnerstag das vorläufige Verbrauchervertrauen der Eurozone. Im Vereinigten Königreich rückt am Mittwoch die Inflation in den Blick: Zuletzt lag die Gesamtrate der Verbraucherpreise bei 3,1%, die Kernrate bei 2,6%.

Ebenfalls am Freitag stehen in Japan die Verbraucherpreise an. Aus den Vereinigten Staaten kommen am Donnerstag die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung, am Freitag neben den Einkaufsmanagerindizes das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan (zuletzt 46,3).

Mit gedrückten Daumen für die Gewinnsaison verbleibt,

Stefan Rondorf 
Senior Investment Strategist Global Economics & Strategy

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