Raiffeisen Capital Management Artikel vom 21.09.2026
Das Thema der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen könnte aktueller nicht sein. Die geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre haben vor allem uns Europäer:innen in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie verwundbar eine von fossilen Energieimporten abhängige Gesellschaft ist.
Erneuerbare Energien im Überblick
Die nun wieder im Mittelpunkt des Interesses stehenden erneuerbaren Energien haben bekanntermaßen den Vorteil, Energiequellen zu sein, die sich auf natürliche Weise regenerieren und nach menschlichen Maßstäben praktisch unerschöpflich sind.
- Im Zentrum der Klimadebatte stehen sie deshalb, weil ihre Nutzung im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdöl und Erdgas keine oder nur minimale Treibhausgasemissionen verursacht. Die Reduktion dieser Emissionen ist essenziell, um die immer weiter fortschreitende und immer spürbarer werdende Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen.
- Verschiedenste Formen an erneuerbarer Energie präsentieren sich als Alternative zu den Fossilen. Wasserkraft, die weltweit als eine der zuverlässigsten Quellen gilt und in Österreich traditionell eine dominierende Rolle spielt, ist die wahrscheinlich schon am längsten durch den Menschen genutzte erneuerbare Ressource. Die immer bedeutender werdende Photovoltaik wandelt Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom um und hat in den vergangenen Jahren einen – aus Nachhaltigkeitssicht erfreulich – beeindruckenden Kostensturz erlebt. Windkraft nutzt die kinetische Energie bewegter Luftmassen und ist mittlerweile eine der günstigsten Stromerzeugungsformen überhaupt. Biomasse umfasst organische Materialien wie Holz, landwirtschaftliche Reststoffe oder Biogas, die zur Strom- und Wärmegewinnung genutzt werden. Geothermie schließlich nutzt die Wärme aus dem Erdinneren.
- Erneuerbare Energien verringern die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen, reduzieren Treibhausgasemissionen, schaffen regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze und bieten langfristig stabile und kalkulierbare Energiekosten. Dem gegenüber stehen aber auch Herausforderungen: Die Volatilität von Wind- und Solarenergie erfordert intelligente Netze, Speicherlösungen und flexible Backup-Kapazitäten. Der Flächenbedarf kann zu Nutzungskonflikten führen, und die Anfangsinvestitionen sind mitunter beträchtlich. Zudem entstehen neue Abhängigkeiten, etwa bei kritischen Rohstoffen und Komponenten.
Krisen als Weckruf
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022 löste eine von Teilen der europäischen Industrie noch immer nicht überwundene Energiekrise aus. Millionen europäischer Haushalte und Tausende Unternehmen waren plötzlich mit explodierenden Gas- und Strompreisen konfrontiert. Kaum hatte sich die Lage stabilisiert, sorgten die jüngsten Spannungen im Nahen Osten – insbesondere die Eskalation rund um den Iran – erneut für Nervosität an den Energiemärkten. Die Botschaft ist unmissverständlich: Energiesicherheit ist nicht länger eine abstrakte Frage der Wirtschaftspolitik, sondern eine Angelegenheit der nationalen und europäischen Sicherheit. Der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien ist damit nicht nur ein Gebot des Klimaschutzes, sondern auch der strategischen Vorsorge.
Erneuerbare Energien bieten langfristig stabile und kalkulierbare Energiekosten.
Eine kritische Bestandsaufnahme
Österreich hat bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen bereits einen beachtlichen Stand erreicht.
Rund 80 Prozent des Stroms stammen aus regenerativen Quellen, wobei die Wasserkraft mit einem Anteil von etwa 60 Prozent das Rückgrat bildet. Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) von 2021 hat sich die Republik ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2030 soll der gesamte nationale Stromverbrauch bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden.
Doch diese Zahlen sind jedenfalls einen zweiten Blick wert. Im Gesamtenergieverbrauch – also inklusive Wärme und Verkehr – liegt der Anteil erneuerbarer Energien in Österreich nur bei etwa einem Drittel. Der Wärmesektor ist nach wie vor stark von fossilem Gas abhängig, und im Verkehr dominieren Erdölprodukte. Hier klafft eine enorme Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Was fehlt, ist vor allem Tempo. Die Genehmigungsverfahren für Wind- und Solarparks ziehen sich oft über Jahre hin. Netzausbau und Speicherinfrastruktur hinken dem Bedarf hinterher. Die notwendige Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors steckt vielerorts noch in den Kinderschuhen. Auch der Fachkräftemangel in Planungs-, Installations- und Wartungsbereichen bremst den Ausbau.
Lerneffekte
Die vergangenen Jahre haben wertvolle Erkenntnisse gebracht:
- Erstens hat sich gezeigt, dass Technologiekosten bei konsequenter Förderung und Skalierung drastisch sinken können. Die Kosten für Photovoltaikmodule sind seit 2010 um über 90 Prozent gefallen, Windkraft an Land ist heute oft günstiger als jedes fossile Kraftwerk.
- Zweitens wurde deutlich, dass eine einseitige Fokussierung auf einzelne Technologien riskant ist. Österreichs starke Wasserkraftbasis ist ein Segen, aber Trockenperioden im Sommer zeigen die Grenzen auf. Die Diversifizierung hin zu Wind und Sonne ist daher unerlässlich. Insbesondere die Windkraft hat in Ostösterreich großes Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist. In Bundesländern wie Niederösterreich und dem Burgenland wurden positive Erfahrungen mit Windparks gesammelt, während andere Länder wie Tirol oder Salzburg aktuell windkraftfreie Zonen sind.
