Neuer Wettlauf um Kapital

Allianz Global Investors

Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 06.11.2026

Robuste Konjunktur, zähe Inflation, ein neuer Zinserhöhungszyklus der Notenbanken – das Renditerätsel um steigende Anleiherenditen kennt viele gute Antworten. Daneben jedoch zeichnet sich im Hintergrund ein tiefer, struktureller Wandel ab: Nach Jahren, in denen Ersparnisse reichlich vorhanden waren, und Anleger auf der Jagd nach Rendite nicht allzu wählerisch sein konnten, wird Kapital inzwischen knapper und damit wertvoller. Ein neuer Wettlauf um Kapital hat begonnen. Was steckt dahinter, und was bedeutet er für Anleger?

Als Geld noch Anlagen suchte 

Nach der Finanzkrise von 2008 gab es auf der Welt mehr Erspartes, als sinnvoll investiert werden konnte, man sprach gar von einer globalen „Sparschwemme“ – der „savings glut“. Es war die Zeit, als beispielsweise Exportnationen hohe Überschüsse anhäuften und alternde Gesellschaften mit geburtenstarken Jahrgängen fürs Alter sparten. Besonders kennzeichnend war das Verhalten der Notenbanken. Als Nullzinsen nicht mehr reichten, um Konjunktur und Inflation anzufachen, fingen sie an im großen Stil an Anleihen zu kaufen. Anleger konnten entsprechend kaum auf den Preis des Geldes, den Zins achten. Sie waren zinsinsensitiv. Die Kapitalnachfrager, vor allem Unternehmen und Haushalte, achteten dagegen genau auf die Kreditkosten. Waren Kredite teuer, wurde weniger investiert. Viel Angebot und zurückhaltende Nachfrage nach Kapital ergaben dauerhaft niedrige – in weiten Bereichen sogar negative – Zinsen. Das Kapital jagte den Investitionsmöglichkeiten hinterher.

Wenn sich die Rollen vertauschen 

Heutzutage dreht sich das Bild. Der Kapitalbedarf wächst an mehreren Stellen zugleich: Der Aufbau der Künstlichen Intelligenz (KI) als neue industrielle Revolution verschlingt Milliarden für Rechenzentren, Chips und Stromnetze. Der Klimawandel verlangt hohe Investitionen, um sich an seine Folgen anzupassen und ihn abzumildern. Tiefgreifende Veränderungen in der globalen Sicherheitsarchitektur führen in sehr vielen Ländern zu stark steigenden staatlichen Investitionen in Verteidigung. Einige Länder, wie zum Beispiel Deutschland, haben Nachholbedarf bei der Ertüchtigung der Infrastruktur. Zudem fällt es vielen Regierungen nach einem Stakkato von Kriegen und Krisen schwer, notwendige Strukturreformen umzusetzen. Budgetdefizite steigen oder bleiben historisch hoch, Verschuldungsquoten steigen.

Entsprechend müssen viele Staaten am Anleihemarkt immer mehr Anleihen begeben, also Kapital nachfragen. Bemerkenswert ist, dass viele Kapitalnachfrager kaum auf den Zins achten können, sie erscheinen spiegelbildlich zu den Anlegern in den 2010er Jahren als zinsinsensitiv. Beim Ausbau von KI geht es um Schnelligkeit und Innovationsdruck, und Staaten können Sicherheit, Klimawandel und Infrastruktur kaum weiter aufschieben. Gleichzeitig schwindet das Kapitalangebot. Die geburtsstarken Jahrgänge fangen allmählich an zu entsparen, und die Notenbanken fallen als Abnehmer von Anleihen weitestgehend aus, vielmehr möchten sie die Aufblähung ihrer Bilanzen wieder zurückdrehen. Zusammengefasst lässt sich feststellen: Heutzutage jagen Investitionen zunehmend das Kapital, nicht umgekehrt.

Die Folgen für Zinsen und Anleger 

Mehr Nachfrage nach Kapital bei gleichzeitig ausfallenden Zentralbanken als Anleihekäufern bedeuten langfristig einen höheren Preis des Geldes, einen höheren Zins. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht für Anleger als Bereitsteller von Kapital. Für Schuldner hingegen werden die Zeiten schrittweise schwieriger. Deshalb lässt sich an den Kapitalmärkten gerade eine stärkere Auslese bei Schuldnern beobachten. Bei Unternehmensanleihen steigen die Risikozuschläge („Spreads“) bei Anleiherenditen vor allem für niedrige Bonitäten, also höhere Kreditrisiken. Und bei Staatsanleihen geraten Länder wie Frankreich in den Fokus. Das Land hat zwar unter den Industrieländern nicht die höchste Schuldenquote (gemessen an der Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt), häuft aber Jahr für Jahr eines der höchsten Budgetdefizite an und der politische Weg zur Haushaltskonsolidierung erscheint besonders steinig und unsicher.