- Drittens hat die Energiekrise 2022 gelehrt, dass Bürgerinnen und Bürger bereit sind, selbst aktiv zu werden. Der Boom bei privaten Photovoltaikanlagen und Balkonkraftwerken war ein eindrucksvolles Signal. Diese dezentrale Energiewende von unten kann eine wichtige Säule des Gesamtsystems werden, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen.
- Viertens wurde klar, dass gesellschaftliche Akzeptanz kein Selbstläufer ist. Widerstand gegen Windräder, Freiflächenphotovoltaik oder Stromleitungen kann Projekte um Jahre verzögern. Frühzeitige Bürger:innenbeteiligung und finanzielle Teilhabe der Anrainergemeinden haben sich als wirksame Gegenmittel erwiesen.
Die Ansiedlung von Produktionskapazitäten für Solarzellen, Batterien und Windkraftkomponenten in Europa verdient Förderung.
Abhängigkeiten und Lieferketten: neue Risiken am Horizont
Der Abschied von fossilen Brennstoffen bedeutet nicht das Ende aller Abhängigkeiten – er verschiebt sie lediglich. Die Photovoltaikindustrie ist ein Paradebeispiel:
Rund 80 Prozent der weltweiten Solarzellen- und Modulproduktion konzentrieren sich in China. Auch bei Wechselrichtern, Batteriespeichern und den dafür benötigten Rohstoffen wie Lithium, Kobalt und seltenen Erden dominieren wenige Länder, allen voran China, den Markt.
Bei der Windkraft sieht es etwas besser aus, da mit Vestas, Siemens Gamesa und Nordex starke europäische Hersteller existieren. Doch auch hier stammen viele Komponenten und Rohstoffe aus Fernost. Die Magnetproduktion für Windturbinen ist stark von chinesischen Lieferanten abhängig.
Für Österreich und Europa ergeben sich daraus mehrere Risiken:
Lieferengpässe können Ausbauziele gefährden, wie sich 2021 und 2022 bei Solarmodulen zeigte. Preisschwankungen bei Rohstoffen verteuern Projekte. Politische Spannungen mit China könnten Lieferketten unterbrechen. Und die Konzentration auf wenige Anbieter ermöglicht Marktmanipulation.
Engpassfaktoren zeigen sich auch im Inland: Der Ausbau der Stromnetze, insbesondere der Hochspannungsleitungen, kann mit dem Zubau an Erzeugungskapazitäten nicht Schritt halten. Transformatoren und Schaltanlagen haben teilweise Lieferzeiten von über zwei Jahren. Fachkräfte für die Installation und Wartung von Anlagen sind Mangelware. Auch verfügbare Flächen werden angesichts von Naturschutz, Landwirtschaft und Siedlungsdruck zunehmend knapp.
Forderungen an die österreichische Politik
Angesichts dieser Ausgangslage braucht es entschlossenes politisches Handeln auf mehreren Ebenen.
- Zum einen müssen Genehmigungsverfahren radikal beschleunigt werden. Das Prinzip des überragenden öffentlichen Interesses an erneuerbaren Energien, wie es die EU vorsieht, muss konsequent in nationales Recht umgesetzt werden. Einheitliche Standards zwischen den Bundesländern, verbindliche Fristen und digitale Verfahren können die Projektlaufzeiten halbieren.
- Des Weiteren bedarf es einer vorausschauenden Netz- und Speicherstrategie. Der Ausbau der Übertragungsnetze muss als nationale Priorität behandelt werden. Anreize für Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke und innovative Lösungen wie grünen Wasserstoff sind zu verstärken.
- Auch sollte Österreich auf europäischer Ebene für den Aufbau resilienter Lieferketten eintreten. Die Ansiedlung von Produktionskapazitäten für Solarzellen, Batterien und Windkraftkomponenten in Europa verdient Förderung. Strategische Rohstoffpartnerschaften mit verlässlichen Lieferländern sind zu diversifizieren.
- Zudem braucht es massive Investitionen in Aus- und Weiterbildung. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn genügend Elektrotechniker:innen, Installateure und Installateurinnen sowie Planungsfachleute zur Verfügung stehen. Berufsschulen, Fachhochschulen und Umschulungsprogramme müssen entsprechend ausgestattet werden.
Schließlich ist die soziale Dimension der Energiewende ernst zu nehmen. Einkommensschwache Haushalte dürfen nicht durch steigende Energiekosten oder teure Sanierungspflichten überfordert werden. Gezielte Förderungen, soziale Staffelungen und Beratungsangebote können sicherstellen, dass die Transformation gerecht verläuft.
Am Ende muss die Politik den Mut aufbringen, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen. Der Ausstieg aus fossilem Gas im Wärmesektor, ambitionierte Sanierungsquoten und ein beschleunigter Abschied vom Verbrennungsmotor sind notwendig, auch wenn sie kurzfristig auf Widerstand stoßen.
Fazit
Die Energiewende ist keine technische Spielerei, sondern eine Existenzfrage. Die Krisen der Gegenwart – von der Ukraine bis zum Nahen Osten – erinnern uns täglich daran, dass ein Energiesystem, das auf demokratisch kontrollierten, heimischen und sauberen Quellen basiert, kein Luxus ist, sondern eine strategische Notwendigkeit. Österreich hat alle Voraussetzungen, um bei dieser Transformation eine Vorreiterrolle einzunehmen. Was noch fehlt, ist die Entschlossenheit, dieses Potenzial auch tatsächlich zu heben.