Zudem gilt: Höhere nominale Zinsen allein können Anleger nicht erfreuen, entscheidend ist am Ende die reale Verzinsung nach Inflation. Deshalb ist der Fokus auf der Inflation so wichtig – und damit zusammenhängend die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Zentralbanken. Ansonsten ist die Versuchung für Regierungen groß, die angehäuften Schulden einfach weg zu inflationieren. Entsprechend ist es zu begrüßen, dass nun fast alle der großen Zentralbanken einen Zinserhöhungszyklus eingeleitet haben. Entscheidend wird aber die Frage sein, ob die Notenbanker bereit sind, zur Eindämmung der Inflation auch Einbuße beim Wachstum in Kauf zu nehmen. Im besten Fall käme ihnen ein Schub bei der Produktivität zur Hilfe. Unrealistisch ist das nicht in Zeiten großer Fortschritte bei KI.

Zentralbanken wandeln sich vom preisunempfindlichen Käufer zum Netto-Verkäufer von Staatsanleihen

Der neue Wettlauf um Kapital ist eine langfristige Entwicklung, die immer wieder von kurzfristigen, zyklischen Trends überlagert werden dürfte. Unter Einbeziehung solcher jüngeren Entwicklungen liegt folgende taktische Positionierung für Portfolios nahe:

  • Die Grundtendenz außergewöhnlich starker Gewinne und widerstandsfähiger Konjunktur spricht weiterhin für eine breite, regional und sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien.
  • US-Aktien könnten davon profitieren, dass die Zwischenwahlen („midterm elections“) nun hinter uns liegen. Historisch waren die sechs Monate nach den Wahlen eine starke Phase für Aktien, daraus lässt sich aber natürlich keine Garantie für die Gegenwart herleiten. Besonders positiv für Aktien würde vermutlich eine Reduktion der politischen Unsicherheit rund um den IranKonflikt wirken, vor allem, falls dies fallende Energiepreise mit sich brächte.
  • Europäische Aktien unterliegen aktuell sehr unterschiedlichen Trends: Die Unsicherheit rund um Frankreich und die immer noch deutlich erhöhten Energiepreise sind kontraproduktiv für die Konjunktur. Dennoch zeigt sich die Konjunktur widerstandsfähig. Europa bietet sich zudem an, falls am Kapitalmarkt wieder mehr Wert auf geografische und sektorale Streuung weg von der Konzentration auf den US-Technologiesektor gelegt würde.
  • Auf längere Sicht könnten die durch den Wettlauf um Kapital höheren Zinsen die Bewertungs-Sensitivität von Aktienanlegern steigern. Der hohe Investitionsbedarf spricht weiter für ein robustes Gewinnumfeld.
  • Die Märkte für Staatsanleihen bleiben weiterhin bewegt. Die Schwankungen der Energiepreise dürften kurzfristig einer der wichtigsten Treiber für die Renditen darstellen. Die Geld- und Anleihemärkte preisen inzwischen ein realistisches Bild der Zinserhöhungszyklen wesentlicher Notenbanken ein. Historisch wäre es aber nicht überraschend, wenn die Zentralbanken insgesamt noch mehr Zinserhöhungen vornehmen müssten als derzeit vorhergesehen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Anfang November 2026 rechnen die Geldmärkte mit etwas mehr als zwei Zinsschritten bis Mitte 2027, sowohl für die US-Notenbank (Fed) als auch die Europäische Zentralbank (EZB).
  • Französische Staatsanleihen dürften weiter unter besonderer Beobachtung stehen. Mindestens bis zu den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2027 dürfte das Unsicherheitsniveau hoch bleiben.
  • Im Wettlauf um Kapital können Anleihe-Investoren mittelfristig mit deutlich höheren Renditen als in den 2010er Jahren rechnen, auch in realer Betrachtungsweise (also nach Inflation). Die im Hintergrund wabernde Debatte um die Schuldentragfähigkeit vieler Emittenten sowie der längerfristig unsichere Inflationsausblick könnten die Laufzeitprämien für längere Laufzeiten ansteigen lassen.
  • Unternehmensanleihen bieten weiterhin eine vergleichsweise geringe Risikoprämie: Die Risikozuschläge („Spreads“) gegenüber Staatsanleihen bewegen sich trotz jüngster Anstiege auf historisch niedrigem Niveau. Das spiegelt noch immer solide Unternehmensbilanzen wider, lässt aber kaum Puffer für Enttäuschungen. Selektive Titelauswahl bleibt entscheidend.
  • Der US-Dollar hat kurzfristig von der Aussicht auf kommende Zinserhöhungen der Federal Reserve profitiert. Gleichzeitig zeigte sich der Euro durch die FrankreichThematik belastet. Strukturell sollte der US-Dollar aber durch hohe Defizite und die Debatte um die Schuldentragfähigkeit belastet bleiben.
  • Der Ölpreis bleibt weiter ein Spielball geopolitischer Entwicklungen, vor allem jener rund um den Iran-Konflikt. Gerade im Umfeld der US-Zwischenwahlen dürfte weiter mit stark schwankungsanfälligen Märkten zu rechnen sein.
  • Gold erscheint strukturell gut unterstützt durch anhaltend Zentralbanknachfrage und die Debatte um die USSchuldentragfähigkeit. Steigende Realrenditen - auch durch den neuen Wettlauf um Kapital - erhöhen jedoch die Opportunitätskosten für das zinslose Edelmetall.

Einen langen Atem im Wettlauf um Kapital wünscht Ihnen

Stefan Rondorf 
Senior Investment Strategist Global Economics & Strategy

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